Rimini Protokoll
Stefan Kaegi: «Politikberater sind oft richtige Rampensäue»

Während in Paris der Klimagipfel steigt, übernehmen beim grossen Theaterprojekt «Welt-Klimakonferenz» des Kollektivs Rimini Protokoll die Zuschauer die Rollen der 196 Delegierten. Welches Land sie dabei repräsentieren, können sie nicht aussuchen.

Elena Manuel
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Das preisgekrönte Kollektiv Rimini Protokoll, Stefan Kaegi, Helgard Haug, Daniel Wetzel (v.l.n.r.), präsentiert heute in Basel Film und Buch.

Das preisgekrönte Kollektiv Rimini Protokoll, Stefan Kaegi, Helgard Haug, Daniel Wetzel (v.l.n.r.), präsentiert heute in Basel Film und Buch.

David von Becker

Herr Kaegi, zum Kollektiv Rimini Protokoll gehören auch noch Helgard Haug und Daniel Wetzel. Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich mal nicht einig sind?

Stefan Kaegi: Wir verhandeln wie die Klima-Experten in Paris – Mehrheitsbeschlüsse reichen meistens nicht. Wenn nicht alle einverstanden sind, verhandeln wir solange, bis wir uns einig sind. Zur Auflockerung werfen wir manchmal eine Münze und verhandeln danach weiter.

Ihr grosses Theaterprojekt «Welt-Klimakonferenz» hat am 21. November 2014 im Schauspielhaus Hamburg Premiere gefeiert. Nun zeigen Sie einen Film in der Kaserne, in dem man die Aufführung miterleben kann. Letzte Woche fand die reale Welt-Klimakonferenz statt. Wie haben Sie diese mitverfolgt?

Letze Woche war ich in Paris vor Ort und habe mir auf dem Konferenzgelände die Stände der zahlreichen NGOs und Energie- und sogar Immobilienfirmen angeschaut, die rund um die Konferenz Geschäfte machen. Da hängt ja eine ganze Industrie mit dran. Letzten Mittwoch haben wir zudem in Berlin eine Veranstaltung organisiert, in der wir uns zu den Schweizer Delegierten live in die Konferenz zugeschaltet haben. Ich verfolge das Geschehen täglich. Gestern hat zum Beispiel der Konferenzleiter Laurent Fabius einen Entwurf vorgelegt, indem wieder das Ziel drinsteht, die Erderwärmung innerhalb der 1,5 Grad-Limite zu behalten. Das hat mich erstaunt. Experten halten dieses Ziel für unrealistisch.

In Ihrem Theaterprojekt übernehmen die Zuschauer die Rollen von 196 Delegierten, die an der Konferenz teilnehmen. Wie funktioniert das?

Zu Beginn der Vorstellung werden die Zuschauer einer Delegation zugeordnet. Drei bis vier Zuschauer repräsentieren jeweils ein Land. Sie sind zum Beispiel Delegierte aus Angola, aus Finnland oder Saudi-Arabien. Am Ende des Abends müssen sie die Senkung der CO2-Emissionen für die Jahre 2020 und 2050 für ihr Land festlegen und über die Finanzhilfen für mehrere Staaten entscheiden. Die Entscheidungen der Zuschauer unterstützen wir mit 196 Büchlein, die wir mit dem Max-Planck-Institut erarbeitet haben. Darin werden die Zuschauer über ihr Land informiert, über die politischen Bündnisse, die Einwohner, den CO2-Ausstoss, die Finanzen. Zusätzlich beraten 21 Experten wie etwa Klima-Forscher, Länder- oder politische Berater die Zuschauer und es finden Briefings über Gletscher oder die Afrikanische Union statt.

Dürfen die Zuschauer aussuchen, welches Land sie vertreten möchten?

Nein. Wir teilen die Zuschauer ein, damit sie mit einem Land konfrontiert werden, von dem sie womöglich noch nie gehört haben. Das ist der wichtigste Clou des Abends. So kann es sein, dass ein Zuschauer Vertreter eines Landes wird, das er eher nicht als Vorbild im Umgang mit dem Klimawandel bezeichnen würde, oder sich in eine Ideologie hineinversetzen muss, die er selbst nicht teilt.

Wie kommen die Zuschauer am Ende zum Ziel, gemeinsam eine Entscheidung zu fällen?

Jedes Land reicht seinen Entscheid beim Infoschalter ein. Ein Programm berechnet das Ergebnis. In der letzten Aufführung wollten die Zuschauer, dass die CO2-Emissionen bis 2020 erheblich gesenkt würden, bis 2050 schnitt das Ergebnis dann schlechter ab. Das Gesamtresultat war aber nicht weit weg von den Erwartungen, die an die Klimakonferenz geknüpft sind. Es kam einmal vor, dass eine Delegation eines kleinen Landes bei der Finanzhilfe anderer Länder drei Nullen mehr im Budget aufgeschrieben hatte, als sie zahlen konnte. Aus Millionen wurden so Milliarden, aber im Allgemeinen handeln unsere Zuschauer erstaunlich realitätsnah.

Gibt es nicht auch Schwierigkeiten, sich in einer solch hochdemokratischen Konferenz, die keine Mehrheitsbeschlüsse erlaubt, zu einigen? Gab es in einer Vorstellung auch schon Streit?

Bis jetzt nicht. Das Publikum in Hamburg verhält sich hanseatisch zurückhaltend. Es wird heftig diskutiert, aber selten gestritten. Die Textverhandlungen verlaufen untereinander, in kleineren Sitzungen. Bei realen Konferenzen ist es auch schon geschehen, dass der Sitzungsleiter bewusst ein kleines Land überhört hat, damit man zur Einigung kommt. Sonst wäre es damals in Cancún unmöglich zu einem Beschluss gekommen.

Eine solche Monster-Konferenz zu simulieren, bei der Experten, Politiker, Wissenschafter teilnehmen, ist eine komplexe Angelegenheit. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Wir haben Konferenzdiplomaten befragt und uns von Kennern beraten lassen, welche Briefings die Länder brauchen, damit das Spiel funktioniert. Heute Abend sind sogar zwei unserer Experten aus Paris live zugeschaltet.

Sie arbeiten in Ihren Projekten oft mit «Experten des Alltags», also mit Menschen, die eigentlich nicht auf der Bühne stehen. Wie überzeugen Sie diese, sich auf eine Bühne zu stellen?

Bei manchen ist es einfach. Politikberater sind oft richtige Rampensäue. Bei den Naturwissenschaftlern brauchte es viel mehr Überzeugungsarbeit. Erstaunlich viele wollten bei dem Projekt mitmachen, hatten bei den Proben aber Angst, Kompromisse einzugehen. Sie mussten ihre wissenschaftliche Genauigkeit ablegen können, damit ihr Input greifbar und theatral nachvollziehbar wurde. Ich habe zum Beispiel versucht, der Wolkenforscherin Vera Schemann eine Nebelmaschine in die Hand zu drücken und sie anhand des Nebels erklären lassen, wie eine Wolke funktioniert. Anfangs hat sie sich quergestellt, weil Kunstnebel natürlich keine Wolke ist – aber mittlerweile hat sie am szenischen Vergleich ihren Spass gefunden.

Sind Experten auch wieder abgesprungen?

Wir haben viele renommierte Fachleute, die manchmal vertreten werden müssen, weil sie anderswo gefragt sind und nicht bei jeder Aufführung teilnehmen können.

In der Kaserne zeigen Sie nun heute einen Film – anstelle der Aufführung. Was wird dort gezeigt?

Wir zeigen die Aufzeichnung der Aufführung, die zeitgleich zum letzten Konferenzabend in der letztjährigen COP20 in Lima stattfand. Das Publikum kann über die Leinwand sechs Zuschauer-Delegationen verfolgen, die sich beraten lassen, Sitzungen halten, verhandeln und Entscheidungen treffen.

Eure Projekte gründen oft auf Partizipation. Ist es auch schon vorgekommen, dass sich Zuschauer verweigert haben? Haben Sie in solchen Fällen einen Notfallplan?

In der Welt-Klimakonferenz ist das noch nie passiert. Die meisten Zuschauer haben keine Angst vor der Partizipation. Es wäre aber auch nicht schlimm, wenn eine Person aus einer Delegation aussteigen würde, da noch mindestens zwei andere Zuschauer beteiligt sind. Auch in Paris werden mal einzelne Delegierte ausfallen.

Die Filmvorführung zum «Welt-Klimakonferenz»-Projekt findet mit einer Buchvernissage über Rimini Protokoll in Anwesenheit Stefan Kaegis in der Kaserne Basel statt: heute, 15. Dezember, um 17 Uhr. Mehr Informationen: www.kaserne-basel.ch

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