Theater Roxy

Theaterstück zeigt 24 Stunden Alltag in der Psychiatrie

Wanda Wylowa, Miro Caltagirone und Sarah Bahr (v.l.) sind die drei Performer in «Twenty four».

Wanda Wylowa, Miro Caltagirone und Sarah Bahr (v.l.) sind die drei Performer in «Twenty four».

Jugendliche mit psychologischen Störungen aus Basel haben das Stück «Twenty four» geschrieben. Dabei wurde ihnen der grösstmögliche Handlungsspielraum geboten.

Fragt man Regisseurin Deborah Neininger nach dem Motiv für ihr Interesse an dem Thema Jugend und Psychiatrie, antwortet sie lachend: «Vielleicht, weil ich selber spinne.» Ironie hin oder her: Diese eigentümliche Neigung hat die 33-jährige Schaffhauserin dazu gebracht, das Theaterstück «Twenty four» über den Alltag in einer Jugendpsychiatrie zu entwerfen. Der Clou daran: Das Skript wurde von 24 Jugendlichen aus den Basler Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) zusammen mit dem Kollektiv «We ate lobster» geschrieben und als Anleitung für die drei Performer gedacht. Die jugendlichen Dramatiker sind zwischen 14 und 18 Jahren alt und weisen unterschiedliche Störungen auf. Das einstündige Stück wird im Rahmen des EXTRA-Wochenendes von Wildwuchs präsentiert und feiert heute um 20 Uhr im Theater Roxy in Birsfelden Premiere.

«Ich wollte den Jugendlichen aus den UPK eine Ausdrucksmöglichkeit bieten, ohne sie auf die Bühne zu stellen», erzählt Deborah Neininger, die seit 2014 an einem Langzeit-Dokumentarfilm über die Jugendstation der UPK arbeitet. Die jungen Patienten vor dem Publikum spielen zu lassen, wäre nämlich «eine relativ einfache Möglichkeit» gewesen, weil «diese Jugendlichen an sich schon interessant sind». Um die Gefahr des Voyeurismus und eine Stigmatisierung zu verhindern, erstellte Neininger aber mit Sarah Bahr, die im Stück auch schauspielt, ein Konzept, das den jungen Patienten den grösstmöglichen Handlungsraum bietet.

Nicht fragen: «Wie geht es dir?»

«Wir mussten Strategien entwickeln, damit sie uns ihre Geschichten, ihre Ideen und ihre Vorstellungen über Theater erzählten», sagt Sarah Bahr. Bahr studierte Angewandte Theaterwissenschaften mit Neininger in Giessen und teilt mit ihr die Vorliebe für das Thema Jugend und Psychiatrie. Die Ausarbeitung solcher Strategien sei ein äusserst anspruchsvoller Auftrag gewesen. Die jungen Patienten hatten Mühe damit, sich an ihre neue Rolle als Textautoren zu gewöhnen. «Einmal kam eines der Mädchen in die Proben», erinnert sich Bahr. «Sie sah, wie Performerin Wanda Wylowa gerade ihren Monolog sprach. Man konnte ihr Erstaunen und ihre Freude deutlich sehen.»

«Für uns war es wichtig: Die Jugendlichen sollen wissen, wir sind nicht die Therapeuten», fährt Neininger fort. «Wir haben nicht danach gefragt, was ihre Probleme sind, denn darüber sprechen sie ständig in der täglichen Gesprächstherapie.» Das Kollektiv hat also stattdessen versucht, Bilder zu finden, spielerisch mit den jungen Patienten umzugehen, um sie von ihrer eigenen Situation abzulenken – und die Frage zu vermeiden, die die Jugendlichen jeden Tag zu hören bekommen: «Wie geht es dir?»

«Bei einer pragmatischen Herangehensweise erzählen die Jugendlichen sehr viel», erklärt Neininger. «Wie stehst du auf, wie rauchst du, was machst du, wenn du nicht einschlafen kannst? Die Antworten auf solche Fragen geben ein sehr starkes Abbild vom Alltag in der Psychiatrie.»

Ein Alltag, der sehr strukturiert ist, und wo es viele Regeln zu respektieren gilt. Frühstück, Medikamente, Rauchen, Mittagessen, Gesprächstherapie, Sport, Handy benutzen, Handy abgeben – und doch gibt es im unausweichlichen Alltag auch Löcher, die die Jugendlichen mit ihren Gedanken zurücklassen, aber auch ein enormes Potenzial für die Fantasie bieten. «Twenty four» bezieht sich auf die 24 Stunden des Tages, die gefüllt werden wollen und nach einem Sinn verlangen. Die Bilder, die die Jugendlichen wiedergegeben haben, waren laut Neininger «zum Teil auch verrückt». Jedoch «nicht anders verrückt, als wenn das ein Theaterautor schreiben würde». Da wurde das Kollektiv mit der schwierigen Herausforderung konfrontiert, diesen Bildern gerecht zu werden, ohne stigmatisierend zu wirken.

Jeder Purzelbaum soll stimmen

«Anfangs konnte ich mir das Endprodukt nicht klar vorstellen», sagt Performer Miro Caltagirone. «Wir haben verschiedene Sachen ausprobiert, es wurde bunter und bunter. Ich glaube, dass wir das Konzept sehr bedienen und durchziehen. Das haben wir versprochen, und das wollen wir auch. Sonst würde es keinen Sinn machen.» Er sei zuversichtlich, dass sich die Jugendlichen in der theatralischen Umsetzung wiederfinden können, dass sie ihre eigenen Worte und die physischen Vorgaben wieder erkennen. Dass jeder Purzelbaum und jede Pyramide am gewünschten Platz sein wird; genau so, wie es sich die jungen Autoren vorgestellt haben.

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