«Wir waren einmal Stars», sagt die junge Frau und blickt lange in die Reihe von sitzenden Zuschauern. Sie seufzt. «Aber die Nasa war anderer Meinung.» Ein leises Lachen ist zu hören, es klingt ertappt. Ansonsten ist es im Oberlichtsaal der Kunsthalle ganz leise, etwa zwanzig Besucher sitzen entlang der Wände, einige sind schon seit Stunden hier. Unter ihnen Ariane Koch und Sarina Scheidegger. Die beiden Künstlerinnen lächeln müde.

Seit vier Stunden läuft ihre Performance und hält immer noch durch. Sechs Figuren mit grauen Pullovern, auf denen selbstbewusste Dinge stehen wie: «Ich bin parat» oder «Personne ne me dépasse». Sie stehen herum, in Gruppen oder alleine und reden. Mit sich, miteinander, mit uns. Ein ständiges Wortewälzen, ein Kraftakt, man merkt ihn den Performern an. Sie klammern sich an ihre Aussagen, wollen Nähe erzeugen, aber bleiben isoliert. In sich versunken, auf anwesende Weise unerreichbar. Es ist kaum in Worte zu fassen, was da passiert, aber nach zwei Stunden kommt man aus dem Saal raus und ist berührungslos berührt.

Lieber Ziegen in Pijamas

Performance ist keine einfache Kunstform. Man muss sich einlassen, bereit sein, Teil eines Kunstwerkes zu werden. Sich vor ein Bild stellen und rumsinnieren ist da viel einfacher. Aber trifft es ins Herz? Macht es Angst? Verdutzt es? Führt es zu heftigen, menschlichen Regungen?

Ariane Koch und Sarina Scheidegger

Die übersaturierte Bildwelt, die uns jeden Tag im Internet begegnet, sorgt dafür, dass uns Originale nicht mehr umhauen. Wenn ich jeden Morgen ein kunstvolles Brunch-Arrangement auf Instagram sehe, beeindruckt mich das Stillleben im Museum nicht mehr so wirklich. Statt Baselitz klicke ich mich durch #anger auf Twitter, statt Chagall schau ich mir diese herzigen Youtube-Videos mit Ziegen in Pijamas an. Löst in mir dasselbe aus. Traurig oder?

Hier greift die Performancekunst ein. Sie zwingt zum Hinsehen, zur Partizipation. Lebender Körper trifft auf lebenden Körper. Eine einfache Gleichung mit schwerer Bedingung: Wir müssen uns stellen. Den Pakt eingehen.

Da erstaunt es nicht, dass Performancekunst besonders bei jungen Künstlern wieder hoch im Kurs ist. Unmittelbarkeit ist eine reizvolle Reaktion auf das ständige Bildschirmstarren, eine Antihaltung, auch gegenüber dem Kunstmarkt. «Kunst ist die letzte Bastion», sagt Kunsthalle-Direktorin Elena Filipovic. «Alles ist immer verfügbar, und alles steht zum Verkauf. Jedes erdenkliche Gut wird kommerzialisiert, auch die Kunst. In diesem Szenario bietet Performance den Künstlern einen Zufluchtsort, eine Möglichkeit, sich dem Kunstmarkt zu entziehen.»

Doch nicht altersmilde

Filipovic hat zusammen mit dem Museum Tinguely und der Kaserne Basel im September letzten Jahres «PerformanceProcess» gestartet, ein fünfmonatiges Projekt, das die Vielfalt der Schweizer Performanceszene aufzeigen sollte. Das Projekt begann im Museum Tinguely und strebte da eine Chronik an, die sie in einer – so mokierten Basler Stimmen – etwas zu Zürich-lastigen Ausstellung ausbreitete. Flankiert wurde sie bis Januar von Performances der bekannten Schweizer Ur-Generation: Massimo Furlan, John M Armleder, Roman Signer. Die Kaserne zog zeitgleich mit, allerdings nur wenige Tage und mit wenig ersichtlichem Abhebungspotenzial vom Rest ihres Programms. Das Resultat dieser ersten paar Monate: ein hochkarätiges, aber vorhersehbares Angebot ohne grosse Aufregungen.

"Blue Tired Heroes" von Massimo Furlan in Basel

Gerade als man zu fürchten begann, die Schweizer Performancekunst sei jetzt vielleicht doch langsam altersmilde geworden, kam die Kunsthalle. Wo Tinguely und Kaserne das kuschlige Nest waren, entschieden sich Filipovic und ihre Co-Kuratorin Renate Wagner fürs Feuerwerk: 24 junge Schweizer Künstler und Kollektive, die in einer «Live-Ausstellung» einen Monat lang durch die Kunsthalle wüten. Bedeutete: Wer während der Öffnungszeiten in die Kunsthalle kam, sah immer mindestens eine Live-Performance. Keine Dokumentationen, keine Videoaufnahmen, keine Spuren, Filipovic und Wagner setzten voll auf das Live-Erlebnis. Aus dem Eintrittsticket machten sie einen Pass, damit man sich alles jederzeit anschauen konnte. 

Kein Künstler geht zu weit

Genau die richtige Entscheidung, wie sich herausstellte. Plötzlich konnte man in die Kunsthalle wie zu einem alten Freund. Man traf auf Performances, die ständig liefen, wie Florence Jungs Vertrag, den man vor Eintritt in den Oberlichtsaal ausfüllen musste und sich per Handschrift dazu verpflichtete, Teil ihrer Performance zu werden. Oder der junge Mann mit dem Laptop auf der Treppe, bei dem man beim dritten Besuch langsam skeptisch wurde: Der ist ja schon wieder hier. Eine «lebendige Skulptur» des Genfers Jérôme Leuba.

Hinzu kamen einmalige Performances wie die des Bieler Künstlers Raphael Hefti. Sechs Strassenarbeiter gossen unter Anleitung des Künstlers Farbe in ein Strassenmarkierungsgerät, das sie den Boden entlang zogen. Das Resultat war ein mit bunten Schlieren überzogener Museumsboden, der kurz nach der Performance aufgerollt und entsorgt wurde. Auch Claudia Comte holte sich Handwerker ins Haus: Vier Männer in orangefarbenen T-Shirts bearbeiteten während Stunden Baumstämme mit Kreissägen. Dazu Pathos-Musik und Schlachthof-Licht, keine Wonne das Ganze, aber seltsam zufriedenstellend. Die Art von Gefühl, die sich einstellt, wenn man Handwerkern bei der Arbeit zuschaut. Hier weiss jemand, was er tut, und was er tut, ist was Sinnvolles.

Alles bleibt im selben Biotop

War es natürlich nicht. Am Ende ragten zwei Totem-artige Baumskulpturen in den Saal. Der Sinn der Kunst ist der Unsinn, die Schönheit der Funktionslosigkeit. Dieser Ansatz kann aber auch schiefgehen. Nils Amadeus Lange zum Beispiel reihte in seiner Performance einen irren Instagram-Moment an den anderen, wirklich Substanz konnte man seinen tänzelnden Minion-Figuren aber nicht abgewinnen.

Das ist die Schwierigkeit bei «PerformanceProcess»: Es ist eine institutionelle Show jener Kunstform, die sich gegen das Institutionelle auflehnt. Da braucht es seitens der Kunsthalle die Bezeichnung «Experiment», die grösstmögliche Offenheit. Und seitens der Zuschauer die Gewissheit, dass man nur zu sehen kriegen wird, was in den Grenzen des Kompromisses möglich ist. Keiner der Künstler geht zu weit, die Anstösse bleiben im selben Biotop, aus dem sie kommen. Das gilt für jeden der performenden Künstler, den man an diesem Marathon gesehen hat, und am Ende ist man so glücklich Performance-trunken, dass man es sich zurechtlegt: Vielleicht ist die Zeit des unmöglichen Verhaltens vorbei, vielleicht bedeutet künstlerische Auflehnung heute ja tatsächlich eher gelassene Unterwanderung als lautes Protestgeschrei. Vielleicht braucht es das alles auch gar nicht mehr und Institutionen und Künstler können mit offenen Armen aufeinander zugehen und zusammen ein Feuerwerk zünden. Ohne dass dabei jemand verletzt wird. Ganz nach Koch und Scheidegger: Wir waren einmal Stars. Aber die Nasa war anderer Meinung.

PerformanceProcess dauert noch bis zum Morgestraich am Montag 19. Februar.

Weitere Infos unter www.performanceprocessbasel.ch