Debatte um Instrumente
Was ist besser: Eine 300 Jahre alte Stradivari oder eine moderne Violine?

Drei Geigenkünstler, die sowohl neue wie alte Geigen gespielt haben, erklären, was sie lieben.

Christian Berzins
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Christian Tetzlaff (1966)

«Peter steht in der Reihe der grossen Geigenbauer des 18. Jahrhunderts.»

«Peter steht in der Reihe der grossen Geigenbauer des 18. Jahrhunderts.»

Bild: Giorgia Bertazzi

«Die erste Greiner-Geige, die ich spielte, war eine Kopie einer mir zur Verfügung gestellten Stradivari. Deren Besitzer, anstatt sich über unsere Tat zu ärgern, bestellte bei Peter sogleich vier Instrumente, ein ganzes Streichquartett. Das war aussergewöhnlich, bis heute sehen nämlich die meisten Musiker und ihr Umfeld moderne Instrumente als Notlösung. Wie in so vielen Dingen werden objektive Informationen negiert: So auch die vielen Blindtests, die zeigen, dass Zuhörer (und Spieler!) eine vollkommen bunt gemischte Bewertung über alte und neue Meistergeigen abgeben.

In Kritiken wurde oft vom unvergleichlichen Klang irgendeiner Guarneri del Gesu geschrieben. Das wäre nie passiert, wenn im Programm gestanden wäre, dass eine Greiner gespielt worden ist.

Wie klingen die Geigen von Peter Greiner? Antje Weithaas spielt eine herrlich liebliche Geige, Elisabeth Kufferath eine lustvoll farbige dunkle. Und meine eigene Greiner klingt sehr maskulin, aber mit den verletzlichen Anteilen, die selbst Männer haben können. Seinen grossen Geigen ist gemein, dass das Potenzial dieses Holzes optimal ausgenutzt wurde: voller Intention und meisterlichem Handwerk. Damit steht Peter in der Reihe der grossen Geigenbauer des 18. Jahrhunderts.»

Alma Deutscher (2005)

«Zu sehen, wie Peter das tun kann, ist so, als wäre ich im Atelier eines Zauberers.»

«Zu sehen, wie Peter das tun kann, ist so, als wäre ich im Atelier eines Zauberers.»

Bild: Michael Gruber/Life Ball 2017 / Getty Images Europe

«Ich habe das unglaubliche Privileg, sowohl auf einer Geige von Peter Greiner (von 2015) als auch auf einer Stradivari (von 1683) zu spielen.

Gleichzeitig mit Peter Greiner zu arbeiten, kommt heute wahrscheinlich der Erfahrung des Besuchs der Werkstatt von Stradivari vor dreieinhalb Jahrhunderten am nächsten. Es ist eine verblüffende Erfahrung, mit ihm daran zu arbeiten, die beiden Violinen aufein­ander abzustimmen. Unser Ziel ist es, dass die Stradivari alle klanglichen Vorteile des Greiner hat: offen, klangvoll, tief und projizierend über das gesamte Spektrum.

Und wir stellen die Greiner so ein, dass sie sich dem altweinsüssen Klang der Stradivari annähert. Zu sehen, wie Peter das tun kann, ist so, als wäre ich im Atelier eines Zauberers. Er weiss, wie das kleinste Detail in jedem Teil der Geige den Klang verändern kann, manchmal auch dramatisch. Und es ist wahrscheinlich dieses profunde Wissen, das es ihm ermöglicht, so unglaubliche Geigen zu bauen.»

Sebastian Bohren (1987)

«Ich bin religiös: Stradivari-gläubig».

«Ich bin religiös: Stradivari-gläubig».

Bild: Marco Borggreve

«Ich habe viele neue Instrumente ausprobiert – von von Baehr, Zygmuntowicz und Greiner. Sie waren fantastisch, im Konzert würde ich wohl als Hörer keinen Unterschied erkennen. Aber ich glaube trotzdem, dass heute kein Geigenbauer so gute Geigen wie Stradivari baut: Seine besten sind in einer einsamen Liga.

Der Unterschied ist suggestiv: Die alte Geige inspiriert, ist mir ein Lehrmeister. Die neue ist ein Motorboot, mit dem man geradeaus auf den See hinausfährt. Die primären klanglichen Organe sind bei einer modernen gut ausgebildet: abgerundet, laut, sie trägt. Aber die feinen Schattierungen und Klangfarben erscheinen auf einer Stradivari in einem ganz anderen Bereich, sie geben einem Topgeiger die letzte Farbpalette. Diese Geigen sind perfekt eingeschwungen.

Alte oder neue Geige? Es ist wie ein Hügel, den man neben dem Matterhorn aufgeschüttet hat, und nun sagt: «Der Hügel ist toller.» Ich bin religiös: Stradivari- und Guadagnini-gläubig.

Ich will in Zukunft nicht mehr der Willkür von Mäzenen oder von Stiftungen ausgesetzt sein, die mir eine Geige bloss für eine gewisse Zeit zur Verfügung stellen. Somit bin ich nun daran, mir eine Geige – eine Guadagnini von 1761 – selbst zu finanzieren»

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