Literatur

Über ein Leben aus Beton

Rachel Kushner erzählt aus einer Welt, die man gern als Dystopie begreifen würde. EPA/Keystone

Rachel Kushner erzählt aus einer Welt, die man gern als Dystopie begreifen würde. EPA/Keystone

Rachel Kushners neuer Roman «Ich bin ein Schicksal» führt ins Innere einer schaurigen Gefängniswelt.

Die Verlegung der gefangenen Frauen findet bei Nacht statt. «Hauptsache, der Normalbürger wurde von unserem Anblick verschont» – einem Trupp mit Handschellen und Ketten gefesselter Frauen in einem Gefangenentransporter. Ein junges, hochschwangeres Mädchen sitzt in einem Käfig, um «vor uns anderen» geschützt zu werden. Als der Bus im Frauengefängnis Stanville ankommt, ist eine Frau vom Sitz gerutscht. Niemand hatte sich um sie gekümmert; jetzt wird ihr Tod festgestellt. Kurze Zeit später entbindet das junge Mädchen; das Kind wird ihr sofort weggenommen.

Romy Hall, 29, sitzt mit im Bus und registriert all das. Auch der «Mars Room» in San Francisco, in dem sie lange als Stripperin gearbeitet hatte – «das schlechteste und verrufenste, allerschäbigste und zirkusähnlichste Etablissement seiner Art» –, war kein Raum gewesen, um sich wohl und in Sicherheit zu fühlen. Aber das hier?

«Mars Room» heisst Rachel Kushners neuer Roman im Original – auf Deutsch etwas holprig übersetzt mit «Ich bin ein Schicksal». Er erzählt aus einer Welt, die man gern als Dystopie begreifen würde. Kushner aber, die in Los Angeles wohnt und mit ihrem Erstling «Flammenwerfer» international bekannt wurde, hat für «Mars Room» nicht in die Zukunft, sondern an jene real existierenden Orte in ihrem eigenen Staat geschaut, an denen sich Amerikas Schrecken versteckt.

Die erste Nacht in U-Haft

Zwar hatte Ich-Erzählerin Romy Hall ihren Heimatort San Francisco immer gehasst. «In der ganzen langen Ära meiner Kindheit war ich herumgelaufen wie eine Strassengöre, kein bisschen fester verwurzelt als die Teenager auf den Plakaten im Greyhound-Bahnhof … darunter die Wörter AUSREISSER, RUFT AN, WENN IHR HILFE BRAUCHT.» Spass war von frühester Jugend an untrennbar mit Alkohol und Drogen verbunden gewesen und der Erkenntnis, dass man etwas nur bekommen konnte, wenn man es klaute. Mit elf die erste Vergewaltigung.

Und doch würde sie alles geben, um in diese Welt zurückzukehren. «Es war meine erste Nacht in U-Haft, und ich hoffte die ganze Zeit, dass der traumartige Zustand, in dem ich war, verfliegen, dass ich daraus aufwachen würde. Ich wachte ständig auf, aber die Lage war immer unverändert, eine nach Pisse riechende Matratze, knallende Türen, herumbrüllende Irre, Alarmsirenen.»

Nein, es ist nicht das Hollywood-Kalifornien der palmengesäumten Strassen. Es ist der «Golden State» in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, in dem seit 1982 23 neue Gefängnisse gebaut und damit der Anteil der Gefangenen um 500 Prozent erhöht worden war. Einige Gefangene im Roman erinnern sich an die Zeit «vor der Masseninhaftierung … Es gab keine gewaltigen Wachtürme mit MG-Schützen und keine kilometerlangen Elektrozäune. Das Leben war nicht aus Beton. Die Räume waren mit Holzregalen und Holzschränken möbliert. Es gab grünes Gras.»

Protokollantin der Härte

Romy, die junge Latina mit den weit auseinanderstehenden grünen Augen, erlebt anderes. Sie ist in Kushners Roman die Protokollantin der Härte und gnadenlosen Hierarchien, die nicht nur zwischen Wärtern und Insassinnen, sondern auch unter den Frauen selbst bestehen.

Das Kaninchen, das sich die junge Mutter zum Trost über das verlorene Kind hielt, wird von einer Mitinsassin gestohlen und gegessen. Auch Romy hat einen kleinen Sohn – draussen. Als ihre Mutter bei einem Unfall ums Leben kommt, hat sie keine Möglichkeit, irgendetwas über den weiteren Verbleib ihres Sohnes zu erfahren. Es sind Verhältnisse, angesichts derer die Rede von Demokratie und Menschenwürde wie Hohn scheint.

Vor zwei Monaten schrieb Kushner in der «New York Times» einen Artikel über die Aktivistin Ruth Wilson Gilmore, in deren Buch «Golden Gulag» (2007) die Frage erörtert wird, warum in solche Gefängnisse investiert wird statt in soziale Verhältnisse, die Menschen ermöglichen, gar nicht erst an den «Punkt X» zu kommen. Gilmore kämpft seit 30 Jahren für die Abschaffung von Gefängnissen.

Dass ein Stalker Romys Leben sadistisch auf den Kopf gestellt und sie bis an jeden ihrer Fluchtorte verfolgt hatte, will bei der Verhandlung niemand wissen, – Romy selbst wird nicht gefragt. Sehr wohl aber, mit welchem Gegenstand sie ihn wie oft schlug und schliesslich erschlug, – und es bringt ihr zweimal lebenslänglich plus sechs Jahre ein.

Ihres steht für viele Schicksale

In Romy lernt man keine psychologisch ausgearbeitete literarische Figur kennen. Eher steht sie mit ihrem schnellen Lauf durch Armut und Verwahrlosung, frühe Drogensucht, Sexarbeit und Kriminalität für viele Tausende Schicksale – und so gesehen stimmt der deutsche Titel dann doch wieder: Sie ist EIN Schicksal – unter sehr vielen. Ihre Detailkenntnisse, ihre sorgfältige Recherche hat Kushner auf die Darstellung des Gefängnisalltages fokussiert; ein Lehrer, der im Gefängnis unterrichtet, wird zum einzigen Vermittler in die Aussenwelt. Kushners spannend erzähltes, souverän von Bettina Abarbanell übersetztes Buch läuft auf ein überraschendes Ende zu – und auf die brennende Frage, was vom Leben übrig bleibt, wenn man es in der Welt der Weggesperrten führen muss.

Nicht zuletzt hat Kushner das Bild vom Wunderland Kalifornien mit einem Bild überklebt, das man bis dahin ganz anderen Regionen der Welt zugeordnet hätte. Den «Golden State» zu sehen wie bisher, wird nicht mehr möglich sein.

Rachel Kushner «Ich bin ein Schicksal». Rowohlt, 393 S.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1