Im Schiffbau fühlt es sich schon nach Auflösung an. Die Stühle im Foyer sind aufgestapelt, ab und an huscht jemand vorbei, der leere Raum gähnt riesig. Doch da sind die Wegweiser, «Medienkonferenz» steht über einem Pfeil. Die Beschilderung führt tief in die Eingeweide des Schiffbaus, vorbei an Türen und Wänden, auf denen «Kein Eingang» steht, in die Montagehalle. Neben Werkbank, Blechwaschbecken und Stromverteilerkasten eine kleine Bühne, auf dem Bildschirm darauf eine Diashow mit Porträts des neuen Ensembles. Die Pressekonferenz werde etwas anders ablaufen, sagt die Presseverantwortliche, und muss kurz überlegen, wie der Dramaturg heisst, dem man folgen soll. Es wird klar: Hier startet etwas völlig Neues.

Das Schauspielhaus Zürich bekommt eine junge Doppelspitze. Regisseur Nicolas Stemann und Dramaturg Benjamin von Blomberg führen das Haus als Co-Intendanten, vor zwei Jahren wurden sie berufen, jetzt geht es los. Und sie warten mit einem aussergewöhnlichen Programm auf, erweitern den herkömmlichen Theaterbegriff.

Dem Schauspielensemble, das sie auf 35 vergrösserten und um Tänzer und Performer erweiterten, stellen sie ein Regieensemble zur Seite: einmalig in der Theaterlandschaft. Acht Hausregisseurinnen und -regisseure, darunter Stemann, werden in Zürich arbeiten. Denn: «Theater ist eine kollektive Kunstform», sagt Stemann zur Begrüssung.

Jede und jeder erklärt sich, auf Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch

In Gruppen eingeteilt, begegnen knapp 30 Medienschaffende den acht. Speed-Dating, acht Minuten pro Künstler. Ein Fragemarathon beginnt, für beide Seiten. Es werden, trotz der Kürze, spannende Begegnungen, auf Englisch, auf Deutsch, auf Schweizerdeutsch; im Malersaal, in der Montagehalle, auf der Probebühne. Jede und jeder erklärt sich, zuvorkommend, einfühlsam, mitteilsam. Klar sind acht Minuten kurz, zu kurz. Trotzdem: Intensiver hat man eine Spielzeitpräsentation noch nicht erlebt.

Da ist Regisseur Alexander Giesche (36), der von seiner 64-Stunden-Peepshow erzählt, in der die Zuschauer einzeln in Glaskästen vor einer dauerrotierenden Drehbühne sitzen – «was passiert mit dem Theater, wenn alle nur noch zu Hause hocken, wenn es kein gemeinsames Theatererlebnis mehr gibt?». Oder Wu Tsang (37), international gefeierte Transgenderkünstlerin aus den USA, die ihr Ensemble Moved by the Motion mit nach Zürich bringt und sich auf die interdisziplinäre Arbeit freut, darunter ein Live-Film-Projekt.

Regisseur Christopher Rüping (33), die letzten drei Jahre Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, erzählt so begeistert vom neuen Zürcher Ensemble, als wäre man der erste, der ihn danach fragt, dabei hat er es gerade schon sechsmal erzählt. Und nein, sie seien kein Regiekollektiv, «wir sind alle extrem unterschiedliche Künstler», es gebe Austausch, aber keine inhaltliche oder ästhetische Annäherung.

Junges Theater ist Chefsache

Co-Intendant Nicolas Stemann (50) erzählt stolz, dass er «Schneewittchen» inszeniert, das Weihnachtsmärchen ist sein Einstand im Pfauen. Ja, das sei ein Statement, junges Theater ist Chefsache. Zuvor wird sein «Faust»-Marathon im Schiffbau gezeigt, auch dies eine Übernahme, wie alle Produktionen, die am Eröffnungswochenende im September gespielt werden. «Alle acht Regisseure haben eine Vorgeschichte, eine Werkgeschichte», mit dieser stellen sie sich dem Zürcher Publikum vor.

Darin spiegelt sich Stemanns grundlegendes Verständnis von Theater wider: Warum soll man eine Produktion nicht auch woanders zeigen? «Es geht nicht darum, wo die Arbeiten entstanden sind, das ist die falsche Frage», sagt Stemann. Die Arbeiten müssen toll sein.

Das Schauspielhaus baut ein Kooperationsnetzwerk auf: Christoph Marthaler wird inszenieren, Arbeiten von Milo Rau werden gezeigt, mit dem Theater Bochum beginnt eine Art Stück-Austausch.

Vielleicht verfolgt man eine Utopie

Ob das gut geht, acht extrem verschiedene Künstler, gleichwertig nebeneinander? «Es ist ein Experiment», sagt Stemann. Und eine zeitgemässe Form, einen Betrieb zu führen. Flache Hierarchien statt allmächtigem Intendanten. Man klammere Konflikte nicht aus, sagt von Blomberg. «Wir wachsen aneinander.»

Vielleicht verfolge man eine Utopie, sagt Stemann. In Zeiten, in denen sich jeder in seiner Social-Media-Blase abkapsele, laden sie in Zürich unterschiedliche Leute ein, um gemeinsam zu arbeiten.