Ein Mädchen liegt auf dem Operationstisch. Der Arzt, der ihr zwischen die Beine greift, um das Jungfernhäutchen zu vernähen, ist voller Häme. Aber Fattah ist gar kein Arzt. Er ist nur angelernt.

Regelmässig trifft er sich mit leitenden Funktionären des berüchtigten Evin-Gefängnisses, wo politische Häftlinge zu Tode gefoltert werden. Was er bei der Operation noch nicht weiss: Er wird sich in das Mädchen verlieben. Und auch der offizielle Heiratsbewerber Mustafa führt ein Doppelleben. Er arbeitet im Evin-Gefängnis als Folterknecht.

Die Seele der Gesellschaft

Ungereimtheiten, Brüche, Widersprüchlichkeiten der Charaktere ziehen sich durch den Roman «Teheran Revolutionsstrasse», mit dem Amir Hassan Cheheltan 2009 die deutschsprachige Literaturbühne betrat. Im Rahmen eines Literaturstipendiums lebte der 1956 geborene Autor damals in Berlin. Wegen der Zensur hat er in seiner Heimat Iran gar nicht erst versucht, den Roman zu veröffentlichen.

Dabei kritisiert Cheheltan die Regierung im Buch nicht direkt. Er lenkt den Blick auf die Seele der Gesellschaft und zeigt, was das System mit ihr macht. Bezeichnenderweise sind seine drei Hauptfiguren alle vaterlos, was sich durchaus symbolisch verstehen lässt: Eine transparente Ordnung fehlt. Und so organisiert sich das Leben auf verworrenen und verborgenen Wegen. Cheheltans Roman ist voll von Gewalt.

Verstörend ist jedoch vor allem, wie man sich als Leser immer wieder im Mitgefühl mit den dunklen Gestalten ertappt. Mit Fattah, der auf undurchsichtigen Wegen zu Geld und Macht gekommen ist und sich in dem Mädchen auf dem Operationstisch an die Popdiva Googoosh erinnert fühlt, die er in seiner Jugendzeit unter dem Schah anhimmelte. Oder mit dem viel jüngeren Mustafa, der mit skrupellosen Methoden sicherstellen will, dass er seinerseits nicht das Leben verpasst.

Trilogie zu Teheran

«Teheran Revolutionsstrasse» ist der dritte Roman einer Trilogie über die Hauptstadt des Iran. Deren erster Teil «Teheran, Stadt ohne Himmel» ist 2012 auf Deutsch erschienen. Cheheltan hat das Buch jedoch schon zehn Jahre zuvor geschrieben, als er sich vor einer Repressionswelle gegen Schriftsteller 1999 für zwei Jahre nach Italien rettete. Auch dieser Roman machte eine eigentlich abstossende Gestalt zur Identifikationsfigur.

In Rückblenden erzählt er den Lebenslauf von Kerâmat, der sich als Mitglied einer Gangsterbande an die Spitze des Evin-Gefängnisses gekämpft hat. Kerâmat ist einer der Kumpel, mit denen sich der falsche Arzt Fattah aus «Teheran Revolutionsstrasse» im Dampfbad zum heimlichen Whiskytrinken trifft.

Einen anderen Fokus legt Cheheltan im Mittelteil der Trilogie mit dem Titel «Amerikaner töten in Teheran». Dieser umspannt das ganze letzte Jahrhundert. Der Autor fiktionalisiert darin reale Ereignisse, wobei der Titel doppeldeutig zu verstehen ist: Amerikaner töten und werden getötet.

Das Buch ist eine Chronologie des sich aufbauenden Hasses. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Amerikaner noch als friedliebende Anhänger der Gerechtigkeit. Wegbereitend für die Wende sind im Roman die Ermordung des amerikanischen Vizekonsuls 1924 durch einen religiösen Mob und die Einmischung der CIA 1953 gegen Premierminister Mossadegh, der das Erdöl verstaatlichen wollte.

Cheheltan verwehrt sich der gängigen Rhetorik. Er stellt die historischen Ereignisse differenziert dar und entlarvt so den politischen Diskurs. Für seine Romane recherchiert Cheheltan die Geschichte seines Landes. Neben der Heimat in der Sprache sind die Archive und Bibliotheken Teherans daher auch der Grund, warum er wieder im Iran lebt, obwohl das für ihn als Schriftsteller, der sich gerne auch in Medien zu Wort meldet, gefährlich ist.

Das Potenzial für eine Öffnung sei da, sagte der Autor in einem Interview. «Wir hatten schon 1906 ein Parlament, 1951 wurde die Ölindustrie verstaatlicht, 1978 wurde die Monarchie durch eine Revolution abgelöst, nicht durch einen Staatsstreich.» In seinem soeben erschienenen Buch «Der standhafte Papagei» kehrt Cheheltan zu seinen eigenen Erfahrungen von 1978 und 1979 zurück. Als damals 22-jähriger Student sah er an den Häuserwänden seines Wohnviertels die ersten Flugblätter, die den Sturz des Schahs forderten. Das neue Buch handelt von seinen Erinnerungen an die damaligen Nachbarn und Freunde, an die Wut, das Chaos und das tägliche Ringen um Normalität. Amir Hassan Cheheltan kritisiert sein Land und liebt es.