Theater

Das Berner Theater bringt Chaplins «Der grosse Diktator» auf die Bühne

Regisseur Cihan Inan. Foto: keystone

Regisseur Cihan Inan. Foto: keystone

«The Great Dictator» aus dem Jahr 1940 persifliert faschistische Rhetorik. Cihan Inan erklärt, wie er den Filmklassiker für das Berner Theater bearbeitet.

Darf man über Hitler lachen? Der Regisseur Cihan Inan beantwortet die Frage im Hinblick auf seine Inszenierung von «Der grosse Diktator» am Berner Theater spontan mit Ja. «Das Stück ist in seiner Anlage lustig», sagt Inan. Er verweist auf Charlie Chaplin, der mit seinem Film «The Great Dictator» im Jahr 1940 «als Erster den Mut hatte, über Hitler zu lachen».

Berühmt ist etwa die Filmszene bei Chaplin, wo Adenoid Hynkel alias Adolf Hitler und Benzino Napoloni alias Benito Mussolini sich nebeneinander in ihren Friseurstühlen immer höher schrauben, um in ihrem Grössenwahn dem anderen die überlegene Position nicht zu überlassen. «Doch hoffentlich bleibt dem Zuschauer das Lachen im Hals stecken», fügt Inan an.

Er hat seine Inszenierung in zwei Teilen angelegt. Der erste Teil vor der Pause ist «witzig und leichter». Doch mit dem zweiten Teil ändere sich die Tonlage, wird härter und auch böser: «Der Diktator ist nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich.»

Cihan Inan hat die KZ-Szene gestrichen

Auch sein spontanes Ja, ob man über Hitler lachen dürfe, schränkt Inan ein: «Über den Holocaust natürlich nicht.» Chaplin hat im Nachhinein seinen Film ebenfalls relativiert. Dort wird die Gewalt an den Juden zwar thematisiert: Sturmtrupps schikanieren und schlagen Juden im Ghetto. Doch die Darstellung des Ghettos wirkt eigentümlich harmlos.

Und Chaplin geht noch weiter mit einer Szene, die im Konzentrationslager spielt: Der Friseur ist dort interniert; im Stechschritt marschiert er auf seine Pritsche zu, kickt seine Schuhe in die Ecke, um sich dann unter der Decke zu verkriechen und zu schlafen.

Jahre nach dem Holocaust sagte Chaplin: «Hätte ich von dem tatsächlichen Horror in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, hätte ich ‹The Great Dictator› nicht drehen können; ich hätte mich nicht lustig machen können über den mörderischen Irrsinn der Nazis.»

Machtwahn und faschistische Rhetorik entlarvt

Inan hat für seine Berner Inszenierung die KZ-Szene gestrichen. «Dem kann man auf der Bühne in keiner Weise gerecht werden.» Charlie Chaplin hat mit seiner Darstellung des Diktators Adenoid Hynkel, unschwer als Adolf Hitler zu erkennen, Filmgeschichte geschrieben.

1940 entlarvte Chaplin mit seiner Satire den Machtwahn und die Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten im Besonderen sowie die faschistische Rhetorik generell. Dem Diktator Hynkel hat Chaplin den jüdischen Friseur aus dem Ghetto entgegengestellt und damit die Begriffe «gross» und «klein» unterlaufen. Beide Rollen spielt Chaplin im Film selbst. Als Diktator bellt er in unverständlicher fiktionaler Sprache seinen ganzen Hass auf die Masse seiner Zuhörer nieder.

«Dieses Stück gerade heute»

Das letzte Wort hat indes der Friseur, der wegen äusserlicher Ähnlichkeit mit dem Diktator verwechselt wird und sich am Schluss des Films seinerseits mit einer Rede an das Volk richtet: «... Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft – eine Welt, in der Wissenschaft und Fortschritt zu unser aller Glück führen sollen. Im Namen der Demokratie, lasst uns zusammenstehen! ...» Das ist die pathetische Botschaft, und Regisseur Cihan Inan will den Appell an sein Publikum richten.

«Der Text dieser Schlussrede hat absolute Gültigkeit. Als Chaplin-Fan musste ich dieses Stück gerade in der heutigen Zeit machen.» Auch wenn er mit seiner Inszenierung nahe an Chaplins Vorlage bleibe, werde das Publikum mit Hynkel-Hitlers Hassrhetorik auch heutige Redner wie Donald Trump, Kim Jong Un, den deutschen AfD-Politiker Björn Höcke oder den einen oder anderen Schweizer assoziieren.

«Es geht darum, wie Populisten mit ihrer Sprache verführen und was wir dem entgegensetzen.»

Premiere: Samstag, 19. Oktober, Theater Bern

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