Theater Roxy

«Zukunft Europa»: Zuerst muss alles niedergerissen werden

Autor Joël László im Skype-Gespräch mit Co-Autorin Ariane Koch im Unternehmen Mitte.

Autor Joël László im Skype-Gespräch mit Co-Autorin Ariane Koch im Unternehmen Mitte.

Ab heute zeigt das Roxy in Birsfelden «Zukunft Europa» von Theater Marie. Die bz hat die Autoren des hochaktuellen Stücks Ariane Koch und Joël László zu einem Gespräch getroffen.

«Zukunft Europa» beschreibt in fünf Kurzstücken mögliche Szenen in einem zukünftigen Europa.

Dabei greifen die Autoren zurück auf Mythen und historische Ereignisse, diskutieren die Rolle des Glaubens und der Kunst, präsentieren eine Enzyklopädie des Verschwindens und pflegen so einen Gestus der rückblickenden Science-Fiction.

Wenn man die fünf Stücke so liest, haben Sie nicht viel Hoffnung für Europa.

Joël László: Entscheidend ist dabei der Gedanke des Futurs II. Wir beschreiben von heute aus, wie eine Zukunft auf unsere Gegenwart zurückblicken könnte.

Ariane Koch: Ich finde es nicht pessimistisch, eher apokalyptisch. Vielleicht muss man die Dinge mit einer Portion Wahnsinn angehen, im Sinne von: Man reisst alles nieder und baut etwas Neues daraus auf.

In dem Stück spielt ein Stier eine wichtige Rolle.

Koch: Zunächst ging es mir darum, die Situation umzukehren: Europäer suchen in der Zukunft per Schiff nach einem neuen Kontinent, weil Europa zerstört ist. Mir ging es auch um den Topos der Schifffahrt, also das ganze historische Spektrum zwischen der aktuellen Situation auf dem Mittelmeer und der griechischen Mythologie. Im Mythos von Europa trägt Zeus als Stier auf seinem Rücken das Mädchen Europa vom Nahen Osten übers Meer zu uns. Der Stier steht in meinem Stück dabei für ein unsicheres Element, das alles in der Schwebe hält. Teufel, Gott, Orakel, Gefahr. Das trifft ja auch auf die Zukunft des heutigen Europa zu: Wohin schaukeln wir?

Sie wechseln von Stück zu Stück die sprachliche Form, in Ihrer fehlen die Umlaute. Ist das die Digitalisierung der Sprache?

Koch: Ich habe versucht, auch die Sprache zukünftig zu denken. Wenn man die Umlaute weglässt, kann das einen pseudo-ausländischen Dialekt generieren. Das wirft uns auf unseren Umgang mit dem Fremden zurück. Digital ist hingegen der Text «Fiverr.com» entstanden, der aus Text-Aufträgen besteht, die ich auf dieser Internetplattform für jeweils 5 Dollar an Nicht-Europäer vergeben habe. Ich habe damit eine Aussenperspektive auf Europa oder Themen wie Ausbeutung, Outsourcing und Autorschaft einzufangen versucht.

Sie haben mit Schreiben begonnen, als Europa noch ruhig dalag, inzwischen hat sich das geändert.

Koch: Wir hatten ein Gastspiel in Graz. Plötzlich bekam der Text «Costa Concordia. Mare Nostrum» eine ganz neue Bedeutung, weil das Flüchtlingsthema alle anderen Referenzen verdrängte.

László: Als wir uns hingesetzt haben in Suhr mit der Zumutung, in der Aargauer Provinz die Zukunft Europas zu entwerfen, drehte sich das Karussell noch in einem irgendwie nachvollziehbaren Rhythmus. So habe ich in einem Stück mit zwei Kunstwerk-Sprengern nationalistische Kraftmeiereien parodiert, die mir weit weg schienen. Das Griechenland-Bashing während der Euro-Krise aber war dann ja fast schon das.

Koch: Der Kontext, in dem das Stück gezeigt wird, verändert den Inhalt. Zum Beispiel: Ich arbeite gerade mit einem türkischen Autor und einer ägyptischen Autorin an einem Projekt im Literarischen Colloquium Berlin: «Hilfe, das Volk kommt.» Es ist interessant, aber auch problematisch als Vertreterin der Schweiz und Westeuropas wahrgenommen und letztlich auf die Nationalität reduziert zu werden.

Sie haben die Stücke dann an Theater Marie abgegeben. Sind Sie zufrieden mit der Umsetzung?

László: Sie haben die Stücke sehr sorgfältig umgesetzt. So wie die Texte formal verschiedene Stile deklinieren und etwa die Szene beim Frisör das bürgerliche Kammerspiel des 19. Jahrhunderts anklingen lässt, so spielt der Abend mit verschiedenen Theaterformen. Nach den Vorstellungen habe ich hier immer wieder heftige und spannende Diskussionen erlebt.

Theater Roxy Birsfelden Zukunft Europa, 16./17./ 18. Dezember 2015, 20 Uhr.

www.theater-roxy.ch

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