Ronald Brautigam sieht Ludwig van Beethoven täuschend ähnlich. Was vor allem an seiner imposanten Haarpracht liegt. Die gleichen Locken, der gleiche Schnitt. Beabsichtigt sei das nicht, sagt Brautigam, es sei einfach eine Frisur, die sich als praktisch erwiesen habe.

Aber trotzdem: Beethoven. Der grosse Komponist, der zu Lebzeiten vor allem auch ein Tastenlöwe war, ein Star am Klavier. Ist er sein grosses Vorbild? «Nein, eigentlich nicht. Als Bub wollte ich Keyboard-Virtuose in einer Rockband werden», sagt der Pianist.

Symphonische Rockmusik hatte es ihm angetan. Genesis zum Beispiel. Eine eigene Rockband hatte Brautigam in seiner Jugend auch, damals, in Amsterdam, wo er noch heute lebt, und von wo aus er zu seinen Konzerten in aller Welt pendelt. Und zum Unterrichten an die Musik-Akademie Basel. Hier ist Brautigam Professor für modernes Klavier.

Was ist aus seinen Keyboard-Träumen geworden? Er habe so viele gute Rückmeldungen für sein Klavierspiel bekommen, viel mehr als in der Rockmusik, sagt er. Also sei er den Weg in die klassische Musik gegangen. Popmusik höre er aber immer noch gern.

So einfach und logisch

Ronald Brautigam ist ein bescheidener Zeitgenosse. Dabei ist er einer der ganz wenigen Pianisten, die sowohl auf dem modernen Klavier als auch auf dem historischen Hammerflügel international Konzerte geben – und mit beiden gleichermassen erfolgreich sind. Über 60 CDs hat Brautigam eingespielt. Das Instrument wählt er je nach Repertoire aus.

Wie war das damals, als er zum ersten Mal einen Hammerflügel gespielt hat? «Das war in Amsterdam», erzählt Brautigam, «bei Paul McNulty, der historische Flügel nachbaut. Zu jener Zeit war ich unzufrieden mit meinem Mozartspiel. McNulty hatte einen kleinen Hammerflügel aus der Mozart-Zeit, und dann habe ich darauf gespielt – und das hat mir die Augen und die Ohren geöffnet!», sagt Brautigam. «Alles war so einfach und so logisch, man versteht plötzlich, wieso Mozart so komponiert hat und nicht anders. Das hat ganz viel mit den Instrumenten zu tun.» Die Tasten und das Holz seien leichter, und so wurde auch sein Spiel leichter und flüssiger als auf dem modernen Flügel. «Als dieser Hammerflügel dann bei mir zu Hause stand, ich war völlig verliebt.»

Seinen Basler Studierenden will er dieses Augen- und Ohrenöffnen auch vermitteln. Wenn ein Studierender mit einem klassischen Werk kommt, dann gehen sie in den Raum mit den Hammerflügeln. Und dann probieren sie aus. Oft finden die Studierenden die alten Flügel ungewohnt und auch unangenehm. Doch nach einiger Zeit hört sich ihr Spiel auf dem modernen Flügel anders an. Differenzierter. Sprechender. Wie bei Brautigam auch. «Man lernt vom Hammerflügel», ist Brautigam überzeugt, «und danach geht man mit dem grossen modernen Flügel anders um».

Klaviere und Wagen

Beim Collegium Musicum spielt er nur auf einem modernen Flügel das fünfte Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Warum auf einem modernen Flügel? Weil auch der moderne Flügel Vorteile habe. Weil er lauter klinge und besser trage, wenn ein Orchester mit modernen Instrumenten wie das Collegium Musicum Basel begleite. «Manche Musiken spiele ich gar nicht mehr auf dem modernen Flügel», sagt Brautigam. «Sonaten von Haydn und Mozart, auch vom jungen Beethoven. Aber ab dem mittleren Beethoven geht das auch sehr gut auf einem modernen Flügel, wenn man wenigstens ein bisschen historisch informiert ist. Dann kann man auch anders mit so einem grossen Klavier umgehen.» Eben sprechender.

Brautigam ist kein Dogmatiker der Alten Musik, der nur die historisch korrekten Nachbauten zulässt. Er nutzt die Vorteile beider Instrumententypen, lernt von beiden. Und vergleicht es ganz pragmatisch: «Man hat ein kleines Auto für die Stadt und eine grosse Limousine für lange Reisen – das sind zwei verschiedene Wagen, aber man braucht sie beide.»

Und Beethoven? Der hängt in seinem Basler Unterrichtszimmer an der Wand und blickt ihm über die Schulter. «So ist man nie allein beim Üben», lacht Brautigam. «Der Komponist schaut mir immer über die Schulter.»

Collegium Musicum Basel: Konzert Freitag, 30. 9., 19.30 Uhr, Musical Theater, Feldbergstrasse 151, Basel. Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5; Schubert: 8. Sinfonie. Klavier: Ronald Brautigam; Dirigent: Johannes Schläfli.

Vorkonzert: 18.15 - 18.45 Uhr, Junge Sinfoniker der Musikschulen Basel-Stadt und Baselland.

www.collegiummusicumbasel.ch