Rock

David Bowies dunkle Fantasie für Jazzband und Saxofon

David Bowie (69) überrascht im Herbst seiner Karriere mit fantastisch-düsteren Klängen. Im neusten Videoclip beschwört er die Auferstehung eines mysteriösen Blackstars. Ho

David Bowie (69) überrascht im Herbst seiner Karriere mit fantastisch-düsteren Klängen. Im neusten Videoclip beschwört er die Auferstehung eines mysteriösen Blackstars. Ho

David Bowie bietet zu seinem 69. Geburtstag auf «Blackstar» schwere Kost: Geheimnisvoll, verstörend und grossartig. Bowie schert sich heute mehr denn je um die Konventionen der Musikindustrie.

Im Laufe seiner langen, mehr als 50-jährigen Karriere hat David Bowie seinen Fans schon manches zugemutet. Immer wieder hat er alle überrascht und sich neu erfunden. Im Herbst seiner Karriere gelingt dem Verwandlungskünstler dies aufs Neue.

Das Album Blacklist, das am 8. Januar – an Bowies 69. Geburtstag – erscheint, ist musikalisch sein Dunkelstes, Düsterstes, Geheimnisvollstes und Verstörendstes – und eines seiner Besten.

Gemessen an den formatgetriebenen Anforderungen der Musikindustrie ist «Blackstar» eine Zumutung, eine Provokation. Auf fast zehn Minuten winselt sich Bowie auf dem Titelsong durch die imaginäre Auferstehung eines mysteriösen Blackstars.

Unregelmässige Beats stolpern und rumpeln – gesteuert wie von einem Zufallsgenerator – und lassen im Video Körper zitternd erschaudern. Ein Saxofon quietscht und spielt mit Obertönen. Dann fällt der Song in sich zusammen: «On the day of execution».

Ein Hoffnungsschimmer kommt auf, aber es ist nur die scheinbare Erlösung. Ein Trugschluss. Das Dunkle setzt sich durch und die Welt versinkt abermals im Chaos. Ein Albtraum, eine Horrorvision, eine musikalisch und dramaturgisch meisterhaft umgesetzte Zumutung.

Prägendes Sax von Donny McCaslin

Doch es geht noch schlimmer. «Tis A Pity She Was A Whore» ist ein Song, der vor einem Jahr, aus Anlass des 50-Jahr- Bühnenjubiläums von Bowie, erstmals aufgenommen wurde, und der die «schockierende Brutalität des 1. Weltkriegs» reflektiert.

Knüppelharte, treibende Schlagzeugsalven stehen für das Dauer-Bombardement. Die nervig-schrillen Keyboard-Sounds des Originals werden hier durch das Saxofon von Donny McCaslin ersetzt. Der Amerikaner setzt sein Horn mehr klanglich als melodisch ein und lässt es schreien. Die Verzweiflung wird hörbar und wird stärker und steigert sich ins Unerträgliche. Chaotisch, subversiv, grossartig.

Bowie hatte immer schon eine Schwäche für Saxofone. Auf dem 1975er-Album «Young Americans» war zum Beispiel David Sanborn mit von der Partie. Bowie selbst hat sich immer wieder am Instrument versucht. Zuletzt vor allem am mächtigen Baritonsax – mit mässigem Erfolg.

Jetzt hat er seinen Mann am Horn gefunden: Donny McCaslin ist neben Bowie der eigentliche Star des Albums. Auf sechs der sieben Stücke spielt der Saxofonist und Flötist eine prägende Rolle, als Solist und Klangfärber. In der Schweiz ist er kein Unbekannter.

David Bowie - Blackstar

David Bowie - Blackstar

Schon vor Jahren spielte er in der hochkarätigen George Gruntz Concert Jazz Band und in diesem Jahr war er zu Gast bei den Jazzaar Concerts in Aarau. Bekannt ist er heute aber vor allem als Mitglied des Maria Schneider Orchestras, dem seit einigen Jahren mit Abstand besten Grossorchester des Jazz. Als solcher ist er jetzt auch für sein Solo auf Schneiders «Arbiters of Evolution» für die Grammys nominiert worden.

Maria Schneider ist denn auch die Verbindung zu Bowie. Schon im letzten Jahr haben die beiden zusammengearbeitet und das Stück «Sue (or in a Season of Crime)» für die 50-Jahr-Compilation «Nothing Has Changed» komponiert und arrangiert. Es ist jenes Arrangement, das in diesen Tagen ebenfalls für die Grammy Awards nominiert wurde. Es war denn auch die zierliche Orchesterleiterin, die dem englischen Star ihren Lieblingssaxofonisten empfohlen hat.

Avantgarde-Rock mit Jazzband

McCaslin erinnert sich: «Bowie kaufte sich mein Album ‹Casting for Gravity› und kam ans Konzert meiner Band in der ‹55 Bar› in New York City. Danach sprach er mich an und fragte, ob ich bei ‹Blackstar› mitmachen wolle.» Aber nicht nur das. Bowie war so begeistert, dass er gleich die ganze Band mit dem Gitarristen Ben Monder, dem Pianisten Jason Lindner, dem Drummer Mark Guiliana und dem Bassisten Tim Lefebvre für sein neues Projekt anheuerte.

Nein, keine Angst, «Blackstar» ist kein Jazz-Album. Bowie bleibt Bowie. Aber die Entwicklung des Projekts kam den Jazzmusikern entgegen. Denn Bowie hatte keine konkrete Vorstellung, was sich aus der Zusammenarbeit ergeben sollte. «Er machte konzeptuelle Vorschläge, gab mir aber keine spezifischen Instruktionen», sagt McCaslin. «Er sagte bloss: ‹Let’s have fun and see, what happens›. Er wollte wirklich, dass wir einfach unser Ding machen.» «Blackstar» ist also Ergebnis der kreativen Eingebung jedes einzelnen Musikers.

Auch der Grammy-Favorit «Sue» wurde in dieser Besetzung neu aufgenommen. Dabei sind die beiden Versionen unterschiedlich. Geblieben sind die nervösen Drum-’n’-Bass-Rhythmen, die aber hier härter und rockiger klingen. Ohne die komplexen Bläserschichten ist der Gesang im Vordergrund. McCaslin und die Band kreieren dazu ein wirres Stimmengeflecht, das sich zu einer Geräuschwand verdichtet. Gegen Ende des Stücks finden Gesang und Musiker zueinander und modulieren gleichzeitig. Es sei «in der Hitze des Gefechts, im Überschwang des Augenblicks» passiert, betont McCaslin, «meine Lieblingsstelle auf dem Album».

Bereits heute erscheint auch die etwas versöhnlichere, gut sechsminütige zweite Single «Lazarus», der Titelsong zum gleichnamigen Theaterstück von Bowie, das am 7. Dezember am Broadway Premiere feierte. «Lazarus» ist inspiriert von Walter Trevis’ Novelle «The Man Who Fell to Earth» und nimmt Bezug zum Science-Fiction-Kultfilm von 1976, in dem Bowie selbst den Ausserirdischen spielte. Auf «Blackstar» übernimmt McCaslin auf dem Sax die Backing Vocals der Theaterversion und steigert in lang gezogenen Melodiebögen in den emotionalen Höhepunkt.

Das Album des Jahres 2016?

«Blackstar» ist schwere und schwer verdauliche Kost. Es bietet alles andere als Hitparaden-Futter oder Radio-Sauce. Ähnlich anderen alternden Popstars wie Robert Plant, Sting, Elton John schert sich Bowie heute mehr denn je um die Konventionen der Musikindustrie und macht nur das, was er will und gut findet. Das spült zwar keine Millionen in die Kassen, ermöglicht im besten Fall aber popmusikalische Glanzlichter, wie sie leider immer seltener werden. Aber «Blackstar» ist ein Versprechen für das kommende Jahr. Vielleicht ist «Blackstar» das Album des Jahres 2016, bevor es begonnen hat.

David Bowie Blackstar, Sony. Erscheint am 8.1.2016. Alle erwähnten Titel sind veröffentlicht oder findet man online.

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