Kunstmuseum Bern
Propagandakunst: Das gibt es nur in Nordkorea – und jetzt auch in Bern

Schlachtengemälde und Führerpathos: Ein Gespräch mit dem Luzerner Kunstsammler und Mäzen Uli Sigg über seine Nordkorea-Ausstellung «Grenzgänge» im Kunstmuseum Bern.

Interview: Daniele Muscionico
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Der Führer ist noch im Kugelhagel die Ruhe selbst: Ölgemälde von Pak Yong Chol – «The Missiles»

Der Führer ist noch im Kugelhagel die Ruhe selbst: Ölgemälde von Pak Yong Chol – «The Missiles»

Sigg Collection, Mauensee

Das Kunstmuseum Bern hat einen Coup gelandet. Der Kunstsammler und ehemalige Botschafter in Peking, Uli Sigg, zeigt aus seiner Sammlung Propagandakunst aus Nordkorea. Der Luzerner Mäzen, der Teile seiner Kunstwerke auch auf Schloss Mauensee untergebracht hat, gibt der Schweiz die rare Gelegenheit, ein Land kennen zu lernen, das als eines der unzugänglichsten der Welt gilt.

Herr Sigg, Sie zeigen in Bern Überwältigungskunst, nord- und südkoreanische Kunst nämlich. Kann ein Schweizer Publikum überhaupt verstehen, was hier vor sich geht?

Uli Sigg: Voraussetzung ist natürlich, dass man die Saaltexte liest, und dass man offen auf die Bilder zugeht. Der sozialistische Realismus von Nordkorea ist ja sehr wirkungsmächtig, man kann ihn mögen oder nicht. Über Nordkorea hat jeder von uns Wissensfetzen. Durch die Kunst versteht man besser, wieso das Land ist, wie es ist.

Diese Herangehensweise entspricht auch Ihrer Motivation, Kunst zu sammeln?

Genau, in China mache ich das sehr oft. Ich recherchiere gemeinsam mit einer Künstlerin oder einem Künstler ein Phänomen, zum Beispiel den «Social Credit Score». Es stellt einen Versuch der totalen Kontrolle der Bevölkerung durch die Vergabe von «Punkten» dar für, aus der Sicht der Partei, wünschenswertes Verhalten oder negatives Verhalten. Daraus soll eine künstlerische Arbeit entstehen. Durch das Involvieren in den kreativen Prozess kann ich mir Wissen aneignen.

Zur Person

Uli Sigg
Keystone

Uli Sigg

Der Luzerner Kunstsammler und Kunstdiplomat setzt sich für nordkoreanische Kunst ein und für ein besseres Verständnis des Landes und seiner Kultur.

Wie recherchieren Sie in Nordkorea? Anders als in China, muss man annehmen.

Ich habe ein Beziehungsnetz seit der Zeit, als ich als Botschafter in China war. Zudem vertrat ich auch die Schweiz diplomatisch in Nordkorea. Nordkoreanische Kunst zu sammeln begann ich aber erst später. Doch es ist bis heute so, Menschen aus Nord- und Südkorea können sich legal nicht ­begegnen.

Sie sind Co-Kurator der Eröffnungsausstellung im neuen Hongkonger Museum M+, eines der grössten der Welt. Diesem Haus, ein Bau von Herzog & de Meuron, haben Sie Ihre Sammlung chinesischer Kunst geschenkt. Die M+/ Sigg-Collection soll ab November zu sehen sein. Wie sind die Auswirkungen der Repression Pekings auf dieses Vorhaben?

Wir installieren 300 Arbeiten aus der Sammlung auf einer Fläche von 5000 bis 6000 Quadratmetern. Das ist die erste von drei Rotationen, in der Meinung, dass man nach drei Ausstellungen eine erste Idee meiner Sammlung bekommt.

Diese Sammlung hat die Bedeutung eines chinesischen Nationalmuseums, sagen Experten. Dass sie in Hongkong gezeigt wird, kann der kommunistischen Partei in China nicht schmecken.

Seit März und vor allem im Moment ist es tatsächlich ziemlich wild, weil sich zwei Politikerinnen in der Fragestunde der Regierungschefin mit Fragen an Carry Lam profiliert haben. Eine der beiden hat darauf hingewiesen, dass in meiner Sammlung Kunst gezeigt werden soll, die «Hass gegen das Mutterland», also gegen China auslöse. Sie zitierte die Fotoserie von Ai Wei-Wei, auf der er auf dem Tiananmen-Platz steht und dem Tor des Himmlischen Friedens den Finger zeigt. Und sie verwies auch auf ein Ölgemälde eines chinesischen Malers, das den fiktiven Mao Zedong zeigt, wie er die berühmte Skulptur «Fontaine» betrachtet, jenes Pissoir, das Marcel Duchamps zur Kunst erklärt hat.

Das Schüren von Hass gegen China wäre ein juristischer Straftatbestand, der Sie in Gefahr bringen kann?

Gemäss dem neuen nationalen Sicherheitsgesetz von Hongkong, das im Juni verabschiedet wurde, könnte man das so konstruieren. Doch die Gesetzeslage ist so vage, dass niemand ganz genau weiss, was es beinhaltet. In Bezug auf die Hongkonger Lage könnte man es so auslegen, dass diese Kunst die Loslösung von China stütze.

Die Eröffnung des Museums ist infrage gestellt?

Seine Existenz steht nicht auf dem Spiel. Aber es wird verhandelt, was das Museum darf und was es nicht darf. Dürfen wir die Werkliste, die schon vor dem neuen Security Law, dem Sicherheitsgesetz, feststand, noch so zeigen? Darf man Arbeiten von Ai Wei-Wei zeigen oder nicht? Es sind vier Bilder, auch das hat diese Politikerin unterschlagen. Ai Wei-Wei gibt ja auch dem Weissen Haus in Washington den Finger und der «Mona Lisa» im Louvre. Wei-Wei fordert nicht nur die chinesische Macht, sondern kulturelle globale Autoritäten grundsätzlich heraus.

Staatskunst hat eine lange Tradition

Kunst als Werbung für den Staat – unsere beliebtesten Museen sind voll davon.

Jung, gut genährt, energiestrotzend – und euphorisch: Im Kunstmuseum Bern ist an solchen idealisierten Menschendarstellungen kein Vorbeikommen. Sie verherrlichen auf den überwältigenden, riesengrossen Gemälden der  nordkoreanischen Staatskünstler alle dasselbe: den Führer und ihr Land.
Denn die Kunst in Nordkorea ist Werbung für eine Ideologie. Sie ist Auftragskunst in bester sozialistisch-realistischer Malertradition und entsteht nicht selten im Kollektiv.  - Doch darf man solche Propaganda, wie sie der Kunstsammler Uli Sigg in seiner einzigartigen Sammlung vereint, überhaupt zeigen – ohne den totalitären Führerstaat damit zu legitimieren?
Die Ausstellung «Grenzgänge» in Bern führt entlang der 250 Kilometer langen Grenze, die Korea seit 1953 teilt. Die Kuratorin Kathleen Bühler hat mit ihrem Mut, sich angreifbar zu machen, selbst einen Grenzgang gewagt. Und genau wie die Ausstellung glückt, gelingt auch die kuratorische Einordnung der Kunst für ein nichtkoreanisches ­Publikum. Und es ist ja schliesslich so: Der Pathos der Nordkorea-Werke liegt nur einen Wimpernschlag entfernt von jenem der traditionellen europäischen Heldenporträts und Siegerdenkmäler. Es ist noch nicht so lange her, dass Auftragskunst in Europa die Regel war. Und es entstand dabei ja auch Bril­lantes. (MD)

Inwiefern gründet die Kritik auf dem Unwissen der Menschen, was Kunst sei? Inwiefern steckt dahinter politisches Kalkül?

Die beiden Politikerinnen haben natürlich eine klare Intention und profilieren sich mit ihren Vorstössen gegenüber Peking. Die eine sagte selbst: «Ich verstehe nichts von Kunst, und Kunst muss doch schön sein.» In der chinesischen Tradition ist Kunst tatsächlich dazu da, um den Betrachter, die Betrachterin zur Schönheit und zur Harmonie zu führen. Ich habe einen Hintergrundtext für die Hongkonger Medien geschrieben, um zu erklären, was Kunst überhaupt sei. Im traditionellen Verständnis gelte: «Kunst ist dein guter Freund». Zeitgenössische Kunst aber, schrieb ich, entspreche einem völlig anderen Kunstverständnis. «Hier ist Kunst nicht dein guter Freund. Sie zeigt die Realität nicht, wie sie sein soll, sondern, wie sie ist».

Was hat die Ausstellung «Grenzgänge» mit uns zu tun? Nordkorea ist weit weg. Die Angst vor Diktatur Corona liegt uns näher.

Man muss sich bewusst sein: Nordkorea ist nur ein kleiner Puffer zwischen den Weltmächten Amerika, China und Russland, die sich dort gegenüberstehen. Sollte es zu einer nordkoreanischen Implosion kommen, würden die Amerikaner aus Sicht der Chinesen an der chinesischen Grenze stehen. Das kann man sich alles gar nicht vorstellen. Die weltpolitische Lage ist in dieser Region sehr brisant, und das Land ist für uns sehr intransparent. Die Ausstellung gibt Aufschlüsse in Bezug auf die Denkungsart Nordkoreas.

Was findet der, der nicht der Politik wegen ins Museum geht?

Diese emotionale Variante des sozialistischen Realismus, die in Bern gezeigt wird, gibt es nur in Nordkorea. Die Bilder mit dem Führer und der Mix von nordkoreanischer Kunst, von junger zeitgenössischer südkoreanischer und von chinesischer Kunst kann man nirgendwo mehr sehen. Es gibt sie nur in Nordkorea – und jetzt in Bern.

Den Museumsverantwortlichen muss man also ein Kränzlein winden!

Das Museum hat sich diese Ausstellung ausdrücklich gewünscht. Ich meine, viele andere Häuser hätten Bedenken, weil man sich politisch doch weit aus dem Fenster lehnt. Ich musste zum Beispiel plötzlich vor dem südkoreanischen Aussenministerium Rechenschaft ablegen, ob ich die UNO-Sanktionen verletzt hätte: Die Unterstützung der Ausstellung durch den «Corean Art Found» führte zu einem Riesenklamauk in den südkoreanischen Medien und im Parlament. Es ist brisant, was das Kunstmuseum macht. Aber sie haben eben Mut.

Die Ausstellung «Grenzgänge, nord-und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg» ist im Kunstmuseum Bern vom 30.4. bis zum 5.9. zum sehen. Der reich illustrierte Katalog umfasst zahlreiche Beiträgen aus Nordkorea. Parallel dazu zeigt das Alpine Museum in Bern eine filmische Annäherung an Nordkorea, ««Let's talk about Mountains», bis 3. Juli 2022.