Theaterrezension
Zweimal «On the Rocks»

Die Regisseurin Antje Schupp hat sich am Montagabend an der Gessnerallee in Zürich die Inszenierung der Choreografin Lucie Tuma angesehen. Nun schätzen beide dieselbe Arbeit ein: Kritisch und selbstkritisch.

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ZVG

Kreislauf des Lebens als ewiger Loop

Kritik*

Diese Kritik ist keine Kritik. Sie ist eine Schilderung des «emotionalen Fussabdrucks», den dieser Tanzabend in mir hinterlässt. Er beginnt mit einer eigentümlichen Toneinspielung in sieben Sprachen: «It’s 2016. Probably. We love you. Enjoy.»

Dieser Tanzabend ist kein Tanzabend. Man wird darüber informiert, dass alles, was man als Zuschauer an diesem Abend erlebt, in den Besitz der Gessnerallee Zürich übergehen wird. Diese fungiere ab jetzt als Museum, das diese Erfahrungen für die Ewigkeit konserviert. Soeben Erlebtes wird also die Zukunft der nächsten 3,5 Stunden und gleichzeitig Geschichte. Willkommen bei «On the Rocks» von Lucie Tuma.

Dieses Stück über Steine ist ein Juwel. Und so eindeutig wie ein Juwel zu sein scheint, so komplex und langwierig ist dessen Entstehung. Ähnlich komplex ist die Erfahrung dieses Tanzabends, der den Zuschauer auf eine Reise mitnimmt, die mehr Imagination ermöglichen, als Narration liefern will.

Fast meditativ beginnt es. Wenn man den Raum betritt, steht man inmitten von Stalaktiten, Vulkanen, Rauch, Vogelgezwitscher und den Tänzern. Man setzt sich auf Matratzen und Sitzkissen aus bunten Plastikbällen. Die Bühne bietet einen eigenartigen Mix aus Bildern, die an Geologie und Topografie erinnern, daneben stehen aber Bierkisten, Kühlschränke und ein aufblasbarer Fuchs. Die langsamen Bewegungen der Tänzer und die langen musikalischen Loops bringen Ruhe in den Abend. Steine brauchen ihre Zeit, um sich zu transformieren.

Ewiger Kreislauf

Es geht von Bild zu Bild wie durch die Zeitalter der Evolution. Man sieht Menschenpyramiden, die an (national-)sozialistische Sportveranstaltungen erinnern. Plastikrohre werden geschwungen und erzeugen Musik. Ich sehe ausgelassene Tänze wie um ein Feuer, die Bewegungen erinnern an Volkstanz und Hip Hop.

Die Choreografin Lucie Tuma tanzt den Abend über mit. Und sie singt: «Dance is an art. Art is power. Power is the people. People are good. Goods are God. God is Dance. Dance is an Art.» Der Kreislauf des Lebens als ewiger Loop.

Je länger der Abend dauert, desto wacher werde ich. Desto mehr sind die Konzentration und die Anstrengung spürbar, die er den Tänzern abverlangt. Diese Arbeit unternimmt den utopischen Versuch, Naturprozesse zu inszenieren. Ästhetisch präzise. Mal ist es Tag, mal ist es Nacht. Mal sitzt man in einer Höhle, mal unter freiem Himmel. Ich sammle meine Erfahrungen und denke: «Du interpretierst da jetzt aber ganz schön was rein.» Aber darum soll es ja gehen. Eindeutig ist dieser Abend nicht. Aber was ist schon eindeutig, wenn man sich mit Prozessen beschäftigt, die Jahrmilliarden dauern?

Dieser Abend hingegen dauert nur drei Stunden. Am Ende bleibt das Gefühl des Staunens.

*Antje Schupp ist Regisseurin und Performerin. Sie lebt in Basel.

Ein anderes Zeitgefühl

Selbstkritik**

Während der Proben habe ich einige Wochen auf einem anderen Planeten gelebt. Als wir dann in den Theaterraum wechselten, war es tatsächlich so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur noch besser.

Wenn man mich nach dem Ziel meiner Arbeit fragt, könnte eine Antwort sein: Ich glaube, wir leben in Zeiten, die viel zu viele Ziele haben. Jede Sache muss nützlich für eine andere sein. In versuche, einen Kunstraum zu schaffen, der gerade nicht diesem Tauschprinzip unterlegen ist, in dem man etwas auch ohne ein bestimmtes Ziel tut.

Bei dem Versuch, eine ästhetische Naturerfahrung in einen Kunstraum zu übertragen, liegt die Latte natürlich hoch. Aber in der Natur sieht man sich ja auch nicht einen Baum oder eine Wolke an und überlegt sich: Was könnte das bedeuten? Ich habe das Ziel, eine interessenlose Aufmerksamkeit zu generieren. Das heisst nicht, dass ich willkürlich bin. Aber ich versuche, ein Setting zu bauen, das diese Art der Intention aushebelt. Das Stichwort dafür ist «Kontingenz». Und ich glaube, das ist bei «On the Rocks» gelungen.

Ich sehe mich in dieser Arbeit als Gastgeberin für meine Kollegen und für das Material, mit dem wir arbeiten. Ich bin zwar sehr bestimmt in den Setzungen, aber von da aus werden Einladungen ausgesprochen. Ich bin glücklich über die Vorschläge und darüber, dass der Abend auf diesem «gemeinsamen Mist» gewachsen ist.

Die Zuschauer sind klüger

Meine Erfahrung nach den Aufführungen ist: Das Stück ist schlauer als ich. Glaube ich. Ich habe es auch noch nicht ganz verstanden. Es ist so komplex und entzieht sich – hoffentlich – meiner Kontrolle. Auch die Zuschauer, denen das Stück gehört, sind nicht weniger schlau als wir, die in diese Welt einladen.

Auf der Ebene der Bewegung gibt es relativ viel Explizites, das in der Abstraktion des Tanzes funktioniert. Man sieht eine militärische Parade, dann ist sie wieder weg. Man sieht ein Bewegungszitat von Trisha Brown, dann ist es wieder weg. Der Abend ist sehr dicht in dieser Hinsicht. Mein Ziel ist es, über eine Überforderung den Blick aufzulösen, damit es zu einem neuen Blick kommen kann, der nichts Bestimmtes sucht und gerade dadurch vielleicht etwas Neues findet.

Wie im Traum

Es war mir wichtig, mit dieser Arbeit eine andere Zeitlichkeit als die herzustellen, in der wir uns üblicherweise bewegen. Man soll bei uns nicht einfach mal Pause machen, sondern es geht um ein anderes Zeitgefühl. Das kann auch unangenehm werden. Aber sich dem auszusetzen ist ein bisschen wie ein Traum oder eine Trance. Und das ist meine wichtigste Erfahrung dieser Arbeit: dass man das tatsächlich herstellen kann.

**Lucie Tuma ist Choreografin und lebt in Zürich. Ihre neue Inszenierung «On the Rocks» wird im Frühjahr 2017 am Theater Südpol in Luzern wieder aufgenommen.

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