Literatur

Der Hund Apollo und ich: «Wir sind zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüssen»

Sigrid Nunez.

Sigrid Nunez.

Für ihren Roman «Der Freund» erhielt Sigrid Nunez 2018 den National Book Award. Die Hauptrolle spielt ein Hund.

Freundschaft ist das grosse Thema. Aber wer ist der Freund, um den es im gleichnamigen Roman der amerikanischen Autorin Sigrid Nunez vor allem geht? Ist es tatsächlich die Dogge, in deren Besitz die Ich-Erzählerin unfreiwillig gerät? Was die Abbildung des Hundes auf dem Umschlag suggeriert, ist aber bestenfalls die halbe Wahrheit.

Ein existenzieller Schock ist der eigentliche Anlass und Motor des Buches, von Sigrid Nunez, 68, die dafür den National Book Award bekam, einen der wichtigste US-amerikanischen Literaturpreise. Der beste Freund und wichtigste Gesprächspartner der Erzählerin hat sich überraschend das Leben genommen. Von der schweigenden Präsenz dieses Freundes ist das Buch erfüllt; er ist das grosse «Du», an das ihre Gedanken und Erzählungen gerichtet sind.

Wer war dieser Freund? Ein Literat und Professor, ein Dichter und Denker, ein Intellektueller voller origineller Gedanken. Ein Womanizer, der den Anspruch empörend fand, aus den universitären Lehrer-Schüler-Verhältnissen müsse Erotik verbannt werden. «Ich hasste es, wenn du über Frauen gesprochen hast. Ich war nicht eifersüchtig, nicht mehr... Was ich hasste, war, dass es mir für dich peinlich war.» Die Freundin lässt die Themen der jahrzehntelangen Freundschaft Revue passieren – das Schreiben, den Literatur- und Universitätsbetrieb.

Liebesbrief und Trauerprotokoll

Mitten in diesen inneren Monolog, der auch Liebesbrief ist und Trauerprotokoll, auch Bewältigung einer widersprüchlichen Freundschaft, platzt die Anfrage von «Ehefrau Drei», ob die Seelenfreundin nicht den Hund des Toten, Apollo, zu sich nehmen könne: «Sie lebt allein, sie hat keinen Partner, keine Kinder, sie arbeitet vor allem zu Hause, sie liebt Tiere» – das habe ihr Mann gesagt, als sie sich geweigert hätte, den Hund zu versorgen, wenn er auf Reisen sei. Es scheint verrückt, dass die Freundin dies tatsächlich tut. Sie wird ihre Wohnung verlieren, in der sie keine Hunde halten darf. Aber es ist diese irrationale Geste, in der die Freundschaft ihren tiefsten Ausdruck findet – als ein jenseits aller Vernunft liegender Griff nach Trost. Und vielleicht hat diesen Trost, den kein Mensch, sondern nur ein Tier geben kann, der Freund ihr zugedacht? «Wer sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüssen?»

«Der Freund» ist ein Buch über Verlust und geistige Einsamkeit, über fiktives und dokumentarisches Schreiben, über Tod und Suizid, vor allem ein Buch über eine Empathie, die Menschen allenfalls bei Tieren finden können. «Ich glaube, dass wir alle unser gesamtes Leben lang eine machtvolle Erinnerung an die ersten Momente unseres Lebens bewahren, an die Zeit, als wir ebenso Tier wie Mensch waren, an die überwältigenden Gefühle der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit und stummer Angst und das starke Bedürfnis nach Schutz, von dem wir instinktiv wissen, dass es ihn gibt, wenn wir nur laut genug schreien. Unschuld ist etwas, das wir Menschen durchlaufen und hinter uns lassen, unfähig dazu, zurückzukehren. Doch Tiere leben und sterben in diesem Zustand.»

Sigrid Nunez’ Gedanken berühren, ebenso wie der originelle Ansatz des Buches. Die Menschenabgewandtheit aber, die im Gespräch mit dem toten Freund immer wieder aufscheint, hat in ihrem elitären Gestus auch etwas verstörend Herablassendes. Ein Buch jedenfalls, das nicht kalt lässt.

Meistgesehen

Artboard 1