Herr Eggebrecht, Yehudi Menuhins Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal; allerorten wird er gefeiert. Können Sie in einem Satz sagen, wer Menuhin war?

Harald Eggebrecht: Yehudi Menuhin war das Wunderkind des 20. Jahrhunderts.

Eine singuläre Erscheinung?

Nicht ganz: Es begann im 18. Jahrhundert mit Mozart, das Wunderkind des 19. Jahrhunderts hiess Mendelssohn, und im 20. Jahrhundert war es Menuhin. Seitdem hat sich die Wunderkindproblematik geändert.

Was ist problematisch daran?

Es ist immer die Frage: Wie kann man eine frühe Begabung so ausbilden, dass sie nicht Schaden nimmt am Übergang von der Pubertät zum Erwachsensein? Viele bleiben da hängen.

Wie hat es Menuhin geschafft?

Er hatte schon als Kind eine verblüffende musikalische Reife. Jeder hat gespürt: Der hat was zu sagen. Die Leute haben sein Spiel geradezu mit religiösen Worten beschrieben. Aber mit dem Erwachsenwerden geriet Menuhin als Geiger in Schwierigkeiten.

Welche Schwierigkeiten waren das?

Menuhin hat in seiner Wunderzeit kindlich unbewusst gespielt. Er war so gut; niemand hat so recht daran gedacht, dass er auch die systematischen Grundlagen des Geigenspiels hätte studieren müssen. Doch in der Pubertät fing das Nachdenken darüber auch bei ihm an, was die Finger der linken Hand eigentlich machen bei schnellen Läufen, und was es mit der Bogentechnik der rechten Hand auf sich hat. Plötzlich gelang ihm sein Spiel nicht mehr kinderleicht und fehlerfrei.

Weshalb war er dennoch zeitlebens ein erfolgreicher Geiger?

Weil sich Menuhin all dies bewusst gemacht hat. Er hat seine Instabilitäten nicht versteckt. Doch hatte er bis zum Schluss als Geiger geniale Momente. Es gab unglückliche, eben von diesen Unsicherheiten geprägte Konzerte — doch plötzlich kam eine absolut geniale Zugabe. Menuhins Spiel hatte etwas, das die Menschen unmittelbar berührt hat. Er konnte erschüttern, weil er selbst erschütterbar war.

Ist das auch auf seinen zahlreichen Schallplatten zu hören?

Nein, das war nur auf der Bühne zu erleben. Vielleicht kann man es in seinen Filmen erahnen. Viele Filmteams haben versucht, seine Aura einzufangen.

Gibt es auch kritische Stimmen zu ihm?

Privat hatte er wie jeder andere seine Ecken und Kanten. Seinen Kindern war er wohl ein abwesender Vater. Aber darüber möchte ich nicht urteilen.

Aber warum ist Menuhin auch ausserhalb der Musikwelt ein Thema?

Menuhin hat sich eingemischt. Er war politisch sehr interessiert. Und er hat Dinge getan, die sich andere nicht getraut haben. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg ist er als erster jüdischer Musiker wieder in Deutschland aufgetreten. Er hat sogar mit Benjamin Britten im Konzentrationslager Bergen-Belsen gespielt, trotz grosser Widerstände, auch vonseiten ehemaliger Häftlinge. Er war Uno-Botschafter und ist ein Menschheitslehrer geworden. Deshalb lohnt es sich, über ihn zu sprechen.

Menuhin hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Was hat ihn als Denker ausgezeichnet?

Seine Bücher beziehen sich auf die Frage des Engagements, der Wahrhaftigkeit. In all seinem Tun und Denken ging es ihm um den kommunikativen Akt des Musikmachens, also des Sprechens durch Musik. Musik war für ihn ein zentraler Aspekt, ein besonderes Zeichen der menschlichen Zivilisation.

Ist er auch darin singulär?

Heute kommt ihm Daniel Barenboim wohl am nächsten. Was er mit seinem West-Eastern Divan Orchestra macht, in dem Israeli und Araber gemeinsam musizieren — auch das wäre jederzeit ein Gesprächsforum wert.