Debütalbum
«Power Ballads» von Sam Himself: Ein Egotrip ins Glück

Der Basler Popmusiker Sam Himself ist mit seinem Debütalbum, das er grösstenteils in Eigenregie eingespielt hat, auf der Überholspur. Auch was Rollen- und Genremuster angeht.

Stefan Strittmatter
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Sam Himself heisst eigentlich Samuel Koechlin. Über sein Alter schweigt er sich aus.

Sam Himself heisst eigentlich Samuel Koechlin. Über sein Alter schweigt er sich aus.

zvg/ Stefan Tschumi

Die Musik pirscht sich an. Streicher im höchsten Register, ein gemächlicher Fade-in auf dem Drumcomputer und den stoischen Achtelnoten von Gitarre und Bass. Es vergeht fast eine ­Minute, bis sich «Brando» aus dem Nebel geschält hat. Aussergewöhnlich, besonders in einem Genre, in dem jeder Song mit einem Knall beginnen müsste.

Doch dann diese Stimme: frisch und zugleich vertraut, ­lethargisch und doch voller Energie, ein Aufbruch ohne Eile. Mit den Worten «burned my passport, gave my guitar away» verkündet sie den Neuanfang, und schon nach wenigen Zeilen erhärtet sich ein Verdacht: Das Debütalbum von Sam Himself ist ein grosser Wurf.

«Cooler Hund» aber auch «kaputte Sau»

Der im Opener besungene Schauspieler sei durchaus ein Vorbild, sagt Samuel Koechlin alias Sam Himself im Gespräch. Doch verstehe er sich gleichermassen als Gegenentwurf zu dessen Image: «Ich liebe Marlon Brando, aber der coole Hund war auch eine kaputte Sau», bringt es der Basler Musiker auf den Punkt. Es gäbe, so sagt er weiter, gewisse Männerbilder, die dringend überholt werden müssten – «und daran will ich mich aktiv beteiligen».

Diesen hinterfragenden Ansatz zieht Sam Himself im Titel seines heute erscheinenden ersten Longplayers weiter: «Power Ballads» heisst die Sammlung von zehn ausnahmslos starken Stücken, die mit den als Powerballaden bekannten Schmachthymnen der späten Eighties ­wenig gemein haben.

Sam Himself.

Sam Himself.

Stefan Tschumi

Auch hier steckt Kalkül hinter dem Widerspruch: «Wer wie ich im Jahr 2021 Rockmusik macht, muss sich der Altlasten des Genres bewusst sein», sagt der Musiker, der sein wahres Alter (angeblich 25) geheim halten will. Und er führt aus, welche Attribute er von Bord werfen will: «All den Pomp, Pathos und Exzess, deretwegen Rock’n’roll völlig zurecht immer wieder für tot erklärt wird.»

Entsprechend hat Sam Himself für sein Album-Debüt die Arrangements weiter entschlackt. Schon auf den bisher veröffentlichten drei EPs bewies er einen Hang zur luftigen Kargheit bei gemächlichem Tempo, auf «Power Ballads» betreibt Sam Himself diese Reduktion jedoch noch konsequenter.

Wer den kritischen Blick auf das eigene Genre scheue, sagt Sam mit einnehmender Bestimmtheit, dem drohe nicht ­weniger als die ­«totale Irrelevanz». Für sein Schaffen zieht er daraus eine deutliche Erkenntnis: «Wenn ich mich nicht kritisch mit diesen Klischees aus­einandersetze, mache ich Musik für niemanden.»

Im ersten Lockdown in der alten Heimat gestrandet

Dies ist beileibe nicht der Fall: Innerhalb von nur eineinhalb Jahren hat sich Sam Himself vom Nobody zum womöglich an­gesagtesten Popmusiker der Region gemausert. Dabei war das nur eine ungeplante Folge der Pandemie. Im ersten Lockdown strandete der gebürtige Basler bei einem Besuch in der alten Heimat, nachdem er seit Jahren in New York gelebt und gearbeitet hatte. «Ich hatte ja zu der Zeit mein ganzes Leben dort», sagt er im Rückblick auf diese chaotische Zeit.

Also nutze Sam die verordnete Auszeit zum Songwriting. Er habe alte Fragmente weiterentwickelt und neue Ideen verfolgt. Gleichzeitig formierte der Sänger eine Begleitband um sich und bekam zunehmend Konzertanfragen. Es folgte Radio-Airplay und ­nationale Bekanntheit. Ob ihn überrascht habe, wie steil es aufwärts ging? Nein, sagt Sam: «Absolut schockiert!»

Irgendwann waren die Demo-­Aufnahmen so weit abgeschlossen und die Grenzen so weit wieder geöffnet, dass sich Sam Himself zurück nach New York begab, um das Album dort mit seinem langjährigen Produzent Daniel Schlett richtig einzuspielen. Doch schnell wurde den beiden klar, dass viele der im Alleingang eingespielten Spuren nicht ersetzt werden mussten: «If it ain’t broke, why fix it?», fragt er rhetorisch.

Einzig die Gesänge habe er neu aufgenommen, wobei hier der Grossteil des Aufwands in den Texten stecke: «Das, was du singst, muss im Kern wahr sein», sagt Sam Himself. «Dann musst du dich nur noch vors Mikrofon stellen, ohne dem Lied in die Quere zu kommen.»

Welch Glück, dass zumindest in der anfangs genannten Textzeile «burned my passport, gave my guitar away» nicht nur die reine Wahrheit steckt!

Sam Himself: «Power Ballads»
Live: 12. Nov, Parterre One, Basel.
www.samhimself.com

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