Literatur

Wo Zauber auf Sabotage trifft

«Hotel Galaxy»  Christoph Keller, Verlag die brotsuppe, 2018, 324 Seiten.

«Hotel Galaxy» Christoph Keller, Verlag die brotsuppe, 2018, 324 Seiten.

Der neue Roman des Baslers Christoph Keller ist irrsinnig anstrengend. Und jede Anstrengung wert.

Es beginnt mit einem harten Bild: Ein Mann sieht noch einen nackten Fuss mit rot lackierten Nägeln, dann rudert er mit den Armen und fällt. Dazwischen schreibt Christoph Keller: «Alles still, wie für die Ewigkeit.» Damit hat der Basler Autor und Redakteur bei Radio SRF 2 Kultur die Weichen gestellt: Am Ende kommt der Tod und er kommt friedlich, fast schon angenehm, weil nun endlich alles still ist. Und alles für die Ewigkeit.

Dem Leser wird die Tragweite dieser ersten Worte erst am Ende wirklich bewusst, vorher regiert das Gegenteil: 300 Seiten Bruchstücke, Flimmern, Fetzen, Geschwindigkeit. Keine Ewigkeit, sondern irrsinnige Gegenwart.

Mittendrin Thom, ein nervöser Journalist, der gerne Abfall aus Mülleimern fischt und dessen Kleingedrucktes liest. Diese Eigentümlichkeit wirkt nur auf den ersten Blick affektiert (das Kleingedruckte auf Verpackungspapier lesen – so eine Angewohnheit kann wirklich nur erfinden, wer sich selbst zu fade ist). Wer dranbleibt, entdeckt in ihr ein klug platziertes Element, das später im Gesamten genau jene Realität ergibt, die so unmöglich zu fassen sein scheint: Das Jetzt, in all seinem kuratiersüchtigen Wahnsinn.

Falsche Zuneigung

Thom mit seiner Zerrissenheit ist der perfekte Träger dieser Welt. Während seine Ehefrau immerhin aufrichtig von einem konventionellen Leben träumt, tut er so, als würde er einen anderen Weg gehen. Er poetisiert sein Leben, spielt den gebeutelten Schreiber, der unter seinem profitgierigen Chef leidet, benutzt französische Wörter und sucht nach dem Zauber im Gewöhnlichen. Die Tür seiner Geliebten beispielsweise hält für ihn das «tiefste, leicht ins Grün gehende Blau» bereit, das Mittwochsblau, mit dem er seine Wochen unterbricht, um sich in der «Monde Encapsulé» seiner Affäre zu vergnügen.

Hier kommt Valérie ins Spiel, eine nicht minder selbstgefällige Filmautorin, die nicht minder uneins ist mit der Welt. Anders als Thom sucht sie nicht den Zauber, sondern die Sabotage: Kontaktspray auf Bankomat-Tastaturen, Parfüm auf Billo-Gemüse, Schnellkleber auf Laptops. Valerie und Thom verbindet eine leidenschaftliche Affäre, sie gefallen sich in ihrer gegenseitigen Bewunderung und halten es für Zuneigung. In Wahrheit ist auch bei ihnen längst keine Aufrichtigkeit mehr möglich. Wie die Welt, die sie so hassen, sind auch Thom und Valerie zu Projektionen verkommen, mit dem kleinen Unterschied, dass nicht grosse Corporations, sondern sie selbst dahinterstecken.

Stille ja, Ruhe nein

Diese im Kern so traurige Leidenschaftsgeschichte wäre bereits Story genug, aber Christoph Keller will über die Zweisamkeit hinaus, er will universelle Dringlichkeit. Und so erscheint das «Hotel Galaxy» auf der Bildfläche, ein mysteriöses Schloss, in dem regelmässig groteske Darbietungen von Lebensgeschichten stattfinden. Ein perverses Welttheater, in dem Kunden dafür bezahlen, den Geschichten wehrloser Menschen beizuwohnen und sich an ihnen zu ergötzen. Auch der Leser bekommt diese Geschichten zu hören, allerdings in gesitteterer Manier: In gekonnt erzählten Testimonials sprechen ein Transmensch aus Thailand, ein Müllsammler aus Guatemala, eine junge Frau aus Mali. Wie trügerische Ruheinseln ziehen sich diese kleinen Reportagen durch den Roman: Wie war das nochmal mit der Ergötzung an den Geschichten anderer?

Eine Frage, die bis zum Schluss nachhallt, als der fallende Mann wieder da ist und die Geschichte zusammenschnürt. Still ist es nicht geworden, nicht bevor Thom noch seine letzten Gedanken wälzt. Auch kurz danach, als man dieses anstrengende Buch endlich zur Seite legen kann, kehrt keine Ruhe ein. Stille ja, Ruhe nein. Man greift wie automatisch zum Smartphone und weiss: Keller hat einen Nerv getroffen.

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