Essay

Der Gesang der Vögel – verstummt: Ein Essay von Alain Claude Sulzer zur Kultur im Corona-Sperrmodus

Die Künstlerinnen im Lockdown sind stumm - wie Vögel im Käfig.

Die Künstlerinnen im Lockdown sind stumm - wie Vögel im Käfig.

Der Schriftsteller Alain Claude Sulzer fragt, warum die Vögel bei einem Erdbeben verstummen. Und wer die Künstlerinnen und Künstler wieder aus dem Käfig befreit.

Die Vögel verstummten. Plötzlich schien die Natur stillzustehen. Es war ein ungewohnter Augenblick des Atemholens vor dem Unbekannten, das aus dem Unsichtbaren drohte. Tatsächlich kam es aus dem Untergrund. Der Gesang der Vögel, dem man für gewöhnlich kaum Aufmerksamkeit schenkt, weil er so alltäglich ist, rief sich erst in Erinnerung, als er nicht mehr zu hören war. Das dauerte nicht lange, nur ein, zwei Minuten, aber das beängstigende Schweigen liess einen aufhorchen.

Dann durchfuhr ein Rumpeln das grosse Dach des Hauses, vor dem ich stand. Es klang, als würde das Gebälk hochgehoben und sinke danach ächzend zurück. Im gleichen Augenblick schien der Boden unter meinen Füssen wegzuschwimmen und damit die Gewissheit, dass das, worauf man stehe, fest sei. Die Erde schwankte, als stünde man auf einer Eisscholle. Das dauerte – obwohl es mir endlos vorkam – kaum länger als eine halbe Minute.

Sofort wurde mir klar, dass die Erde bebte, so wie sie es seit Jahrmillionen immer wieder tut. Das Ereignis bleibt unvergesslich und hat sich nicht wiederholt.

Kaum war es vorbei – es gab kein spürbares Nachbeben – zeigte sich die Natur wieder von ihrer freundlichen Seite.

Dass einige von ihnen kurz vor dem Erdbeben versucht hatten, ins Innere des Hauses zu gelangen und gegen die Scheiben geflogen waren, wurde mir erst jetzt bewusst. Zwei, drei Vögel hatten sich beim Aufprall das Genick gebrochen. Was sich in den wenigen Minuten in ihren kleinen Gehirnen abgespielt hatte, war rätselhaft und beeindruckend.

Lockdown wie ein vegetatives Innehalten – besonders für die Kunst

Ist es das passende Bild zur jetzigen Situation? Nicht ganz, denn im Gegensatz zum Erdbeben hält der Schock, unter dem wir jetzt alle leiden, viel länger an; nach einem täuschend hoffnungsvollen Zwischenspiel erleben wir gerade einen dramatischen zweiten Sprung ins Leere.

Dennoch: Es ist dieses stockende Bild vegetativen Innehaltens, das mir als Erstes in den Sinn kam, als uns die Meldung vom zweiten Lockdown erreichte. Noch vor einem Jahr schienen uns solche Massnahmen unmöglich. Undenkbar. Hart, am härtesten neben den Gas­tronomen, treffen sie Künstler, Musikerinnen, Schriftsteller, Schauspielerinnen – und ihr grosses Publikum.

Jede und jeder versucht auf seine Weise, damit zu leben, aber anders als beim ersten Sperrmodus sind die selbstbeschwichtigenden Ausreden, die der verordneten Entschleunigung etwas Positives abzugewinnen versuchten, wie Schnee in der Sonne geschmolzen. Vom Wasser, das davon übrigbleibt, ernährt sich niemand. Wer sich in den trüben Pfützen betrachtet, die sich gebildet haben, sieht nur noch trübe Hoffnungslosigkeit gespiegelt.

Sie müssen nicht schweigen wie die Vögel kurz vor dem Beben. Aber niemand hört zu, Schlossherr und Burgfräulein sind ebenso ausgegangen – oder in den Verliesen des Schlosses verschwunden – wie Knappe und Magd, niemand mehr da, nicht einmal die Katze streicht um den Vogelbauer mit den abgemagerten Insassen, um die sich keine reisst. Allmählich verstummen auch sie.

Selbst Vögel pfeifen nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern um ihre Artgenossen auf sich aufmerksam zu machen oder ihre Feinde von ihren gefährdeten Jungen abzulenken. Nähme man ihnen alles – die Feinde wie die Freunde, die Freude wie die Angst –, würden sie wohl oder übel verstummen.

Nicht alle werden verstummen, einige aber schon

Wo ist der Schlüssel, der den Käfig öffnet und die Vögel befreit? Das Schlimmste, was passieren könnte: dass jemand ihn weggeworfen hätte und niemand ihn wiederfände; noch schlimmer, wenn keiner danach suchte. Käfig. Schlüssel. Stimmen. Leere. Schweigen.

Wo waren die Vögel vor und während des kurzen Bebens, als sie aufhörten zu singen, weil eine innere Stimme es ihnen befahl? Sie waren ja nicht wirklich verschwunden. Nur ihr Schweigen hat sie unsichtbar gemacht. Ist allein ihr Gesang der Beweis ihrer Existenz? Sind sie ohne Gesang nur unnützes Gefieder, das hin und wieder ein Ei legt und einen Wurm frisst?

Natürlich käme es niemandem in den Sinn, sich ernsthaft Gedanken über die Notwendigkeit oder Nützlichkeit von Vögeln zu machen. Was nun einmal da ist, hat seine Bedeutung im Lauf der Evolution hinlänglich unter Beweis gestellt, die Schlange wie der Elefant, die Kuh wie die Biene, der Hund wie das Schaf. Es muss nicht ständig seine Berechtigung unter Beweis stellen. Schon gar nicht die Sprache, die Schrift, die Musik, ohne die wir längst ausgestorben oder immer noch im Steinzeit­stadium wären.

Natürlich: Der Schlüssel wird sich wiederfinden, der Käfig wird wieder aufgehen, die Vögel werden wieder ausschwärmen, und die Menschen wieder zuhören, wenn sie zu singen beginnen. Aber einige werden für immer verstummt sein.

Das Aussetzen des Gesangs – und aller anderen künstlerischen Äusserungen – kann drohendes Unheil so wenig abwenden wie das Aussetzen des Gesangs der Vögel das Erdbeben abwendet.

Wofür es steht, wovor es warnen sollte, wissen wir erst, wenn die Gefahr gebannt ist. Vielleicht auch dann nicht. Wir wissen nur, was wir vermissen.

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