Mein Lieblingswerk
«Spürt der Mann neben der Windsbraut, dass ein Weltkrieg im Anzug ist?»

CVP-Grossrat Oswald Inglin wählt Oskar Kokoschkas «Windsbraut» als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

Oswald Inglin
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In der «Windsbraut» von 1913 malte Oskar Kokoschka sich mit seiner Geliebten, Alma Mahler.

In der «Windsbraut» von 1913 malte Oskar Kokoschka sich mit seiner Geliebten, Alma Mahler.

Kunstmuseum Basel

«Beim Betrachten der «Windsbraut» werde ich immer wieder in den Strudel von Kokoschkas Pinselorgie hineingezogen.

Eigentlich stellt das Bild ein Liebespaar dar, eben den Künstler mit seiner damaligen Geliebten Alma Mahler, der Witwe des bekannten Komponisten. Während die Frau entspannt an der Schulter des Mannes schläft, ist die Angespanntheit des Letzteren unübersehbar: Gesicht beinahe entstellt, die Hände verkrampft. Und dann dieses kühle Blau, die stürmisch erscheinende Berglandschaft im kalten Mondlicht im Hintergrund. Wie anders ist doch das Bild mit ähnlichem Motiv seines ebenfalls österreichischen Zeitgenossen Gustav Klimt, ‹Der Kuss›, das nur vier Jahre früher entstand.

Oswald Inglin ist Präsident der Bildungs- und Kulturkommission im Basler Grossen Rat.

Oswald Inglin ist Präsident der Bildungs- und Kulturkommission im Basler Grossen Rat.

Nicole Nars-Zimmer niz

Möglich, dass der Künstler das fragile Liebesverhältnis zwischen ihm und seiner Geliebten darstellen wollte. Je länger ich mich aber mit diesem Bild befasse, desto mehr schwingt für mich auch die ebenso fragile politische Situation des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs mit: ‹Schlafwandler› wurden die Staatsoberhäupter der Kriegsnationen dieses grauenhaften Waffenganges auch schon genannt, da sie sich – allesamt blutsverwandt übrigens – einfach so in diesen Krieg hineinziehen liessen. Spürt der Mann neben der Windsbraut, beinahe seismografisch, was im Anzug ist?

Das Bild wühlt mich immer wieder auf und erinnert mich daran, dass nichts als gegeben vorausgesetzt werden kann, weder Liebe noch Frieden und Unversehrtheit.»