Einen Büstenhalter tragen und nach Amerika auswandern. Das sind die Jugendträume, die Chaya ihrem Tagebuch anvertraut. Das Erste ist eine Sehnsucht nach manifestierter Weiblichkeit, das Zweite der Traum von Freiheit.

Den zweiten Wunsch kann man als Leserin kaum zur Kenntnis nehmen, ohne an die absurden jüngsten Ereignisse in den USA zu denken. Kathy Zarnegins Romanfigur Chaya lebt nämlich im Iran, einem jener Länder, die von Trumps Idee des Einreisestopps betroffen sind. Allerdings spielt das Buch in den 1970er-Jahren, einer Zeit, in der viele von Amerika träumten und sich in den USA ein kleiner Teil von dem, was man sich erhoffte, womöglich noch ereignen konnte.

Nach Amerika schicken ihre Eltern Chaya nicht, aber zu einem Onkel in die Schweiz, um ihr eine gute Schulbildung zu ermöglichen. In Basel lernt Chaya eine vollkommen fremde Sprache und wird zur Frau. Dass der Wunsch mit dem Büstenhalter geklappt hat, erfahren wir in dem Moment, als sie beschreibt, wie geschickt einer ihrer Liebhaber diesen zu öffnen in der Lage ist. Konnten wir in Teheran teilhaben an den geistreichen Gedanken eines Mädchens, so folgen wir in Basel gespannt ihren beruflichen Schritten als Lyrikerin und nehmen an der Entwicklung ihres Liebeslebens teil. Sie hat zwei Männer, so wie ihr Vater und ihr Chef zwei Frauen haben.

«Chaya – Persisch – Deutsch»

Das erotische Dreiecksmotiv plätschert aber eher nebenher, der Fokus liegt vielmehr auf einer Dreiecksbeziehung anderer Art, dem Dreieck «Chaya – Persisch – Deutsch». Wir erfahren, was es für Chaya bedeutet, ihre Muttersprache von einem auf den anderen Augenblick zu verlieren und wie es ihr gelingt, sich das Deutsche so anzueignen, dass es zu der Sprache wird, in der sie Gedichte schreibt. «Der Verlust der eigenen Sprache ist etwas, was einem spätestens beim Gedichteschreiben als ein Handicap auffällt, weil es hier nicht nur darum geht, eine Sprache zu beherrschen, sondern auch umgekehrt: von der Sprache beherrscht zu sein», sagt Zarnegin.

Der Roman stützt sich auf einige biografische Momente der Autorin. Sie wurde 1964 in Teheran geboren, kam mit 14 Jahren in die Schweiz, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Basel und Zürich. Sie ist Lyrikerin, Publizistin und Übersetzerin sowie Mitorganisatorin des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auch die Figur Chaya will Schriftstellerin werden, geht aber einen Weg, der betriebliche Strukturen aufweist, und hat Erfolg als Inhaberin einer etwas kuriosen Gedichtagentur.

Mit «Chaya» hat die Lyrikerin Kathy Zarnegin ihren ersten Roman in deutscher Sprache verfasst. Mit zwölf Jahren hatte sie bereits einen Roman in Persisch verfasst, der aber, wie vieles mehr, in Teheran zurückgeblieben ist. Der Sprung von der Lyrik in die Prosa gelingt ihr spielend: Das Romandebut liest sich in einem Zug. Chayas Gedanken sind präzise, an den pointierten Dialogen nimmt man Teil durch ihre Perspektive, die von einer reizvoll ironischen Distanz geprägt ist. Dass sich Chaya und ihre Männer hin und wieder so ausdrücken, dass man denkt, sie sprächen in philosophischen Kurzessays (etwa zur Algebra der Liebe), nimmt man den Figuren nicht übel.

Chaya ist gestaltet als eine Figur, die total im Geistigen daheim ist – ganz im Gegensatz zur Mutter, die einem Materialismus huldigt, oder der Schwester, die einen fröhlichen Pragmatismus an den Tag legt, was sich darin zeigt, dass sie bei ihrem Besuch in Basel Putzmittel aus Teheran mitbringt.

Kathy Zarnegin, in ihren Antworten ebenso klar wie in der Gestik, sagt zur Frage nach dem Verhältnis zu ihrer Protagonistin mit einem herzlichen Lächeln, das Chaya gilt: «Ich denke, es ist ein liebevoll distanziertes Verhältnis.»

Kathy Zarnegin hatte im Unterschied zu Chaya in ihrer Jugend in Teheran niemals den Wunsch verspürt, nach Amerika auszuwandern. Dass sie 1978 in Basel angekommen und geblieben ist, macht die Stadt um einen starken ersten Roman reicher. Hoffentlich nicht ihr letzter Roman, gilt es zu wünschen, wenn Chayas etwas aphoristisch anmutende Sentenz wahr ist: «Es ist Vorsicht angeraten, wenn man sich etwas wünscht, denn Wünsche gehen in der Regel in Erfüllung.»

Sollte ein zweiter Roman folgen, so ist zu hoffen, dass darin die Lyrikerin ebenfalls hin und wieder durchschimmern mag. Wie etwa in folgendem Satz aus dem Romandebüt: «Die Vergangenheit grinst wie eine brennende Giraffe.»