Ravenna Festival

Das Dolce Vita ist zurück! Mit Maske an der Eröffnung des ersten Sommerfestivals

Trotzt der Coronakrise: Das berühmte Musikfestival Ravenna in Italien.

Trotzt der Coronakrise: Das berühmte Musikfestival Ravenna in Italien.

Sehr haben wir sie vermisst, nun lebt die Kultur wieder auf, auch im gemarterten Italien. Nicht nur am Ravenna Festival wird endlich wieder musiziert. Wie fühlt sich das an? Ein Bericht.

Sorgen? Ängste? Da vorn liegt das Adriatische Meer – riesig, ruhig und sauber. Läge in der Luft nicht ein Hauch von verfaultem Meeresgetier, man würde am Montagnachmittag innerhalb weniger Stunden des Nichtstuns die Sorgen der Welt vergessen. Die Sonnenschirme reihen sich kilometerlang aneinander, bereit, der Welt Schutz zu bieten.

Doch die Idylle täuscht, das vom Coronavirus gemarterte Italien hat nach wie vor Wunder nötig. Eines ereignete sich in der Nacht zuvor, keine zehn Minuten vom Ort des Nichtstuns entfernt.

Als ein «Miracolo» jedenfalls bezeichnete Dirigent Riccardo Muti das, was da passierte. Ihm wurde die Ehre zuteil, das erste grosse Konzert nach der Zeit der Stille und des Sterbens zu dirigieren. So gross die Geste, so erhaben seine Worte:

Riccardo Muti Dirigent am italienischen Ravenna Festival.

Riccardo Muti Dirigent am italienischen Ravenna Festival.

Und weiter: «Es ist unsere Kultur, die Italien in der ganzen Welt berühmt gemacht hat und gegenüber der wir, eine neue Generation, eine grosse Verantwortung haben.»

Keiner hat die Bilder aus Bergamo vergessen, die Lastwagen voller Särge, die übervollen Spitäler.

Bilder aus dem Krisengebiet: In Bergamo wütete das Coronavirus monatelang.

Bilder aus dem Krisengebiet: In Bergamo wütete das Coronavirus monatelang.

Gerade deswegen will Italien noch in diesem Sommer sich selbst und der Welt zeigen, dass man weitergekommen ist, das Land dank der Kultur aufblühen will und wird.

Kein Wunder, kurvt gegen 19 Uhr ein von Polizeiautos begleiteter Konvoi über die Piazza Mameli: Die Senatspräsidentin, der Kulturminister und die Unesco-Generaldirektorin erweisen Ravenna die Ehre.

Nach dem Gang durch die Hölle leuchten den Menschen die Sterne

Obwohl es das Ravenna Festival schon 30 Jahre lang gibt, obwohl da mit dem Dirigenten Muti ein Aushängeschild der italienischen Kultur präsent ist (seine Frau ist Festivaldirektorin), ist man weniger berühmt als andere. Nun aber stand man plötzlich im Mittelpunkt, wurde zum Prometheus Italiens: Das Festival brachte nicht das Feuer zurück auf die Erde Italiens, aber die Musik, den Gesang.

Ein Fanal: Nun dürfen die Italiener wieder singen, wo sie wollen, endlich sind sie befreit von ihren Gefängnis-Bühnen, den Balkonen. Jetzt können die intellektuellen Schlagersänger sowie volksverbundenen Operntenöre wieder (fast) überall den blauen Himmel besingen.

Der Redaktor des Lokalblatts «Il resto del Carlino» zitierte das höchste an italienischer Poesie, Dantes «Göttliche Komödie», den letzten Vers aus dem Höllen-Kapitel: «E quindi uscimmo a riveder le stelle» – «Dann grüssten wir beim Austritt neu die Sterne». Wer am letzten Sonntag in Ravennas die Rocca Brancaleone betrat, eine venezianischen Festung, merkte: Das ist er, der Moment: Italiens Herz beginnt wieder zu schlagen.

Die Kirchen sind prächtig geschmückt

Dante begleitet den Ravenna-Fahrer auf Schritt und Tritt – in der Osteria hängt sein Bild über den Weinen, in den Strassen als Graffito, und poetisch wird in einer frischen «Schmiererei» gefragt: «Wo bist du jetzt, Dante?» Wäre ähnliches in Zürich möglich?

Dante begleitet den Ravenna-Fahrer auf Schritt und Tritt. Er ist allgegenwärtig.

Dante begleitet den Ravenna-Fahrer auf Schritt und Tritt. Er ist allgegenwärtig.

«Wo bist du jetzt, Dante?», fragt ein Graffitisprayer.

«Wo bist du jetzt, Dante?», fragt ein Graffitisprayer.

Acht Unesco-Weltkultur-Stätten zählt die kleine Stadt, die einst Residenz der weströmischen Kaiser war: Die Kirchen sind prächtig geschmückt mit Mosaiken. Der Gang in diese Stätten ist zurzeit traumhaft schön, da man bisweilen, den Mund vor Staunen offen, allein in den Kapellen, Kirchen und Mausoleen steht. 2018 besuchten 62 Millionen Touristen Italien, wo 51 Welterbestätten der Unesco stehen, so viele wie nirgends sonst. 120 Milliarden Euro Verlust drohen wegen der fehlenden Touristen.

Ravenna ist eine Stechmücken-Hochburg

Am Vorabend des grossen Tages haben wir in der Osteria ganz andere Probleme. Chirurgische Masken, waschbare Masken, Plastikhandschuhe, Desinfektionsmittel, gestaffelte Einlasszeiten, Mozart und die Wiederbelebung Italiens…Auf alles sind wir vorbereitet, aber keiner hat uns gesagt, dass Ravenna eine Stechmücken-Hochburg ist.

Nach 30 Minuten sind wir zerstochen: eine auf der Wange, zwei an der linken Hand, eine an der rechten und eine am Arm. Und das in einem Gebiet, wo die Tigermücke, das ist schnell ergoogelt, seit 2007 wieder zu Hause ist.

Kaum geflucht, da nun auch die andere Wange mit einem roten Stich verunstaltet ist, zeigt sich ein Sinnbild der nächsten Tage: Erhabener Ernst und Spass werden sich dauernd abwechseln. Der Kellner fragt, ob wir auf Durchreise seien. Und kaum erwähnt, dass wir das Festival besuchen, sagt er stolz wie ein italienischer Fussballnationalspieler: «Der Maestro wird heute von uns das Essen erhalten: Vitello tonnato, dann Tortelli di Pappa al Pomodoro con Fave e Pecorino, schliesslich Polpette di bollito al pomodoro.»

Welch Henkersmahlzeit für 26 Euro am Vorabend der grossen Tat! Statt der «Pappa» essen wir die lokalen Capelletti, die mit 24 Monate altem Parmesan gefüllt sind, und merken einmal mehr, wie reich Italien an Wundern ist.

In Italien wird man auch kulinarisch verwöhnt.

In Italien wird man auch kulinarisch verwöhnt.

Als Muti punkt 21.30 aufs Podium stampft, klingt der Begrüssungsapplaus verhalten, mit einem Paukenschlag wird er zum Verstummen gebracht, um die Nationalhymne einzuleiten.

Mit einem Paukenschlag zurück: Selbst wenn Italien am Boden liegt, singt es.

Mit einem Paukenschlag zurück: Selbst wenn Italien am Boden liegt, singt es.

Sie klingt melancholisch wie nie zuvor, nichts vom Schlachtruf ist zu hören, der Funke springt nicht aufs Publikum.

Die Hand aufs Herz

Wo sind die Hobby-Operndiven und Möchtegern-Pavarottis, die noch vor zwei Monaten «Fratelli D’Italia» in die Hinterhöfe schmetterten? Es waren Gesten, die zeigten: Selbst wenn Italien am Boden liegt, singt es. Wer nicht singen konnte, schlug auf Pfannendeckeln den Takt.

Ist es wegen der Aerosole verboten zu singen? War die Angst vor dem Vers «Lasst uns die Reihen schliessen, wir sind bereit zum Tod»? «Nein, nein», lacht die Pressefrau, «bei solcherart Gelegenheiten gedenken wir still, stehen auf und halten die Hand aufs Herz.» Apropos Reihen schliessen: Italien ist weit davon entfernt. 300 Leute dürfen zurzeit zusammenkommen, der Abstand bleibt gewahrt.

Kleiner Kreis: 300 Leute dürfen in Italien zurzeit zusammenkommen,

Kleiner Kreis: 300 Leute dürfen in Italien zurzeit zusammenkommen,

Noch nie waren die Italiener so pünktlich

Die Angst ist nach wie vor gross. Die Disziplin genauso. Jedem Besucher wird vor dem Eintritt in die Festung die Temperatur gemessen, danach muss die Privatmaske in eine chirurgische umgetauscht werden. Für das um 21.30 beginnende Konzert gibt es zwei Einlasszeiten: Die einen müssen zwischen 20.20 und 20.50 kommen, die anderen von 20.50 bis 21.20 Uhr. Um 21.20 ist alles mucksmäuschenstill.

Angst? Unbehagen? Nein, Ehrfurcht: Italien erhebt sich mit Eleganz. Kaum eines der grossen Festivals, die es in den nächsten Wochen und Monaten nicht wagen, keines, das nicht spielen wird. Im Unterschied zum Norden hat man zwei grosse Vorteile: Das Klima und die Architektur der Städte: Sie lassen es zu, unter freiem Himmel zu spielen. Nicht bloss in Verona, Martina Franca, Macerata und Torre del Lago, sondern auch in Ravenna oder Pesaro, wo es prächtige Plätze und alte Burgen gibt.

Italien ist ein Land der Logentheater

Verona allerdings hat einen internationalen Run auf die Stadt einmal höflich zurückgewiesen, in dem man ankündigte, die Karten den Veronesern und den Menschen aus der Region zu geben. Gegessen ist die Sache sowieso noch nicht, man braucht für die erwünschten 3000 Leute pro Abend eine Bewilligung. Sie werden auf den Rängen sitzen, unten im Parkett wird musiziert.

Und noch einen Vorteil gibt es: Italien ist ein Land der Logentheater. Sie haben zwar enge Gänge, aber mal drin, können vielerorts 300 Leute in Distanz voneinander platziert werden.

Im Unterschied zum ersten Konzert, das lang von nobler Zurückhaltung geprägt war, dürften die Veroneser Abende ausgelassener werden. Muti hatte nicht spektakulär, sondern von Herzen programmiert. Mit der «Träumerei» von Skrjabin wollte Muti betonen, dass der böse Traum nun vorbei sei. Es folgten unkommentierte Botschaften: «Exsultate, jubilate!» – «Erhebt euch! Jubelt!» wurde gesungen, um danach ein «Incarnatus est» («Er wurde gekreuzigt») anzustimmen.

Zweierlei Maestri, ein und dieselbe Botschaft

Es waren nicht die einzigen christlichen Zeichen. Inoffizieller Beginn des Festivals war nämlich schon um 12 Uhr in der Chiesa Santa Maria in Porto, wo während einer vom Bischof persönlich geleiteten Liturgiefeier wunderbar musiziert wurde.

In der Chiesa Santa Maria in Porto wird wunderbar musiziert.

In der Chiesa Santa Maria in Porto wird wunderbar musiziert.

Mit Maske darf das ganze musikalische Spektakel erlebt werden.

Mit Maske darf das ganze musikalische Spektakel erlebt werden.

Die Festivaldirektorin streckt uns die Hand entgegen, und vor dem Portal sagt sie, halb ironisch, halb ernst: «Die Madonna möge uns beschützen.» Zwei Sekunden später bittet die Platzanweiserin sie, ihre Maske hochzuziehen. Das vom Bischof zitierte «Non abbiate paura» – «Habt keine Angst» – hat sie verinnerlicht.

Vom Maestro erzählt der Geistliche. Der andere Maestro der Stadt, Riccardo Muti, zeigt im Schlussjubel auf die 62 Musiker und Musikerinnen seines Jugendorchesters Cherubini und sagt:

Seine Stimme bebt.

Als der Dirigent kurz darauf zu einer improvisierten Pressekonferenz in ein Zelt hinter der Bühne tritt, verweist er auf die Schätze des Landes – auf Raffael, Dante und die Mosaiken der Stadt – und klagt, es sei ein Jammer, dass Italien so reich an prächtigen Theatern sei, aber nicht einmal jede Region ein eigenes Orchester habe.

In der Stadt Wien gäbe es eine Vielzahl davon. Kurz vor dem Auftritt in Ravenna hatte Muti dort dirigiert – und als Einziger im Saal auf eine Maske verzichtet. Für den 78-Jährigen scheint der Alltag eingekehrt zu sein. Italien ist weit davon entfernt, aber bei 18 Neuansteckungen in der Emilia Romagna am Dienstag kann man immerhin gelassener sein als noch vor einem Monat.

«Ciao estate» wirbt dieser Tage eine Firma in den Strassen, «Hoi, Sommer». Sommer 2020.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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