Vermittlung

Tinguely in your face! – Unterwegs auf einer verrückten Museumstour

Unter dem Titel #letsmuseeum bieten schräge Touren eine Alternative zu klassischen Museumsführungen. Ein Erfahrungsbericht.

«Mega massives Gebäude: Bäm! Mario Botta», sagt der Tourguide vor dem Museum Tinguely zu unserer Gruppe. Der Guide dieser Führung heisst Simon Grossenbacher und er ist, wenn er nicht gerade über Jean Tinguely sinniert, Schauspieler. «Hier habe ich für euch das spezielle extra Tinguely-Acid – sogenanntes T-LSD.» Die Teilnehmer lachen und schieben sich alle ein «Däfi» in den Mund. Der «Tinguely-Trip», so heisst die Führung, kann beginnen. Durch den Hintereingang betreten wir das Museum. «Verhaltet euch unauffällig. Man soll nicht bemerken, dass wir auf einem Trip sind», mahnt Simon.

Wir befinden uns am Anfang einer der «schrägsten Touren der Schweiz», wie der Werbeslogan verspricht. Seit diesem Monat ist das Konzept auch in der Region Basel zu erleben. Neben der Tour im Museum Tinguely wird auch noch eine in Augusta Raurica angeboten. Durchgeführt werden die Museumstouren vom Zürcher Start-up #letsmuseeum. «Ich wollte Führungen entwickeln, die ich gerne selber besuchen würde», meint die Gründerin Rea Eggli. Inspiriert wurde sie vom Format «Museum Hack» aus New York. Der Fokus liegt dabei nicht auf der reinen Wissensvermittlung. Die Touren sollen in erster Linie unterhalten.

#letsmuseeum im Museum Tinguely

#letsmuseeum im Museum Tinguely: Simon gibt vollen Körpereinsatz.

Fans statt Experten

Die Vermittler sind keine Experten, sondern Fans des jeweiligen Museums. So auch Simon, der durch das Museum Tinguely führt. Er findet es «einfach spitze». «Die meisten unserer Guides sind Kulturschaffende oder kommen aus der Kreativwirtschaft», sagt Eggli.

In der Zwischenzeit hat sich Simon umgezogen. Er trägt jetzt einen grünen Monteuranzug. Gemeinsam drücken wir Knöpfe, ahmen Geräusche nach, machen Fotos und schreiben Postkarten an Jean Tinguely. Die «normalen» Museumsbesucher schauen ganz verdutzt und sind sichtlich amüsiert über die schräge Truppe, die sich mit schnellen Schritten, mit geschlossenen Augen oder sich an den Händen haltend, durch das Museum bewegt.

Mit einer herkömmlichen Führung haben die Touren wenig gemein. Genau aus diesem Grund sieht sich Eggli auch nicht als direkte Konkurrenz zu klassischen Führungen. «Dafür sind unsere Touren zu anders», sagt sie. «Wir sprechen definitiv ein anderes Publikum an.» Jünger und frischer sei ihr Ansatz. Doch wenn sie dazu beitragen könne, dass mehr Leute in Sammlungen oder Dauerausstellungen gingen, freue es sie sehr. «Wir lieben Museen. Wir betrachten Kunst und Kultur nur mit anderen Augen.»

Mit den Museen habe das Unternehmen schon unterschiedliche Erfahrungen gemacht. «Einerseits empfängt man uns mit offenen Armen, andererseits schliesst man die Türen vor unserer Nase zu, ohne dass wir richtig zu Wort kommen», so Eggli.
Jene, die Mut zum Unkonventionellen beweisen, werden nicht enttäuscht. Die Führung durchs Museum Tinguely jedenfalls kommt sehr gut an, sie ist lustig und bietet einen erfrischend anderen Blickwinkel auf Kunst.

Und wer nach der Tour doch noch Kunst im klassischen Sinne betrachten möchte, kann dies tun. Im Ticketpreis ist der klassische Museumseintritt inbegriffen.

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