Eine Villa im fiktiven schweizerischen Dorf Bärenswil, irgendwo am Zürichsee: Hier spielt Robert Walsers Roman «Der Gehülfe». Anfangs des 20. Jahrhunderts erschienen, ist das Werk Zeugnis einer früheren Schweiz. Unfolgsame Kinder werden geschlagen oder gar in den Keller eingesperrt, am 1. August wird gejodelt und alten Liebschaften wird noch per Briefpost nachgetrauert. In dieser Welt lebt der 24-jährige Joseph Marti. Als Gehilfe oder eben Gehülfe des Ingenieurs Carl Tobler erlebt er den Untergang der Familie eines erfolglosen Erfinders. So weit, so gut.

Walsers «Gehülfe» ist allerdings kein Theaterstück, sondern ein mehr als 300 Seiten umfassendes literarisches Werk. Der Stil des Autors ist trotz Einschüben aus dem Schweizerdeutschen an die Schriftlichkeit gebunden, seine Sätze sind verschachtelt und poetisch. Vermisst die Hauptfigur seine ehemalige Freundin, dann tut er dies im Stile der romantischen Dichtung: «So schön, ruhig und lang mutet mich an das Denken des Bei-Ihnen-Gewesen-Seins.»

Entsprechend schwierig ist die Aufgabe, eine dramatische Fassung zu schaffen. Jörg Jermann, erfahrener Autor und Regisseur, hat sich dennoch daran gewagt und den Text am Donnerstagabend im Palazzo Liestal auf die Bühne gebracht. Leider hat er sich damit keinen Gefallen getan: Zu schwer und verworren ist Walsers Sprache, um sie im Wortlaut auf die Theaterbühne zu bringen.

Nuanciertes Spiel

Das ist schade, denn das Potential der Beteiligten ist gross: Die Darstellenden spielen ihre Rollen nuanciert und voller Selbstironie (herausragend: Hauptdarsteller Peter Wyss). Mit Schalk demontieren sie die scheinbare Familienidylle, singen am Nationalfeiertag unter dem Druck des Patrons die damalige Nationalhymne und zünden unter dem Weihnachtsbaum griesgrämig Wunderkerzen an. Stets unausgesprochen bleiben die Spannungen, die sich zwischen den einzelnen Figuren verdichten. Unterschwellig ist immer eine Aggressivität spürbar: ein bedrückender Frust, der mit den lieblichen Gesängen in altem Schweizerdeutsch kontrastiert.

Schweigen ist Gold

Dennoch funktioniert der Abend nicht wirklich. Paradoxerweise liegt dies tatsächlich an der Dominanz der bekannten literarischen Textvorlage: Jegliche Handlung ist in den Worten gefangen oder bleibt unerkenntlich. «Wie seltsam Sie lachen, es kommt nicht ganz natürlich zu Ihrem Mund heraus», stellt denn auch Marti selbst fest und als Zuschauende fühlt man sich ertappt: Unnatürlich wirken vor allem diese grossen Sätze, die hier einer nach dem anderen vorgetragen werden.

So wird aus dem Roman eines grossartigen Schriftstellers ein Theaterstück, das seine stärksten Momente dann hat, wenn niemand spricht. Dann können die Schauspieler und Schauspielerinnen ihr Können und vor allem auch viel Komik entfalten: Wenn sie in beklemmender Stille gemeinsam Tee trinken und sich dabei angestrengt höflich imitieren oder wenn sie in wohliger Routine gemeinsam das Silberbesteck putzen. Manchmal ist weniger eben mehr.


Der Gehülfe
Täglich bis 17.1.2018 in der Druckereihalle Ackermannshof, Basel.
www.basalttheater.ch