Neulich am Strand. Beim Lesen der neusten Ausgabe von «Avenue», eines Magazins für Wissenskultur, nickten mir gleich mehrere Frauen komplizenhaft zu. Vermutlich Frauen, die auch eine Passion für Wissenschaft haben, dachte ich.

Oder lag es doch eher am Thema? «Junge Männer» steht da gut lesbar auf der Titelseite. Im Wissen darum, dass, wer sich erklärt, nur noch verdächtiger scheint, verzichtete ich darauf, zu erwähnen, dass dieses komplizenhafte Zwinkern auf einem Missverständnis beruhen muss. Das Heft setzt sich über 140 Seiten mit ernsthaften, wissenschaftlichen Thesen zum Thema «Junge Männer» auseinander.

Weder die fantastischen Schwarz-Weissbilder von Halbstarken (Henriette Gindrat, Fotostiftung Schweiz) noch die witzig frech inszenierten Porträts junger Basler mit Banane oder Moutarde-Moustache von Ursula Sprecher und Andi Cortellini noch die attraktive Grafik (Reflector visuelle Gestaltung) würden zwar auf den ersten Blick glaubhaft machen, dass das Vergnügen, das einem dieses Heft bietet, nicht primär ästhetischer Natur ist.

Es ist ein schönes Heft, zweifellos. Was es aber allem voran so attraktiv macht, ist inhaltlicher Natur. Es ist diese bestechende Mischung aus brandaktuellen Themen, grossartiger Unterhaltung und wissenschaftlichem Tiefgang. Kein Wunder, ist es, in Basel produziert, mittlerweile auch in Wien und Amsterdam zu kaufen.

Von Bromance bis Testosteron

In der sechsten Ausgabe des Magazins kommen Koryphäen der Männerforschung wie die Psychologin und der Autor Monika und Klaus Theweleit und der amerikanische Soziologe Michael Kimmel ebenso zu Wort wie junge Wissenschaftlerinnen, die sich in ihrer Forschung etwa mit der Hip-Hop-Kultur (Heidi Süss), der homoerotischen Männerfreundschaft in Musikvideos, genannt Bromance (Julia Kerscher) oder dem sexuellen Leistungsdruck junger Männer in Aufklärungspublikationen (Beate Absalon) widmen.

Vieles, was man über junge Männer zu wissen meint, relativiert sich. Der Rechtswissenschaftler Thomas Fischer etwa spricht darüber, unter welchen Umständen junge Migranten straffällig werden. Meistens in Sammelunterkünften auf engstem Raum. Spannend sind auch die Erkenntnisse, die der Basler Endokrinologe Fahim Ebrahimi über das Hormon «Testosteron» präsentiert: Manches, was man darüber zu wissen glaubt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Etwa ein oft behaupteter- Zusammenhang zwischen Kinderbetreuung und Testosteronschwund.

Die Identitätskrise des Patriarchats

Ebrahimi berichtet auch darüber, dass sich immer mehr Männer eine Testosteronbehandlung wünschen, um einem bestimmten Gesellschaftsbild zu entsprechen. Vermutlich aus ähnlichen Antrieben kämpfen und leiden sie sich durch Fitnessprogramme, die mit dem Spruch vom «Lauch zum Tier» werben. Stefanie Duttweiler widmet sich diesem Thema mit einem ebenso kritischen Blick wie Robin Strohmeyer Burschenschaften unter die Lupe nimmt.

Aus 40 Exposés hat das Redaktions-Paar Corinna Virchow und Mario Kaiser zwölf ausgewählt und redaktionell aufbereitet. Die Identitätskrise des Patriarchats, so Virchow und Kaiser, sei für junge Männer durchaus eine Chance, da diese patriarchale Rolle für sie auch ein Korsett darstellte. Es biete sich den Männern «die historisch einmalige Chance, ihre Männlichkeit neu zu definieren, auch im Dialog mit jungen Frauen.»

Die Krise der jungen Frauen, so macht der Literaturwissenschaftler Andreas Krass deutlich, sei aber immer noch bedeutender: Etwa, wenn sie als Schülerinnen besonders fleissig und leistungsfähig sind, später mit ihren Talenten und Fähigkeiten aber an gläserne Decken stossen. Nicht so im Übrigen bei «Avenue»: Es versteht sich von selbst, dass die Hälfte der Texte von Frauen verfasst wurde.

Seit der ersten Nummer ist das Magazin ein Glücksfall für Lesende, die sich nach dialogischer Inspiration mit wissenschaftlichem Tiefgang sehnen. Die Ausgabe «Junge Männer» ist in ihrer Vielseitigkeit und punkto Aha-Erlebnisse besonders zur Lektüre zu empfehlen. Und das nicht nur am Strand.

Avenue «Junge Männer» ist in Basel an folgenden Orten erhältlich: Press & Books, Bider&Tanner, Labyrinth, Müller/Palermo. Infos: http://avenue.jetzt