Der Prinz rennt. In Strumpfhosen wohlgemerkt und auf Zehenspitzen. Leise, leise, um den Schwan nicht zu erschrecken, schliesslich will er ihn heiraten. Tänzer in Strumpfhosen, absurde Handlungen – wo es um klassisches Ballett geht, sind auch die Klischees nicht weit.

Nicht so im Opernhaus Zürich: Der Vorhang geht auf zu «Bella Figura» (von Jiří Kylián), doch weit und breit kein Prinz in Sicht. Dafür Tänzer und Tänzerinnen in langen, roten Röcken, die Oberkörper entblösst. Männerbrüste, Frauenbrüste. Verletzlich wirken sie. Und im grellen Licht der Scheinwerfer verstörend ähnlich. Können Zuschauer-Blicke Grenzen verletzen? Wenn ja, wird Hinschauen hier zum Übergriff.

«Als Zuschauer empfindet man eine Wucht, die in der Kopräsenz von Publikum und den Körpern auf der Bühne in Gemeinschaft mit der Musik entsteht», erläutert Tanzwissenschafterin Christina Thurner einen Aspekt der Magie, die vom Ballett Zürich ausgeht.

Ausverkaufte Plätze ohne Sicht

Es muss eine wirksame Magie sein, denn die Auslastungszahlen sind hoch; höher noch als bei der ebenfalls erfolgreichen Sparte Oper – so hoch, dass es gar nicht mehr höher geht. Zu 98 Prozent waren die Vorstellungen in der Saison 2017/2018 verkauft, im Vergleich dazu: Basel hat 79 Prozent Auslastung, Luzern 56 Prozent. Selbst Plätze mit eingeschränkter Sicht gingen weg wie warme Brötchen.

Erstaunlich ist das nicht. Kein Film, kein Stream schafft es, die räumlichste aller darstellenden Künste wirklich einzufangen. Wer Ballett erleben will, muss da sein, wenn es passiert. Physisch im Raum, den die Tänzer mit ihren Körpern gestalten.

«Ballett als Kunstform ist ausgerichtet auf Grösse, um wirken zu können», sagt die Christina Thurner und fügt an: «In der Schweiz gibt es nur noch in Zürich sowie annähernd noch in Genf und Basel richtig grosse Compagnien. Jene in Luzern, St. Gallen und Bern wurden zusammengeschrumpft.» Ist es also die konkurrenzlose Grösse des Balletts Zürich, die beim Publikum «klick» gemacht hat?

Nicht nur. Schuld daran ist vielmehr Christian Spuck. Seit 2012 leitet der Deutsche die Zürcher Compagnie und ist präsenter in Schulen, Stadt und auf Social Media als je ein Ballettdirektor vor ihm. Und wer seine Choreografien schaut, dem bleibt nicht viel anderes übrig, als ergriffen zu sein.

Das Vokabular des Lebens

Wie macht er das? Vielleicht, indem er den schönen Körpern ein Gesicht gibt. In einem Dokfilm des SRF erzählt der Ballettdirektor, mittlerweile habe er den Mut, mit nur einer Idee statt einer minutiösen Choreografie in die Proben zu kommen: «Zusammen mit den Tänzern entwickeln wir daraus das Material, welches ich dann wie ein Bildhauer weiter forme.»

Deshalb tanzen in seinen Choreografien keine Figuren, sondern Individuen – und das erst noch mit einem Bewegungs-Vokabular, das immer vom Menschsein erzählt: Fussstellungen, ähnlich jener von Kleinkindern, Zuckungen wie jene Schlafender, Abwehrbewegungen, intime Gesten. Es ist das Vokabular des Lebens.

«Eine solche Entwicklung des Balletts ist international zu beobachten», erklärt Tanzexpertin Nina Scheu. Denn, galt Ballett während Jahrhunderten als allem Irdischen entrückt, trippelten und schwebten da Luftwesen schwere- und oft auch emotionslos über die Bühne, so holt das Menschliche das Ballett ein.

Und mit ihm Laien: «An unserer Schule boomen die Anfänger-Klassen für Erwachsene», schildert Franziska Frei, Leiterin des Ballett-Tanz-Institutes in Zürich. Auch beim Universitäts-Sport ASVZ biete man mehr Lektionen an, da in den vergangenen zwei Jahren die Nachfrage nach Ballettstunden markant angestiegen sei, erzählt die Disziplin-Verantwortliche Yvonne Bühler. Heute lernen Erwachsene jene Pliés und Pirouetten, von denen sie als Kind träumten. Tanzwissenschafterin Christina Thurner bestätigt: «Es ist ein Trend, der aus dem englischsprachigen Raum zu uns schwappt. Dort trainiert man in altersgemischten Gruppen sowie Profis mit Laien zusammen. Das Ballett erfährt so eine Popularisierung.»

Es ist, als ob das Ballett immer mehr ins Leben ausbreche. Und umgekehrt: Auf der Bühne bricht mit Christian Spuck das Leben ins Ballett ein. Und der Tod. Denn es seien die grossen Tragödien um Liebe und Tod, die Christian Spuck seinen Zuschauern mit Vorliebe präsentiere, zieht die Tanzexpertin Nina Scheu Bilanz über Spucks bisherige Zürcher Zeit und fügt an: «Das sind genau die Themen, welche Menschen zwischen 13 und 33 umtreiben.»

Tatsächlich. In den bislang sieben Zürcher Jahren von Christian Spuck konnte man Romeo und Julia, Woyzeck, Anna Karenina oder Odette beim Lieben und Sterben zusehen. In der einzigartigen Tanz-Adaptation von Verdis monumentalem Requiem galt für einmal sogar: Tanz mir das Lied vom Tod. Denn man bekam Sterben, Leid, Vereinzelung so schmerzhaft schön zu sehen, wie nie zuvor. «Statt der typischen Märchengeschichten wählt Spuck die grossen Stoffe der Weltliteratur oder der Musik- und Ballettgeschichte», legt Christina Thurner dar. «Aber er wählt sie so, dass sie etwas mit unserer Aktualität zu tun haben.»

Trost der Schönheit

Ist dieser Schlüssel zur Aktualität auch der Schlüssel zum Erfolg? Denn statt einem «in Schönheit sterben», wie man es bei aus Russland importierten «Schwanensee»-Choreografien von Marius Petipa (1818–1910) antrifft, stirbt bei Christian Spuck statt der Inszenierung die Protagonistin – aber das tut sie in aller Schönheit. Den Aspekt der Ästhetik nämlich, den lässt sich der Ballett-Direktor trotz Social Media, Modernität und Lebendigkeit nicht nehmen. Man stelle sich nur vor, Dostojewskis «Verbrechen und Strafe», Houellebeqcs «Serotonin» trügen bei aller Drastik auch den Glanz der Schönheit in sich! Christian Spuck mag ein Ballett-Direktor sein, dessen Erfolg viele Geheimnisse hat. Aber das bedeutendste ist vielleicht, dass er einem zwar die Abgründe des Lebens vorführt, doch die Trostlosigkeit auflöst im Schimmer der Schönheit.