Obacht, wer Werner Müllers Berufsbezeichnung hört, droht in Klischees zu verfallen: Denn Müller ist Restaurator, und darunter stellt man sich gerne einen wortkargen Menschen vor, der stundenlang mit der Lupe einen Rembrandt anstarrt, auf der Suche nach einem Staubpartikel, den er dann mit stoischer Ruhe in tagelanger Fleissarbeit wegbäselet.

Werner Müller lächelt. Er kennt die Vorurteile, die Verwechslungsgefahr mit denkmalpflegerischen Handwerkern, die ausschliesslich rekonstruieren. Aber Rekonstruktion ist nicht Restaurierung. «Wir sitzen schon auch an den Kunstwerken, haben ein Gemälde auf der Staffelei und wirken der Vergilbung entgegen oder festigen alte Farbschichten. Unsere erste Priorität aber ist die Schadensvermeidung. Wir kontrollieren das Klima, das Licht, die Bedingungen, denen die Kunstwerke ausgesetzt sind», sagt er. Damit es gar nicht erst zu einer Nachbesserung kommen muss.

Denn für Müller gibt es nichts Schöneres als ein unberührtes, unbeschädigtes Kunstwerk. «Im originalen Zustand haben Kunstwerke eine wunderbare Aura. Wird einmal etwas korrigiert, oder vermeintlich ausgemerzt, dann lässt sich dieser Zustand nicht mehr wiederherstellen. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde viel verschlimmbessert – man verwendete Kunststoffe und wesensfremde Materialien gegen das Original. Oder klebte auf die ursprüngliche Leinwand eine zweite Leinwand oder Holzplatte, um das Bild scheinbar haltbarer zu machen», erzählt er.

Die Kunstwerke haben dafür einen hohen Preis bezahlt. «Da wurde mit Hitze, mit Bügeleisen, mit Kunstharzen gearbeitet, alles Massnahmen, die man nicht mehr rückgängig machen kann.» Damit habe man den individuellen Charakter der Kunstwerke zerstört, sagt Müller.

«Wenn ein Kratzer in einem Bild von Rothko drin ist, kann dies zwar optisch retuschiert werden. Aber auch das sieht man, weil das Fremdmaterial anders altert als das Original.
Unser Haus ist zum Glück voller unberührter Bilder. Holbeins Christus etwa hat in 400 Jahren nie die Stadt verlassen und auch keine Retusche erhalten. Wenn ich davor stehe, kriege ich eine Gänsehaut, das ist so wunderbar», schwärmt der Chef-Restaurator.

Die Rolle der Beschützer

Wurde die öffentliche Kunstsammlung Basel also von solcherlei Verschlimmbesserungen bisher verschont? Nicht ganz, sagt Müller. «Wir haben ein einziges Werk des russischen Suprematisten El Lissitzky. Er kreierte wunderbare, sehr filigrane Oberflächen, die auf mehreren Ebenen Wirkung erzielten.

Leider wurde unser Sammlungsstück schon vor Eingang in unser Haus vor Jahrzehnten auf eine Spanplatte geklebt und gefirnist. Jetzt sieht dieses Bild aus wie ein Poster statt wie ein Original», bedauert er.

Sind Restauratoren die Nerds im Kunstbetrieb, Herr Müller? «Das weniger, aber wir hatten lange Zeit den Ruf der Meckerer und Bedenkenträger. Weil wir die Rolle des Anwalts der Kunst und der Beschützer einnehmen.»

Restauratoren reden ein gewichtiges Wort mit, wenn es um Lagerung, Installation oder Transport von Kunstwerken geht. Mittlerweile versteht sich die Restaurierungsabteilung als Beratungsinstitution für alle anderen Angestellten des Kunstmuseums, von der Putzequipe bis zu den Kuratoren. Die Team-Arbeit ist von entscheidender Bedeutung. Schadensvermeidung an Kunstwerken werde von allen Mitarbeitenden betrieben, betont Müller.

Das heisst auch, dass er und sein Team – insgesamt besteht die Restaurationsabteilung aus zehn Personen verteilt auf 7,5 Stellen – sich nicht nur um Zustand und Aufbewahrung von Gemälden und Zeichnungen kümmern, sondern auch um Skulpturen und Videokunst.

Von Videokassetten, deren Bänder brüchig werden, müssen Kopien erstellt und die Masterbänder in speziellen Kühlräumen gelagert werden. Ansonsten droht der Verlust. Und wie hält man eigentlich alte Röhrenfernseher intakt? Auch solche Fragen treiben das Team um.

Routine ist gefährlich

Gabs einen grossen Schreckmoment in Müllers Karriere, als ihm ein Monet-Bild entglitt oder er bei einem Van Gogh einen falschen Gelbtupfer setzte? «Nein, zum Glück nie», sagt Müller. «Aber jede Ausstellung hat ihre kniffligen Aspekte: Entweder hat man heikle Leihgeber oder heikle Kunstwerke.» Und dann noch solche von einzigartigem Wert.

Im Unterschied zu uns darf Müller einen Picasso berühren. «Das ist das Schöne an unserem Beruf. Wir dürfen sie anfassen, diese Kunstwerke von Weltruf», sagt Müller. So nervös, dass seine Hände zittern würden, sei er schon lange nicht mehr. «Aber allzu grosse Routine ist auch gefährlich», sagt er. «Daher haben eine gewisse Anspannung und hohe Aufmerksamkeit ihre Berechtigung.»

Als Beispiel nennt er jene Situation vor zwei Jahren, als das riesige Hodler-Gemälde «Blick ins Unendliche», ein rund 40 Quadratmeter grosses Bild, im Kunstmuseum neu gehängt wurde. Das Gemälde ist auf einem fragilen Holzrahmen aufgespannt. Sechs Leute mussten punktgenau und synchron arbeiten. Die Gefahr war, dass sich sonst der Rahmen verzieht und die 100 Jahre alte, spröde Leinwand einen Riss erhält. «Sorgfalt, aber auch Verantwortung tragen, das sind zwei ganz wichtige Punkte bei unserer Arbeit», sagt Müller.

Darum begleitet er manchmal auch den Transport eines Bildes. Wenn eine Ikone von Andy Warhol oder Mark Rothko ans weltberühmte MoMa ausgeliehen wird, dann fliegt er mit dem Bild mit, um sicherzustellen, dass es schadlos in New York ankommt. Da gilt es zum Beispiel den Verlad mit Gabelstaplern zu überwachen oder sicherzustellen, dass das Bild in der Flugrichtung steht, weil sonst beim Start gefährliche Kräfte auf die Leinwand wirken könnten.

Müllers Arbeit beginnt aber schon bei der Leihanfrage: Er wiegt zusammen mit den Museumskuratoren ab, ob das Risiko eines Transports überhaupt tragbar ist. Stimmt man einer Leihgabe zu, wird ein Verpackungskonzept erstellt. Weil die Luftfeuchtigkeit beim Flug in der Höhe abfällt, muss dies durch klimatisierte Kisten kompensiert werden. Das verpackte Bild wird mit einem luftgefederten und temperierten Lastwagen zum Cargoterminal gefahren, auf Flugzeug-Paletten fixiert.

Kampf den Motten

Gibts ein Kunstwerk, das er gerettet hat? «Ich hoffe, das passiert jeden Tag!», sagt er und lacht. Auf ein konkretes Beispiel angesprochen, erwähnt er die Feuerstätte von Joseph Beuys im Kunstmuseum Gegenwart. Beuys’ Arbeit besteht aus Filzanzügen. Diese muss man regelmässig überprüfen.

«Vor einigen Jahren haben wir den Beginn eines Mottenbefalls bemerkt und diesen bekämpft, indem wir die Filze in eine Stickstoffkammer zur Behandlung gaben», erzählt Müller. Der Stauerstoffanteil wurde einige Wochen lang so stark reduziert, dass nichts überleben konnte. Mission accomplished.
Müller behält seine Werke im Auge wie ein Gärtner seine Pflanzen. Und er schaut dank modernster Technik auch dahinter: Vor einem Jahr wurde ein Untersuchungsraum mit digitalen und neuesten Gerätschaften eingerichtet. Damit kann seine Abteilung Kunstwerke durchleuchten und dabei erstaunliche Entdeckungen machen.

«Vor der grossen Chagall-Retrospektive schauten wir uns die Werke genauer an und konnten durch die Infrarotreflektografien und Radiografien interessante Schaffensprozesse nachvollziehen, etwa, dass Chagall mal mit einem Porträt begann, sich dann anders entschied und eine Nachtlandschaft darüber malte.»

Solche Erkenntnisse möchte Müller künftig öffentlich zugänglich machen. Zu diesem Zweck planen er und sein Team, ein Institut innerhalb des Kunstmuseums zu gründen und noch stärker in die Forschung einzusteigen. «Früher versuchte jeder Restaurator, seine Tricks geheim zu halten, heute tauscht man sich viel stärker aus», sagt Müller. Eine Entwicklung, die den Stars seiner Arbeit zugutekommt: den Kunstwerken.