Wenn Schweizer nach Übersee reisen, zieht es sie am ehesten in die USA, für gewöhnlich nach New York City. Dass es auch mal anders geht, zeigen 60 Gemälde aus den Basler Privatsammlungen von Rudolf Staechelin und Karl Im Obersteg. Seit gestern ist die Wanderausstellung «Masterworks from Switzerland» nicht im Big Apple, sondern für drei Monate in der Phillips Collection in Washington D. C. zu bewundern.

Vom biederen Titel «Gauguin to Picasso» soll man sich nicht abschrecken lassen. In der renommiertesten Privatsammlung der US-Hauptstadt erwartet uns nicht die x-te Wiederholung der ewigen impressionistischen Wiederkehr. Die Werke der chronologisch und thematisch sorgfältig kuratierten Ausstellung sind aussergewöhnlich und exquisit. Kaliber wie Pablo Picassos zweiseitig bemalte Leinwand «Buveuse d’Absinthe/Femme au Théatre» (1910) oder Vincent van Goghs epochemachender «Jardin de Daubigny» (1890) sind dabei nicht einmal die Trophäen.

Das teuerste Bild der Welt

Das eigentliche Zugpferd ist Paul Gauguins «Nafea Faa Ipoipo (Quand te marries-tu?)» (1892) – nicht zuletzt, weil es das derzeit teuerste käufliche Gemälde der Welt ist. Angeblich zahlte ein Katarer für die typisierte Darstellung zweier Tahitianerinnen Anfang dieses Jahres knapp 300 Millionen Dollar. Dass ein Gemälde so exorbitant viel Geld wert sein kann, ist eine Grenzerfahrung.

Komplettiert werden die 17 impressionistischen Staechelin-Blue Chips mit anregenden Werkgruppen aus der Sammlung Karl Im Obersteg: Drei Juden-Porträts von Marc Chagall («Juif en prière», «Juif vert» und «Juif rouge»), (1914), gesäumt von den beklemmenden Sujets Chaïm Soutines, eine Mini-Werkschau des wenig bekannten Proto-Fauvisten Alexej von Jawlensky, und schliesslich ein Schweizer Saal mit einer morbiden Serie von Ferdinand Hodler in Gegenüberstellung mit Cuno Amiet. Diese Bilder deuten die komplexe Wirkgeschichte des Impressionismus an.

Hodler und Amiet sind nicht die einzigen Verweise auf den Kunstplatz Schweiz. «Gauguin to Picasso» lenkt den Blick auch auf die gemeinsame transatlantische Praxis des Kunstsammelns – lange vor der Art Basel/Miami Beach. Laut Ruedi Staechelin, Enkel des Basler Immobilien-Financiers und Sammlungsgründers Rudolf Staechelin, ist es kein Zufall, dass «Gauguin to Picasso» in der Sammlung des amerikanischen Industriellen Duncan Phillips (1886–1966) gezeigt wird. Amerikanische Kunstsammler im 20. Jahrhundert wie Albert C. Barnes hatten durchaus sozio-ökonomische Pendants in der Schweiz. Hüben wie drüben hatte die Industrialisierung vermögende Unternehmer hervorgebracht, die sich in Paris mit Werken «moderner» Künstler eindeckten und Privatsammlungen anlegten. Deshalb sind so viele Impressionisten-Sammlungen auch heute noch in der Schweiz und Amerika anzutreffen.

Die in Washington gezeigten Gemälde der Sammlung Staechelin waren noch vor Jahresfrist Leihgaben an das Kunstmuseum Basel. Als sich abzeichnete, dass aufgrund von Umbauarbeiten die Meisterwerke von Gauguin, Picasso, van Gogh und Co. für längere Zeit publikumsfern eingelagert würden, entschloss sich Ruedi Staechelin die Werke kurzerhand zu deakzessionieren – beziehungsweise Gauguins «Nafea Faa Ipoipo» zum Weltrekordpreis zu verkaufen und auf Abschiedstournee zu schicken.

Weil mit Dorothy Kosinski eine Schweizerin und langjährige Baslerin als Direktorin der Phillips Collection amtet, wurde das Projekt zügig konkret. Nun ist «Gauguin to Picasso» in Washington – «eine glückliche Wahl», wie Staechelin zufrieden anmerkt.

Werbung für Basel

Basels Verlust ist für andere ein Gewinn. Die Kombination Staechelin/Im Obersteg ist in den USA zum ersten Mal überhaupt zu sehen. Die drei Juif-Porträts von Chagall sind erst zum zweiten Mal vereint. Und schliesslich ist der Branding-Effekt, der unter anderem von der Basler Veranstaltungsreihe «Les Dialogues de l’Art» und der Schweizer Botschaft in Washington
D. C. unterstützten Ausstellung dem Image der Schweiz in der US-Hauptstadt zuträglich. Podiumsgespräche und Begleitveranstaltungen werden zum Sprachrohr, das Positives über den exklusiven und hochwertigen Kunst- und Wirtschaftsstandort Schweiz verbreitet. In der Ausstellung selbst schlägt ein separates Info-Kabüffchen (samt Mobile-App) die Werbetrommel für Swiss Design, Architektur und Kunst in Basel und der Schweiz.

«Mit den Auftritten in Boston und Washington kann sich Basel als internationale Kunst- und Kulturmetropole und als innovativer Forschungsstandort in den USA präsentieren», erklärt Sabine Horvath, Standortmarketing-Leiterin des Kantons Basel-Stadt. Sie ist mit einer kleinen Delegation vor Ort. Im Vorfeld der offiziellen Ausstellungseröffnung hat zudem ein Empfang für geladene Gäste auf der Residenz der Schweizer Botschaft in Washington stattgefunden. Die Ansprachen hielten der Basler Regierungsrat Baschi Dürr und der Schweizer Botschafter Martin Dahinden. Basel sei nun «on the map», schreibt Dürr auf seiner Facebook-Seite. Darunter sieht man ihn auf einem Bild im Foyer des Washingtoner Museums.

Dass «Public Diplomacy» made in Switzerland zum Erfolg wird, liegt aber zur Hauptsache an der Substanz und an der Qualität von «Gauguin to Picasso». Diese Ausstellung ist so gut, dass man dafür wirklich einmal eine Reise nach Washington D. C. ins Auge fassen sollte.