Bücher
Über ganz normale besondere Menschen

Diesen Sonntag wird in Basel der Schweizer Buchpreis verliehen. Keines der nominierten Bücher kommt aus dem Freiamt. Dennoch hat die AZ das als Anlass genommen, die Freiämter Bücher und deren Autoren genauer unter die Lupe zu nehmen.

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Bücherflut

Bücherflut

Aargauer Zeitung

Andrea Weibel

Skandinavien ist berühmt für seine Krimis. Kann man auch Freiämter Bücher so zusammenfassen? Das Freiamt ist ein kleiner, lang gezogener Fleck auf der Landkarte und sehr ländlich. Eine durchschnittliche Region im Durchschnittskanton Aargau. Dennoch sind gerade im letzten und in diesem Jahrhundert unzählige Bücher und Autoren dem Reuss- und Bünztal entsprungen. Die AZ Freiamt hat in einer rudimentären Suche bereits über 20 Namen von regionalen Autoren zusammentragen können. Und das allein in den Gebieten Belletristik, Lyrik und Biografie.

Eines der Urgesteine der Freiämter Literatur ist weit über die Grenzen des Bezirks Muri hinaus bekannt. Im Archiv der Wohler Gemeindebibliothek stehen zwischen Hermann Burger und Albert Camus über ein Dutzend dickere und dünnere Bänder von ihr. Die Rede ist von der Lyrikerin Erika Burkart (87) aus Althäusern (Aristau). Ihre Verse sind oft nicht leicht zu verstehen, doch vom ersten bis zum bisher letzten erschienenen Gedichtband eröffnet sie einem in ihrer bildhaften, intelligenten Sprache eine farbige, oft ruhige, häufig von Naturbildern getragene Welt, in der man sich verlieren kann.

Man kann ihre Bücher von A bis Z durchlesen. Doch am schönsten ist es, wenn man sie an einer beliebigen Stelle aufschlägt und zu lesen beginnt. So können ihre Bilder wie Orakelsprüche wirken. Egal in welcher Jahreszeit. Aber jetzt, im Herbst, der langsam in den Winter übergeht, vermögen manche Verse besonders gut zu wärmen, während man andere in der Kälte erst besser zu begreifen scheint.

Mundartdichter und ihre Sprache

Das zweite Urgestein, das wie Erika Burkart in keine Schublade gesteckt werden kann, ist der 1981 verstorbene Wohler Robert Stäger. Er ist der Konservator der Freiämter Mundart, der Sammler und Bewahrer der Geschichten und Anekdoten von einst. Mit Titeln wie «Dr Unkle Emanuel», «Schnitz und Hördöpfel» oder «Be eus im Dorf» hat er kleine Zeitinseln geschaffen, bewohnt von Menschen, an die sich Zeitzeugen oft noch mit einem lachenden und einem weinenden Auge erinnern können. Bis auf das 1993 von seinen beiden Söhnen Heini und Lorenz Stäger herausgegebene Buch «D Famili Tschätter» und einige neuere Auflagen sind die meisten seiner Werke in Frakturschrift geschrieben.

Ein weiterer Mundartdichter ist der 1992 verstorbene Oberrüter Josef Villiger. Gerade seine gesammelten Werke «Ifäll und Usfäll», die 2007 erschienen sind, haben sehr viele Abnehmer gefunden. «Das Buch war sehr gefragt, wir mussten es ständig nachbestellen», erinnert sich Peter Brünggel, Inhaber der Bücher Boutique in Wohlen. Villiger ist es auch, der seine Heimat für Auswärtige so beschrieb: Der Aargau sehe grob wie eine Faust mit ausgestrecktem Zeigefinger aus. Der Zeigefinger sei das Freiamt, beim ersten Zeigefingerglied liege Muri. Und ganz oben, beim Schwarzen unter dem Fingernagelrand, dort komme er her.

Abschied vom Hausschwein

Drei weitere Genres, die als eigenständig in der Freiämter Literatur ausgemacht werden können, sind die Kinderbücher, die humoristischen Werke sowie vereinzelte Krimis. Kinderbücher sind in allen Variationen erschienen, meist jedoch im Eigenverlag oder in kleineren Auflagen. Zwei dieser Autoren sind Daniela Ackermann (45) aus Boswil und Markus Estermann aus Wohlen. Ackermann hat soeben ihre vierte Kindergeschichte mit eigenen Bildern herausgebracht, und Estermann erfindet seine Fantasie-Geschichten meist für seine Kinder, während die drei beim Einkaufen auf ihre Mutter bzw. Frau warten.

Eine andere Art von Kindergeschichte erzählt Rosmarie Bugmann in ihrem «Der Sommer mit Oski, unserem Familienschwein». In Schwarz-Weiss-Fotos ist das Schwein Oski immer wieder festgehalten worden, wie es bei der Familie ankommt und sich alle an den Familienzuwachs gewöhnen. Am Ende des Sommers kommt auch das Ende Oskis. Der Schlusssatz lautet kurz und bündig, in der Sprache der Kinder geschrieben: «So nahmen wir Abschied von Oski und assen ihn auf.»

Humor und Krimis

Den humorvollen Acker des Freiamts bestellen insbesondere die beiden Wohler Lorenz Stäger und Gottfried Baur. Zwischen den grossen Namen Johanna Spyri und John Steinbeck stehen Robert und sein Sohn Lorenz Stäger im Archiv der Wohler Bibliothek. Stäger war lange Kantonsschullehrer in Wohlen und hat mehrere lustige Romane herausgebracht, die seine Schüler regelmässig als Abschlussgeschenk erhielten.

Der Wohler Seelsorger Baur hingegen hat eher dünnere Bändchen mit vielsagenden Untertiteln wie «Tagebuch eines vergnügten Vikars» oder «Impulse zu ansteckendem Christsein» erscheinen lassen. Krimis gibt es im Freiamt nur wenige. Zu den wichtigsten Autoren gehören der Murianer Urs Pilgrim sowie Virgilio Masciadri, der zwar nicht aus dem Freiamt stammt, jedoch in diesem Jahr seinen Krimi «Dämonen im Murimoos» herausgebracht hat.

Bücher über «normale Menschen»

Der grosse Rest der Freiämter Literatur lässt sich nicht so einfach einordnen. Autoren wie Ana Lang, Ernst Halter, Karin Rüttimann und Silvio Blatter sind - bis auf ihre Heimat - schwierig zu verbinden. Eine Auslegeordnung könnte helfen: Der ehemalige Bremgarter Silvio Blatter (63) schrieb eine Trilogie über das Freiamt, seine Landschaft und die Leute. Ernst Halter (71), Ehemann der Lyrikerin Erika Burkart, hat mit «Urwil (AG)» einen Roman über ganz normale Bürger eines ganz normalen kleinen Dorfes verfasst.

Im Klappentext wird vermerkt: «Aus einem harmlosen Dorf mit harmlosen Leuten wird, so erlebt, ein mächtiges Stück Welt.» Auch in seinen anderen Romanen, die in der Wohler Bibliothek direkt nach dem Erscheinen von Hand zu Hand gingen, heute aber im Archiv ihrer Leser harren, beschreibt er die Geschichte von Leuten, die im Grunde ganz normal sind, jedoch Spezielles erleben und sich selbst immer wieder neu (er)finden.

Auch in Ana Langs (63) vier Romanen, deren neuester, «Die schöne Zürcherin», 2008 herausgekommen ist und in der Bibliothek Wohlen in diesem Jahr bereits siebenmal ausgeliehen wurde, sind ganz normale Menschen die Hauptpersonen. Sie erleben nicht ganz alltägliche, dennoch aber nicht aussergewöhnliche Dinge oder treffen auf interessante Leute. Das Spezielle dabei ist vor allem der Blickwinkel der Uezwiler Autorin, einer guten Bekannten von Erika Burkart und Ernst Halter, und deren Wort- und Sprachwahl.

Alte Bücher werden selten gelesen

Genauso ist es bei der Wohlerin Karin Rüttimann (67), die ihren Zweitwohnsitz in Berlin nun endgültig aufgegeben hat und ganz ins Freiamt zurückgekehrt ist. Auch sie beschreibt meist nicht allzu aussergewöhnliche Schicksale von Leuten, die jedoch eindrücklich und einfühlsam erzählt ein stimmungsvolles Bild und einen guten Lesestoff ergeben. Ihr erstes Buch, die Autobiografie «Das Geschenkte Jahr. Ein Abschied», bei dem sie die Trauer über den Tod ihres Mannes verarbeitet, erschien 1985 und ist noch 2009 in der Bibliothek Wohlen viermal ausgeliehen worden, was für so «alte» Bücher nicht üblich ist, wie Brigitta Loher, Leiterin der Gemeindebibliothek, erklärt.

Fazit: Es ist nicht leicht

Es ist sehr schwierig, die erwähnten Bücher von Freiämter Autoren, die durch etliche Biografien und Romane weniger bekannterer Namen ergänzt werden, in einen Topf zu werfen. Aber wenn man wirklich eine Gemeinsamkeit zwischen vielen der Romane herstellen möchte, wäre es wohl dieser: Es sind Geschichten über ganz normale besondere Menschen. Am wichtigsten ist dabei immer der Blickwinkel des Erzählers.