Filmfestival
Cannes ist zurück – und sorgt für Dankbarkeit und feuchte Augen

Das Film Festival in Cannes macht dort weiter, wo es 2019 aufgehört hat – und doch ein wenig anders. Der Treff ­von Stars und Sternchen und einer ganzen Branche dauert noch bis zum 17. Juli.

Regina Grüter aus Cannes
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Star des Abends: Jodie Foster erhält die Goldenen Ehrenpalme.

Star des Abends: Jodie Foster erhält die Goldenen Ehrenpalme.

Bild: Vianney Le Caer/AP

Sie haben’s hingekriegt! Alle sind sie nach Cannes gekommen, um den Film und das Kino zu feiern. Jodie Foster, Adam Driver, Marion Cotillard, Bong Joon Ho und natürlich Jury-Präsident Spike Lee – in pinkem Anzug (!), Niketurnschuhe in Frankreichs Nationalfarben und ein bisschen Bling-Bling um den Hals. Eine Riesennummer dieser Typ.

Jurypräsident Spike Lee mit den Jurymitgliedern Maggie Gyllenhaal, Melanie Laurent und Jessica Hausner.

Jurypräsident Spike Lee mit den Jurymitgliedern Maggie Gyllenhaal, Melanie Laurent und Jessica Hausner.

Brynn Anderson / AP

Alle sind sie da, auch Branchenvertreter aus der ganzen Welt. Und das trotz massivem Schutzkonzept, das manche als Schikane bezeichnen. Die zweite Impfung ist 14 Tage her? Egal. In Cannes gilt nur das französische oder das EU-Impfzertifikat. Amerikaner, Asiaten, Gäste aus europäischen Nicht-EU-Ländern und alle anderen haben das Nachsehen.

Der Gang ins Testcenter oder in die Apotheke alle 48 Stunden ist denn auch Pflicht, aber eigentlich gar nicht so schlimm, sondern noch ganz lustig. Ich bin abends um fünf Uhr dran und werde von einer netten Dame, die sich als Luganerin herausstellt, an den richtigen Ort platziert. Derweil schreit eine weitere Dame alle paar Minuten nach vorne: «Négatif!» Ob denn den ganzen Tag lang schon jemand positiv getestet worden sei? «Aucun», gibt die Luganerin zurück. «Sie haben sich eben alle gut vorbereitet», sagt sie und schmunzelt.

24 Filme konkurrieren um die Goldene Palme. Bei der Erstausgabe im Jahr 1944 standen 44 Spielfilme im Wettbewerb.

Die Piazza Grande in Locarno hat ein Pendant bekommen

Die Stimmung ist gut im hochsommerlichen Cannes, wo in der Apotheke neben Antigen-Schnelltests auch Après Soleil hoch im Kurs ist. Üblicherweise findet das Filmfest Cannes, das prestigeträchtigste europäische Filmfestival, Mitte Mai statt. Mit Ausnahme der letztjährigen Ausgabe des Zurich Film Festivals ist es das erste seit Ausbruch der Pandemie, das komplett physisch vor Ort durchgeführt wird.

Iris Berben posiert mit einem fröhlichen «Gemeinschaftskleid» auf dem roten Teppich.

Iris Berben posiert mit einem fröhlichen «Gemeinschaftskleid» auf dem roten Teppich.

Brynn Anderson / AP

Die Festivalleitung unter Pierre Lescure und Thierry Frémaux hat auf eine Durchführung Anfang Juli gepokert und auf die veränderten äusserlichen Bedingungen mit zahlreichen Initiativen reagiert. So verbreiten die vielen weissen Zelthäuser entlang der Strandpromenade Festivalatmosphäre. Und Cannes hat jetzt ein Pendant zur Piazza Grande in Locarno: das Cinéma de la Plage. Am Morgen noch tummeln sich Badegäste im Sand und die riesige Leinwand ist aufgerollt. Aber die Szenerie des Open-Air-Strandkinos ist einmalig.

Die Goldene Palme des Filmfestivals.

Die Goldene Palme des Filmfestivals.

Bild: Mustafa Yalcin/Anadolu Agency/Getty Images
20'000 Euro ist die Goldene Palme wert. Sie besteht aus neunzehn 18-karätigen Goldblättern des Schweizer Juweliers Chopard.

Der Eröffnungsabend findet aber selbstverständlich im Kinosaal statt. Es ist irgendwie weihevoll. Schon bevor die Zeremonie angefangen hat, werden die Augen ein wenig feucht. Auch wenn die Kinos geschlossen gewesen seien, der Film habe überlebt, sagt Jodie Foster in perfektem Französisch – sie ging als Kind auf die französische Schule in Los Angeles. Sie habe zu Hause in Trainerhosen Kurosawa, Scorsese, Lee oder Almodóvar geschaut. Eben dieser Pedro Almodóvar überreicht ihr die goldene Ehrenpalme. Die Augen der 58-jährigen Filmgöttin: feucht.

Eröffnungsfilm mit Adam Driver und Marion Cotillard ist eine Rockoper

Der Kinogott auf der Leinwand heisst «Ape of God», Affe Gottes. Adam Driver spielt im Musical «Annette» des Franzosen Leos Carax («Les amants du Pont-Neuf») den Comedian Henry, der sich nennt wie oben, und der sich auf seine Show vorbereitet wie ein Boxer auf den Wettkampf. Im Plüschmorgenmantel, Kapuze oben, drunter nur Boxershorts, raucht er vor dem Spiegel eine Zigarette und mampft gleichzeitig eine Banane. Seine Angebetete, die Sopranistin Ann (Marion Cotillard), stirbt tausend Tode auf der Bühne und wird vom Publikum genauso vergöttert wie Henry. Das Promi-Paar heiratet und bekommt ein Kind. Das Familienglück scheint perfekt und wird in den Klatschblättern der Showbiz-Stadt L.A. ausgiebig gefeiert. Aber in Henry schlummert eine dunkle Seite. Er selbst weiss eigentlich am besten, dass er nicht in den Abgrund blicken darf.

Adam Driver, Regisseur Leos Carax und Marion Cotillard vor der Premiere ihres Films «Annette»

Adam Driver, Regisseur Leos Carax und Marion Cotillard vor der Premiere ihres Films «Annette»

Stephane Cardinale - Corbis / Corbis Entertainment

Eigentlich ist «Annette» eine Rockoper des US-amerikanischen Duos Sparks. Die Brüder Ron und Russell Mael haben die Musik komponiert und das Drehbuch geschrieben. Carax setzt das im Rhythmus der Musik filmisch überwältigend und ideenreich um. Der Film ist exzentrisch und wird getragen von den überragenden Hauptdarstellern Adam Driver und Marion Cotillard. Besonders staunt man über den 37-jährigen US-Amerikaner Adam Driver.

Die viel beschworenen Emotionen finden auf der Leinwand statt

Aber Emotionen? Wo bleiben die viel beschworenen Emotionen? Die finden auf der Leinwand statt – Liebe, Begehren, Wut, Hass, Rachegefühle –, aber nicht unbedingt beim Publikum selber. Ein spanischer Kollege konnte sich am Ende der Aufführung nicht beherrschen und hat seinen Frust laut rausgeschrien. «Annette» lässt einen etwas ratlos zurück, aber der Film hat so viele Qualitäten, die man nicht einfach ignorieren kann. Und er liefert Gesprächsstoff. Feuchte Augen aber evoziert das Drama um Ruhm, Fall und den Umgang mit künstlerischer Begabung bei den meisten wohl nicht.

Tatsache ist, dass «Annette» ein Film ist, der wenn überhaupt, dann nur im Kino funktioniert. Mit Kinosoundsystem und ohne Fluchtmöglichkeit. Es versteht sich von selbst, dass die Organisatoren, etwas makaber ausgedrückt, auf Nummer todsicher gehen wollen. Und man gönnt ihnen von Herzen, dass der Plan voll aufgeht – hoffentlich bis zum letzten Abspann. In Cannes frönt man dem Film ausschliesslich im Kino, und der persönlichen Begegnung sowie dem bereichernden Austausch.

Ein Festival in Konkurrenz mit der Fussball-Europameisterschaft

Der Publikumsaufmarsch ist vielleicht ein bisschen kleiner als gewohnt. Das mag einerseits daran liegen, dass der US-amerikanische Kultregisseur Jim Jarmusch, der vor zwei Jahren den Eröffnungsfilm stellte, mehr Fans hat als Leos Carax. Andererseits war da auch noch EM. Film fertig. Die Beizen sind voll. 88. Minute, 1:1. Wo die Sympathien der Franzosen liegen, war spätestens nach Spielende klar, als das kleine Städtchen an der Côte d’Azur, das jetzt gerade wieder der grösste Treffpunkt der Welt für Filmfans ist, in allgemeinen Jubel ausbrach.

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