Lesung

Von Schlägereien, Messerstichen, verzweifelten Verkäuferinnen und genervter Polizei

Der in Basel lebende Raphael Zehnder mischt unbeirrt Stile und Genres. Hier ist er an der Kriminacht in Bad Zurzach. (zvg / Roland Felder)

Der in Basel lebende Raphael Zehnder mischt unbeirrt Stile und Genres. Hier ist er an der Kriminacht in Bad Zurzach. (zvg / Roland Felder)

In Raphael Zehnders «Müller und der Schwarze Freitag» führt der «Black Friday» in der Basler Innenstadt zu einer Massenhysterie. Dabei zeigt er seine Sichtweise auf die Konsumgesellschaft, was sich als bittere Gesellschaftssatirein seinem Buch widerspiegelt.

Spät liegt sie in diesem Roman da, die obligate Krimi-Leiche. Erst auf Seite 94. Das Opfer: Zeitgeist- und Fernsehphilosoph Raetus B. Wohlhauser-McLuhan; Fundort: die Allerweltstoilette eines Warenhauses; Todesursache: Giftspritze. Täter und Tatmotiv werden hier natürlich noch nicht verraten. Dass aber alles Geschehen in diesem Roman mit einem wahnwitzigen Konsumrausch zu tun hat, darauf zielt der Basler Radiojournalist und Krimiautor Raphael Zehnder in «Müller und der Schwarze Freitag» deutlich hin.

Denn im ersten Drittel steigert Zehnder in seinem siebten «Müller»-Krimi gekonnt multiperspektivisch und mit einem unbekümmerten Feuerwerk an literarischen Formen den Wahnsinn des «Black Friday» in der Basler Innenstadt zu einer Massenhysterie. Inklusive Schlägerei, Messerstichen, verzweifelten Verkäuferinnen und genervter Polizei. Sie werden alle kräftig durchgeschüttelt im Strudel der Rabattschlacht: Schnäppchenjäger, Teenies auf Diebestour, ein aufgetakeltes B-Celebrity-Pärchen, CüpliFreundinnen und ein erschöpfter Familienvater. Verkaufsfront und Rabattschlacht werden hier buchstäbliche Wirklichkeit: Aus den Lautsprechern plärrt es «Wir schiessen die Preise tot!»

Raphael Zehnders rabenschwarzer Blick auf den Konsumwahn ist ein wenig abschätzig. Das erste Drittel des Romans ist deshalb eher eine bittere Gesellschaftssatire als ein spannender Krimi.

Und dann plötzlich dieser tote Philosoph in der Warenhaustoilette. Der Fernsehdenker war ein Digitalfan und Salonlöwe und hatte Neider, eine schweigsame Ehefrau, vom Philosophensohn enttäuschte Eltern und einen falschen Freund im Lokalradio. Zehnder entfaltet die polizeiliche Aufklärung des Falles genregerecht mit wechselnden Verdächtigen, Geheimnissen, ruppigen Verhören, resignierten Polizisten und den üblichen menschlichen Abgründen. Kommissar Müller hat obendrein eine Geliebte im Polizeikorps.

Leseranrede und ein Zitate-Feuerwerk

Raphael Zehnder zündet in seinem neuen Krimi wiederum ein Feuerwerk an Sprachstilen, literarischen Formen und Perspektiven. Er verkürzt, setzt Pfeile, statt mühsame Kausalsätze zu formulieren, spricht Leser direkt an, lässt Korrekturbemerkungen im Text. Eine wilde Sache und ein ironisches Vergnügen für Fans solcher Skurrilitäten.

Da liest man etwa «Bumm» und «Klirr» und folgt der Persiflage auf Werbesprache, die vom hohen Ton («Apotheose Ihrer Begierden») umstandslos in die untere Schublade wechselt («Just do it»). Dass Zehnder gefühlte tausend Mal seine Erzählung mit Bonmots aus der Literatur-, Philosophie- und Musikgeschichte garniert, macht ihm selbst offensichtlich grossen Spass, dem Leser zuweilen eher Bauchweh. Im prahlerisch wirkenden Zitatenlexikon kommen vor: der römische Dichter Plautus («homo homini lupus»), Shakespeare («Blut fordert Blut») oder Abba («The Winner takes it all»).

Wenn sich Zehnder selber verballhornt, indem er den griechischen Philosophen Parmenides zum käsigen Parmesanides umtauft und ihn als Beleg fleissiger Polizeiarbeit zitiert («Hartnäckigkeit, du grosse Tugend»), ist man durch die versteckte Selbstironie versöhnt. Den Parmesanides hat allerdings schon der Aachener Kabarettist Wendelin Haverkamp 2003 zum Titelhelden eines satirischen Buches gemacht.

Muss man noch erwähnen, dass der Philosoph Wohlhauser-McLuhan eine Referenz an den Medientheoretiker Marshall McLucan ist? Der meinte, das Medium sei die Botschaft, nicht der von ihm transportierte Inhalt. Das variiert Raphael Zehnder mit fröhlichem Gestus. Sein Assoziationsfeuerwerk ist wohl näher am Bewusstsein und an der medialen Gegenwart als eine einsträngige Erzählung. Seis drum: Man muss schon froh sein, gibt es hierzulande Autoren, die mit überbordender postmoderner Lust Romane schreiben, die sich keinen Deut um Konventionen scheren.

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