«Ich hatte zwei Brüder. An beider Tod trug ich die Schuld. Und wenn nicht die Schuld, so doch die Verantwortung.» Juan Guillermo, ein Junge am Anfang der Pubertät, erzählt seine Geschichte – eine Geschichte, in der er als Einziger der Familie überleben wird.

Der erste Tod ereignete sich schon vor seiner Geburt, in einem «Uterusscharmützel», bei dem sein Zwillingsbruder starb und er selbst dank Kaiserschnitt überlebte. Schon früh erkor Juan Guillermo deshalb Carlos, den sechs Jahre älteren Bruder, zu seinem neuen Zwilling und Leitstern.

Carlos zeigt Juan Guillermo, wie man sich in Modelo, einem verrufenen Viertel in Mexico City, behauptet. Wie man über die Dächer flieht, wenn man etwas ausgefressen hat. Die Eltern ringen sich zwar mühsam das Geld für eine gute Schule ab, doch die Brüder werden dort nicht akzeptiert.

Mit 18 schmeisst Carlos die Ausbildung, beginnt auf dem Dach Chinchillas zu züchten und ihre Felle zu verkaufen. Bald verkauft er auch anderes: Substanzen zum Glück. Doch ein katholischer Muster-schüler aus Juan Guillermos Klasse zeigt ihn an – und der korrupte Polizeichef, der von Carlos’ Gewinnen jeweils seinen Teil kassierte, aber gerade unter starkem politischem Druck steht, erledigt ihn persönlich.

Auge um Auge

Guillermo Arriaga, 60, Autor des Romans «Der Wilde», ist selber in Mexico City aufgewachsen und hat den jugendlichen Helden nach sich benannt. Er öffnet Juan Guillermos Innerstes für die Lesenden und schafft so eine differenzierte Figur, mit der man sich identifiziert.

Doch nicht nur in der psychologischen Zeichnung der Figuren und ihrer Beziehungen untereinander erweist sich Arriaga als Meister. Stark sind auch die filmreifen Szenen, welche die Lektüre zu grossem Kopfkino machen. Nicht umsonst wurden die Filme «Amores Perros», «21 Grams» und «Babel», zu denen Arriaga die Drehbücher schrieb, mit mehreren Oscars prämiert.

Wie ein Leitmotiv setzt der Autor im Roman die Dächerlandschaft von Modelo ein, um die Parallelwelt sichtbar zu machen, in der Juan Guillermo lebt. Von Dach zu Dach zu springen, erfordert Mut, wer in die Gasse dazwischen stürzt wie Chelo, das begehrteste Mädchen des Viertels, kann sterben.

Zum Glück hat Chelo sich nur beide Beine gebrochen und mit vielen Narben überlebt. Denn nach Carlos’ Ermordung und dem tödlichen Autounfall der Eltern kurz danach kümmert sie sich um Juan Guillermo. Zwischen tiefer Depression und erstem Liebesrausch wird dieser schlagartig erwachsen.

Um dem übermächtigen Tod etwas entgegenzusetzen, rettet Juan Guil-lermo ein Leben: Colomillo, der ungewöhnlich grosse, aggressive Wolfshund der Nachbarn, soll eingeschläfert werden. Ihn wählt der verwaiste Junge zu seinem neuen Zwilling. Und auch die Szenen, in denen er nach Anweisungen eines Raubtierdompteurs mit Colomillo kämpft, um ihn zu unterwerfen, sind filmreif.

Erstarkt will Juan Guillermo schliesslich seinen Bruder rächen, ganz der alttestamentarischen Logik der Gewalt folgend: Auge um Auge, Zahn um Zahn. In einem grausigen Showdown verprügelt er den ehemaligen Mitschüler, bringt es aber nicht über sich, ihn zu töten. Carlos’ Denunziant überlebt – mit einem irreparablen Hirnschaden.

Der Ruf der Wilden

Guillermo Arriaga schildert Juan Guillermos Flucht mit Chelo und dem Wolfshund in bester «Bonnie and Clyde»-Manier. Sie lassen den Moloch ihrer Jugend hinter sich, sind unterwegs in den Norden – nach Kanada, wo sie Colomillos Züchter ausfindig gemacht haben. Und hier nähert sich ihre Geschichte allmählich derjenigen eines Inuit-Jägers an, der den grössten und mächtigsten Wolf verfolgt, den je ein Mensch gesehen hat.

Scheinbar zusammenhangslos hat der Autor zwischen den Ereignissen in Mexico City immer wieder vom einsamen Kampf des kanadischen Jägers gegen die Schlauheit des Wolfs und die arktischen Naturgewalten erzählt, unweigerlich an Jack Londons «Ruf der Wildnis» gemahnend. Nun wird beim Lesen klar: In Colomillo leben die Gene jenes wilden Tieres weiter, das vom Jäger gefangen und später zum Stammvater einer Zucht von mit Wölfen gekreuzten Hunden wurde.

Doch bis die beiden Geschichten sich über den amerikanischen Kontinent hinweg vereinigen, muss in dem Buch noch einiges passieren, auch in formaler Hinsicht. Arriaga, lateinamerikanischer Fabulierer und Plotschreiber nach US-Vorbild in Personalunion, krönt sein Opus Magnum noch mit grafisch gestalteter Lyrik. Ein Werk, so eigenwillig und kraftvoll, dass es fast nicht mit Buchdeckeln zu bändigen ist.