BuchBasel

Starautor präsentiert epischen Roman am Literaturfestival

«Wer die Zeit wahrnehmen will, wendet seinen Blick immer auch gleichzeitig in sein Inneres.» Christoph Ransmayr, Autor

«Wer die Zeit wahrnehmen will, wendet seinen Blick immer auch gleichzeitig in sein Inneres.» Christoph Ransmayr, Autor

Heute Freitag eröffnet die dreitägige Buch Basel. Zu den Stargästen gehört der Autor Christoph Ransmayr, der seinen neuen Roman vorstellen wird.

Sieben Monate war er unterwegs, Alister Cox, der Automatenbauer aus London, bis er in China ankommt: von Kaiser Qiánlóng «als erster Mensch der abendländischen Welt» in die Verbotene Stadt geholt, «um nie gesehene Werke nach den Plänen und Träumen des Allerhöchsten zu erschaffen».

Wir befinden uns im 18. Jahrhundert. Der Kaiser ist unvorstellbar reich und herrscht wie ein Gott über sein Reich. Und auch wenn Cox ihn zunächst nicht trifft, bloss über den Übersetzer und unzählige Diener mit ihm korrespondieren kann, weiss er bald, was er mit seinen drei Mitarbeitern für ihn bauen soll. Es ist zunächst eine Uhr, die die Zeit so misst, wie ein Kind sie erlebt; danach «eine Uhr für Sterbende», für die die Zeit rast und wieder stockt; und schliesslich eine «zeitlose Uhr», die «die Ewigkeit messen» kann.

Cox baut die erste Uhr in ein märchenhaftes silbernes Schiff hinein; das Werk wird über die Segel vom Atem bewegt. Die zweite als «Feueruhr» in Gestalt eines Stücks der Chinesischen Mauer, angetrieben von der Glut duftender und stinkender Essenzen, und die dritte, das Perpetuum mobile, plant er als Säule, gefüllt mit 190 Pfund Quecksilber, das auf den Luftdruck reagiert. Er schafft es mit seinem Team, den strengen Kaiser, diesen Herrn auch «über die Zeit», zu befriedigen – wie, soll nicht verraten werden. Und die Engländer kommen auch heil wieder ausser Landes; sie haben Glück, denn der Kaiser ist streng und grausam. Und Cox fiel auch nicht vor ihm in die Knie, sondern wie betäubt vor An, der Schönsten seiner 3000 Konkubinen.

Grösse, Sinnlichkeit und Wucht

Der Roman «Cox oder Der Lauf der Zeit» ist opulent, und alles an ihm zielt ins Grosse: die Figuren, die exemplarischen Szenen und üppigen Kulissen, die Fragestellungen und die bezwingende Sprache (und leider auch das Layout; der Text wird mit viel Durchschuss gedehnt). Damit setzt er fort, was das Werk des 1954 in Oberösterreich geborenen Autors auszeichnet.

Christoph Ransmayr wurde 1984 mit dem vielschichtigen Arktis-Expeditions-Roman «Die Schrecken des Eises und der Finsternis» gleich berühmt, was sich mit «Die letzte Welt», dem Ovid-Roman (1988), noch steigerte. Es folgten – dies die Meilensteine seines Schaffens – 1995 «Morbus Kitahara», die Vision eines in den Agrarzustand zurückgezwungenes, archaisches Nachkriegsdeutschland; 2006 «Der fliegende Berg», ein von Reinhold Messners Schicksal inspiriertes Bergsteiger-Drama, und 2012 der «Atlas eines ängstlichen Mannes», ein Buch, das aus siebzig Geschichten komponiert ist, die rund um den Globus führen.

Abenteuer und Unerhörtes

«Ransmayr erzählt von Expeditionen, Abenteuern, Reisen und unerhörten Begebenheiten», hat Hubert Spiegel geschrieben, «um darin nicht das Einzigartige, sondern das Allgemeinste zu entdecken.» Doch die erzählte Welt enthält dabei so viel Unverkennbares, Sinnliches und Berührendes, dass ihrer Wucht kaum zu entgehen ist, und schon gar nicht ihrer klaren Deutungs-Absicht (die sich auch am Titel des neuen Romans zeigt: es geht hier um «den» Lauf «der» Zeit). Ransmayrs Texte sind Welt-Modelle, gespiesen von Mythen und Märchen (bei «Cox» etwa die Dreizahl der Arbeiten); an ihnen sollen wir das grosse Ganze verstehen lernen und die darin eingeschlossene Mechanik des Menschlichen (um es in Cox’ Sprache zu sagen).

In der Buchstabensuppe gelesen

Christoph Ransmayr hat Philosophie und Ethnologie studiert und war (Reise-)Journalist, bevor er zum Autor wurde; die Wurzel seiner Welt-Erfindungs-Fähigkeit jedoch steckt in der Kindheit. Wer seine Rede an der Eröffnung der BuchBasel 2013 gehört hat, weiss es genau: Es war die Buchstabensuppe, die seine Mutter aufgetischt hat und in der der kleine Christoph so gern fischte. Die Buchstaben waren ihm dabei erst Phantasie-Figuren, bevor sie lesbar wurden; aber die Sprache blieb ans Phantasieren gebunden. Und dieses an das eigene Leben und die Selbst-Erkenntnis – denn «wer die Zeit wahrnehmen will», hat der Autor in einem Interview gesagt, «wendet seinen Blick immer auch gleichzeitig in sein Inneres.»

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2016. 304 S., Fr. 22.50; auch als Hörbuch. Lesung an der BuchBasel: Sonntag, 13. 11., um 17 Uhr im Volkshaus.

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