Ich bin ein Kind der Aare. Sie ist der schönste Fluss der Schweiz, unscheinbar, aber lieblich anzuschauen. Sie entspringt den Gletschern des Berner Oberlandes, fliesst durch das westliche Mittelland und erreicht bei Murgenthal den Aargau. Bei Aarburg durchbricht sie den ersten Jurariegel. Sie streift die alten Städte Olten, Aarau und Brugg, bis sie sich bei Koblenz mit dem Rhein vermengt. Obschon sie mehr Wasser mitbringt, verliert sie hier ihren Namen. 

Ich habe mich stets gewundert, dass der Rhein männlich sein soll. Rhenus, Vater Rhein. Die Aare kann ich mir nicht männlich vorstellen. Sie ist weiblich, eine Mutter. Deshalb wohl muss sie ihren Namen hergeben. 

Das Zentrum des Aargaus ist jenes goldene Gebiet, in dem die Lenzburg, die Brunegg, die Habsburg, die Wildegg und Wildenstein stehen. Wobei Wildegg und Wildenstein nicht ihrer Wildheit wegen so heissen, sondern nach der uralten Göttin Wil. Das ist altes, stolzes Minnesanggebiet, mit dem Römerlager Vindonissa zu Füssen, wo Reuss und Limmat in die Aare münden. Mit der Klosterkirche Königsfelden, die von der Königin Elisabeth in Erinnerung an den ermordeten König Albrecht gebaut wurde. Mit der Kirche auf dem Staufberg, wo die wunderschönen Glasfenster hängen. Mit dem heiligen Baum des Aargaus, der Linde von Linn auf dem Bözberg oben. Ihr Alter wird auf 800 Jahre geschätzt. Aber wer kennt schon ihr wahres Alter.

Diese Gegend ist ein Frauenland, regiert von der Göttin Verena, die später zur Heiligen erklärt wurde. Sie hatte die Macht, die physischen Gesetze aufzuheben. Sie ist von Solothurn auf einem Stein die Aare hinuntergeschwommen bis nach Koblenz und dort einige Kilometer den Rhein hinauf nach Zurzach, wo sie begraben liegt unter dem Verena-Münster. Die mächtigste, hilfreichste Göttin beidseits des Rheins.

Noch heute wird sie von frommen Leuten besucht und um Hilfe angefleht. Ihre Insignien sind ein Kamm und ein Krüglein. Eine der schönsten Sagen, die der 1833 in die Schweiz geflüchtete Bayer Ernst Ludwig Rochholz im Aargau gesammelt hat, erzählt von der Königin des Landes, die von ihrem bösen Bruder am Leben bedroht wurde. Sie hat sich von ihrer Burg, bei Auenstein direkt über der Aare gelegen, hinuntergestürzt in die Flut, um zu sterben. Aber die Aare hat sie aufgefangen, derart sanft, dass sie nicht ertrank, sondern über das Wasser gehen und das Land Richtung Rhein verlassen konnte. 

Die frühchristlichen Kulturzentren der Schweiz sind Saint-Maurice im Wallis und Chur in Graubünden, die beide von Süden her über die Alpen christianisiert worden sind. Und St. Gallen, wo der Ire Gallus seine Einsiedelei hatte. Aber lange vorher waren schon die Römer da. Einige Kilometer unterhalb von Koblenz haben sie die Stadt Augusta Raurica gebaut. Und bei Brugg das Legionslager Vindonissa. Sie haben nicht nur ihre Legionäre mitgebracht, sondern auch ihre Kultur, ihre Mythen.

  

Der römische Autor Ovid hat die Metamorphosen verfasst, was man mit «Verwandlungsmythen» übersetzen könnte. Darin wimmelt es von Nymphen und Nixen, die das Wasser nicht nur bevölkern, sondern eins sind mit ihm. Denn die Römer wussten, dass alles Leben aus dem Wasser kommt.

Vor einiger Zeit bin ich zu einer Lesung ins Kloster Wettingen gefahren. Eine Zisterzienser-Abtei an der unteren Limmat, gegründet 1227, 1841 vom jungen, liberalen Kanton Aargau aufgehoben und enteignet. Es wurde ein Lehrerseminar darin untergebracht, das dann auch mein Vater besucht hat. Vor der Lesung hat mich ein freundlicher Mann durch die alte Klosteranlage geführt. Wir kamen in eine hohe, von der Klosterkirche abgetrennte Seitenkapelle, in der Statuen der Wettinger Äbte standen. Auf die Rückwand ganz oben war in Rot eine zweischwänzige Wassernixe gemalt. Ich fragte den Mann, woher denn an diesem frommen Ort diese Seejungfrau komme. Er druckste herum und antwortete, diese Frauenfigur sei da oben, um die Mönche zu versuchen und ihre zölibatäre Standhaftigkeit dem Weibe gegenüber zu prüfen. 

Später zeigte er mir in der Klosterkirche das Chorgestühl. Auf einmal bemerkte ich, wie er vorsichtig um sich schaute, ob die Luft rein sei. Dannleuchtete er mit einer Taschenlampe auf eine faustgrosse Figur im Gestühl. Es war eine wunderschön herausgearbeitete zweischwänzige Wasserjungfer. 

Das Kloster Wettingen, das wasserumflossen auf einer Halbinsel liegt, ist der Maria geweiht. Und zwar, so die fromme Theorie, der Maria der Seefahrer. Der Stella maris, dem Meeresstern. Womit die katholische Kirche offensichtlich die uralte Wassergöttin, die dort gewohnt hat, eingemeindet hat. 

Ich habe mich damals über diese Wasserfrau erkundigt. Es war nichts über sie zu erfahren. Ausser dass die Blechmusik Wettingen ihre Fahne, die sie bei ihren Aufmärschen vor sich herträgt, mit einer zweischwänzigen Wassernixe schmückt. 

Jenes goldene Gebiet hat mächtige Adelsgeschlechter hervorgebracht. Die Frohburger, die Lenzburger, die Habsburger, die Rheinfelder. Das war noch vor den Städtegründungen. Vielmehr wurden die Städte von den Adelsgeschlechtern gegründet. Mein Heimatstädtchen Zofingen zum Beispiel von den Frohburgern. Lenzburg von den Lenzburgern. Brugg war die Garnisonsstadt der Habsburger, Rheinfelden die der Rheinfelder. Aber obschon ich im Geschichtsunterricht stets gut aufgepasst habe, habe ich von diesen Adelsgeschlechtern fast nichts erfahren. Ausser von den Habsburgern, die waren als Feinde der Eidgenossen Schulstoff. Von den andern habe ich bloss gehört, dass sie ausgestorben seien. 

Weshalb, hat mir niemand gesagt. Weil es niemand wusste. Von der Frohburg, oberhalb von Olten auf einem Jurarücken gelegen, steht nur noch eine Ruine. Wir sind oft hinaufgestiegen, besonders in den Wintermonaten, wenn das alte Gemäuer im Sonnenlicht stand, während über Aare und Wigger Nebel lag. 

Die Lenzburg steht noch. Eine mächtige Anlage mit grossem Innenhof, fast eine kleine Stadt, mit tausendjährigem Palas. Auch die Habsburg gibt es noch immer. Wenn man auf der Autobahn von Basel nach Zürich fährt, sieht man sie auf einem bewaldeten Hügel direkt über der Aare aufragen, als wäre sie ein riesiger erratischer Block. Sie war der Stammsitz mehrerer deutscher Könige und Kaiser. 

Von der Burg in Rheinfelden, die auf einer Insel im Rhein stand, ist kein Stein mehr zu sehen. Und dies, obschon die Rheinfelder als Herzöge von Schwaben eines der mächtigsten Fürstengeschlechter des Deutschen Reiches waren. Ende des 11. Jahrhunderts wurde Rudolf von Rheinfelden zum deutschen König gewählt. 

Allerdings gab es noch einen Gegenkönig, den Sachsen Heinrich. Folglich mussten die beiden zum Kampf antreten. Das geschah im Jahre 1080 in der Schlacht an der Elster, die Rudolf gewann. Allerdings verlor er dabei seine rechte Hand, worauf er starb. Und Heinrich wurde rechtmässiger König. Rudolfs abgetrennte Hand wurde aufgehoben und einbalsamiert. Man kann sie im Domschatz von Merseburg bewundern. 

Ich frage mich, warum ich von diesen alten Geschichten, die doch den Aargau geprägt haben, so wenig erfahren habe. Die Antwort ist klar. Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Und das waren nicht die Aargauer. Verlierer haben kein Anrecht auf eine eigene Geschichte. Untertanen schongar nicht.