Interview

Der ehemalige NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer hat sich mit seinem Corona-Roman nicht nur Freunde gemacht

Martin Meyer beim Interview im Newsroom von CH Media:  «Wo schon vorher Krisen herrschten, kann dieses Virus schnell zu weiteren Eskalationen führen.»

Martin Meyer beim Interview im Newsroom von CH Media: «Wo schon vorher Krisen herrschten, kann dieses Virus schnell zu weiteren Eskalationen führen.»

Der ehemalige NZZ-Feuilletonchef und Autor Martin Meyer machte aus Corona Literatur – und sich damit nicht nur Freunde. Ein Gespräch über existenzielle Fragen dieser Seuche, die eigentümliche Stille der Intellektuellen und Männer, die im Alter zu Pessimisten werden.

Als das Coronavirus die Schweiz Mitte März mit voller Kraft erfasste, traten überall Virologen und Epidemiologen auf. Wissenschafter waren gefragt wie nie, doch die Intellektuellen blieben stumm. Nur einer nicht: Martin Meyer, der langjährige NZZ-Feuilletonjournalist, schrieb gleich ein ganzes Buch. Innerhalb von zehn Tagen entstand «Corona», die Geschichte eines Buchhändlers namens Matteo, der in Quarantäne ist und sich mit dem Lesen von Seuchen-Büchern über Wasser hält.

Ihre Erzählung spielt in der Phase des Lockdowns. Diese ist vorbei, das Virus aber immer noch da. Böte auch die Zeit der «neuen Normalität» Stoff für einen Roman?

Martin Meyer: Sicher, alles bietet Stoff für Erzählungen, für Romane, für Literatur, man muss es nur packen und gestalten. Die dramatischste Phase scheint vorbei zu sein, aber was kommt als Nächstes? Diese Seuche entfaltet durch den Charakter der Überraschung und die vielen, auch globalen, Aspekte, die wir noch immer nicht wirklich kennen, eine enorme Wucht.

In Ihrer Erzählung steht der Satz: «Es war ein Wunder, dass sich die Menschen unter den Bedingungen der Seuche noch nicht an den Kragen gingen.» Gilt das noch?

Das kommt sehr auf das jeweilige Land an. In der Schweiz oder auch in Deutschland ist es wesentlich weniger dramatisch als anderswo, aber schauen Sie in die USA mit ihrem mangelhaften Gesundheitssystem. Da brechen soziale Spannungen auf. Wo schon vorher Krisen herrschten, kann dieses Virus schnell zu weiteren Eskalationen führen. Und die Demonstrationen gegen die Coronapolitik in Berlin und Zürich zeigen ebenfalls, dass selbst bei uns manchen Menschen die Geduld ausgeht.

In Berlin kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen.

Es besteht ein gesellschaftliches Sprengpotenzial. Darum ist so wichtig, was wir – jeder einzelne, aber natürlich auch die Behörden – in den nächsten Monaten tun, bis dann hoffentlich im Februar oder März ein Impfstoff vorhanden ist. Die Lebensbedingungen vieler Menschen sind nun seit einem halben Jahr stark eingeschränkt, das strapaziert die Nerven und die Arbeit; nicht alle können damit umgehen. Nicht alle nehmen eine begünstigte Position ein.

Verhalten sich darum einige wieder so, als wäre alles wieder vorüber?

Diesen Menschen muss man in Erinnerung rufen, dass man das Coronavirus keineswegs unterschätzen darf. Ich habe einen Freund, der mehrere Tage auf der Intensivstation lag, zwischen Leben und Tod schwebte, und wenn man ihm und anderen Erkrankten zuhört, hat man Verständnis für die behördlichen Schutzmassnahmen.

Müsste man jetzt nicht auf Eigenverantwortung setzen?

Als Liberaler bin ich der Letzte, der das Prinzip der Eigenverantwortung kleinreden würde. Aber es geht immer um eine Mischung: Ein Teil der Verantwortung muss zentralisiert werden, indem der Staat Schutzmassnahmen definiert, gestützt auf die Wissenschaft. Ein anderer Teil – der grössere Teil – ist das Mitdenken und das Mitgestalten des Einzelnen, damit sich die Seuche nicht wieder ausbreiten kann. Diese Eigenverantwortung kann leiden, wenn die Behörden zu eng führen.

Sie sprechen die Wissenschaft an. Gefragt sind Virologen und Epidemiologen, längst auch Ökonomen und Staatsrechtler. Wo sind die Geisteswissenschafter, die Intellektuellen?

Das frage ich mich auch. Wir haben ein globales Thema, ein handfestes Bedrohungsszenario, und darüber wäre viel nachzudenken, zu debattieren und zu schreiben. Das hat nur in beschränktem Rahmen stattgefunden.

Warum?

Vielleicht liegt es daran, dass wegen des Lockdowns der soziale Austausch unter den Intellektuellen nicht wie bisher stattfinden konnte, und Intellektuelle leben ja immer noch wesentlich vom analogen Gespräch, vom Zusammenkommen und Debattieren. Man raucht eine Zigarette oder einen Stumpen, trinkt zusammen ein Glas Wein. Der Lockdown hat aber tatsächlich eine eigentümliche Stille des Denkens bewirkt.

Es gibt Intellektuelle, die diese Stille für richtig halten. Peter von Matt sagte in der «NZZ am Sonntag»: «Das wenigste, was wir brauchen, sind Corona-Romane. Jetzt muss uns ja niemand mehr sagen, wie es ist.»

Der hochgeschätzte Germanist hat hier Dinge gesagt, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Als wäre Literatur ein Gebrauchsgegenstand! Und wen meint von Matt mit «wir»? Sind das die Germanisten, ist das die Gesellschaft? Für mich war Peter von Matts Aussage ein Aufruf zum intellektuellen Lockdown. Und wenn es weiter heisst, wir wüssten ja nun, wie es geht, so ist das Gegenteil richtig. Wir wissen bei Corona immer noch relativ wenig, und vor allem sind sehr viele Schicksale höchst individuell verlaufen, ob man nun krank war oder nicht.

Hatten Sie auf Ihr Buch Reaktionen wie: Was fällt dem ein, eine fiktive Geschichte über Corona zu schreiben?

Eine gute Freundin aus der Branche hatte mich gewarnt: Wenn du dieses Buch schreibst, und dann noch in dieser Geschwindigkeit, dann wird das manchen Leuten allein schon deshalb nicht gefallen, weil sie es nämlich selber nicht getan haben. Intellektuelle beobachten sich mit scharfen, auch eifersüchtigen Augen. Aber gesamthaft darf ich sagen: Ich hatte vorwiegend positive und viele herzliche Reaktionen.

Wie lange haben Sie an diesen rund 200 Seiten geschrieben?

Mitte März kam mir die Idee zu diesem Plot. Mitten in der Nacht wachte ich auf...

...mit Fieber?

Ohne Fieber. Vermutlich hatte Rudy, der Hund, kurz gebellt. Am nächsten Tag wusste ich: Das musst du probieren, sonst bereust du es für den Rest deines Lebens. Ich schrieb den Text dann in zehn Tagen. Immer von 13 bis 19 Uhr. Jeden Tag ein Kapitel.

In Ihrer Erzählung fehlt das Klassenkämpferische. Als sich Lukas Bärfuss im «SonntagsBlick» zu Corona äusserte und dann Jonas Lüscher, der selber erkrankt war, in der «SonntagsZeitung», war der Tenor der folgende: Der Finanzkapitalismus ist ein Problem, die Coronaerfahrung muss zu mehr Umverteilung führen.

Das sind die erwartbaren Äusserungen oder Rituale innerhalb einer bestimmten Community, innerhalb einer Peer Group. Es passiert etwas, und subito müssen die Umstände und Folgen das eigene Weltbild bestätigen. Das Zauberwort heisst Umverteilung.

Peter von Matt sagte, die Seuche zeige, dass die Schweiz kein Sonderfall sei, denn Corona treffe alle, eben auch die Schweiz. Aber Tatsache ist doch, dass wir viel weniger getroffen wurden, weil wir ein hervorragendes Gesundheitssystem haben.

Absolut. Ich frage mich bei solchen Äusserungen wie auch bei Bärfuss: Glauben die Leute wirklich selber, was sie da sagen? Oder geht es vor allem um das eigene Branding, um simplifizierende Gruppenbestätigungsstrategien in einer immer komplexeren Welt?

«Für mich war  Peter von Matts Aussage ein  Aufruf zum  intellektuellen Lockdown:» Martin Meyer über eine Aussage des Germanisten in der «NZZ am Sonntag».

«Für mich war Peter von Matts Aussage ein Aufruf zum intellektuellen Lockdown:» Martin Meyer über eine Aussage des Germanisten in der «NZZ am Sonntag».

Kennen Sie selber solche bequemen Gewissheiten nicht auch?

Natürlich. Komplexitätsreduktion kann sehr lebens- und sozialdienlich sein. In meinem Buch wollte ich freilich vor allem auf die existenzielle Situation in und mit einer solchen Seuche eingehen. Was geht in einem vor, wenn man das Virus hat oder haben könnte, wie nimmt man sich selbst und seine Umwelt wahr, welche Gedanken hat man zum eigenen Leben und zur Vergänglichkeit?

Das sind Fragen, welche die Bücher behandeln, die Ihr Buchhändler Matteo liest, etwa Albert Camus’ «Die Pest», Thomas Manns «Tod in Venedig», Jeremias Gotthelfs «Schwarze Spinne».

Der Blick in sich selbst, aber auch über sich selbst hinaus, bis zu den Sternen, ins All, wo vielleicht kein Gott, ob schützend oder strafend, wohnt: Dieser Blick gibt literarisch unendlich viel mehr her als die Frage, ob wir mehr oder weniger staatlichen Einfluss im Gesundheitswesen brauchen.

Sie erwähnten einen Freund, der zwischen Tod und Leben schwebte. Was hat er Ihnen erzählt?

Dass alles, was er um sich hörte, plötzlich eine unglaubliche Intensität erhielt. Die feinsten Geräusche explodierten wie Schläge in seinen Ohren. Später, so sagte er mir, sei er dann nur noch mit und bei sich selbst gewesen. Alles, was Angehörige betraf und sogar die Frau, die er liebte, war weg, gleichgültig, verloren, er konnte nichts machen. Es herrschte eine unheimliche Sogwirkung: Bin ich überhaupt noch ich? Mit allem, was mich ausmacht? Oder bin ich nur noch Körper? Sehr existenzielle Fragen und deshalb letztlich auch literarische Fragen.

Ich kenne Leute, die in der Coronazeit aufgeblüht sind; einer sagte: «Es war die beste Zeit meines Lebens.»

Viele haben wohl ein etwas schlechtes Gewissen, zuzugeben, es sei ihnen eigentlich recht gut gegangen. Weil sie wissen, dass es umgekehrt vielen sehr schlecht gegangen ist. Für mich selber gesprochen: Die Entschleunigung besass eine bisher völlig unerfahrene Schönheit.

Die Schönheit der Einsamkeit?

Ja. Aber natürlich ist sie endlich. Irgendwann merkt man, was schon Aristoteles wusste: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht analoge Kontakte. Kant spricht von der ungeselligen Geselligkeit. Aber so ungesellig diese auch ist – sie muss eben doch stattfinden. Auf die Länge ist Abschottung schwer, ja unmöglich zu ertragen.

Sonst wird man depressiv oder zumindest pessimistisch. Vor allem wenn man älter ist, wenn stimmt, was in Ihrem Buch zu lesen ist: «Es gab grosse Dichter, die dieses Phänomen des Zusammenhangs zwischen Pessimismus und Älterwerden beschrieben hatten.»

Unsere modernen Gesellschaften sind auf ewige Jugend getrimmt. Älterwerden ist etwas, das eigentlich nicht stattfinden darf. Man ist und lebt ja auch immer gesünder, und man weiss um die medizinischen Fortschritte, die den Menschen 100 oder vielleicht sogar 120 Jahre alt werden lassen könnten – unter Umständen eine schreckliche Vorstellung. Zugleich muss man realisieren, dass man auch in den Welten der ewigen Jugend älter und damit hinfälliger wird.

Und das macht einen zum Pessimisten?

Man merkt jedenfalls vielleicht, dass das Gedächtnis nachlässt, dass gewisse Dinge nicht mehr so schnell von der Hand gehen und dass die Lebenszeit immer schneller dahinschwindet. Die Frage ist natürlich, wie man damit umgeht; vor allem Männer scheinen etwas pessimistischer veranlagt als Frauen.

Ist das Ihre Theorie?

Keine Theorie, nur eine Alltagsbeobachtung, wenn auch nicht an mir selbst. Ich kenne mehr übelgelaunte ältere Herren als übelgelaunte ältere Damen. Sicher spielt der Abschied aus dem aktiven Berufsleben dabei eine Rolle. Männer nehmen sich bekanntlich viel wichtiger als Frauen.

Sie sind nicht nur Journalist und Schriftsteller, sondern auch Vorsitzender des publizistischen Beirats der NZZ. Haben die Medien in der Coronakrise einen guten Job gemacht?

Insgesamt ja. Natürlich berichteten die Medien unterschiedlich, die einen aufgeregter, die anderen gelassener, wie das eben ihrem Charakter entspricht. Alles in allem haben die Frauen und Männer der Medien enorm viel gearbeitet und geleistet, ich muss allen Journalistinnen und Journalisten ein grosses Kompliment machen. «Corona» war und ist eine ausserordentliche Situation, mit der wir gerade auch in der Schweiz per saldo gut umgegangen sind. Im Nachhinein ist man immer klüger. Nur: Für «Corona» gibt es – noch länger – kein einfaches Nachhinein.

Im Unterschied zu anderen Krisen, etwa der Finanzkrise 2008, waren die Journalisten direkt betroffen: Sie mussten sich in ihren Newsrooms, in ihren Familien innert Kürze neu organisieren.

Es war so, wie wenn ein Fussballberichterstatter auf einmal aufs Spielfeld gestellt worden wäre – als Spieler und gleichzeitig noch als Schiedsrichter. Schwierig!

Waren die Medien nicht zu behördennah?

Das mag in einzelnen Fällen so gewesen sein. Aber ich habe die Medien nicht so wahrgenommen, dass sie alles, was die Ämter taten oder meldeten, einfach tel quel übernommen hätten. Man muss auch zugeben, dass die Behörden insgesamt gut gearbeitet haben, mit Ausnahme des Anfangs, als es hiess, Masken nützten nichts, weil man viel zu wenige Masken vorrätig hatte. Das war grobfahrlässig, das war Fake News. Aber das Erfreuliche: Die Medien haben es schnell gemerkt.

Das Buch von Martin Meyer

Martin Meyer, geboren 1951, leitete während 23 Jahren das Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung». Heute ist er als Journalist, Publizist und Buchautor tätig, zudem präsidiert er den publizistischen Ausschuss der NZZ. Zu seinen Veröffentlichungen gehören nebst «Corona» (2020, Verlag Kein & Aber) auch «Albert Camus. Die Freiheit leben» (2013) und «Gerade gestern. Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten» (2018). Martin Meyer lebt in Zürich.

Martin Meyer, geboren 1951, leitete während 23 Jahren das Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung». Heute ist er als Journalist, Publizist und Buchautor tätig, zudem präsidiert er den publizistischen Ausschuss der NZZ. Zu seinen Veröffentlichungen gehören nebst «Corona» (2020, Verlag Kein & Aber) auch «Albert Camus. Die Freiheit leben» (2013) und «Gerade gestern. Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten» (2018). Martin Meyer lebt in Zürich.

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