Rassismus

Der letzte Sklave der USA – ein erschütternder Bericht aus dem Jahr 1927

Cudjo Lewis, ursprünglich Oluale Kossola, 1927 als 86-Jähriger. Er war 1859 in Afrika geraubt und als Sklave in den USA verkauft worden.

Cudjo Lewis, ursprünglich Oluale Kossola, 1927 als 86-Jähriger. Er war 1859 in Afrika geraubt und als Sklave in den USA verkauft worden.

Die Geschichte des Rassismus in den USA ist lang und voller Schrecken. Der bewegende Bericht der Schriftstellerin Zora Neale Hurston über ihre Begegnungen mit dem letzten amerikanischen Sklaven aus dem Jahr 1927 vermisst diese Geschichte noch einmal neu.

«Als ich zum ersten Mal von der Polizei abgeführt werde, bin ich zwölf Jahre alt», schreibt die heute 36jährige Mitgründerin der Bürgerrechtsbewegung «#Black Lives Matter». Überrascht war das Mädchen nicht, als ihr vor der Klasse Handschellen angelegt wurden. Seit sie klein war, hatte sie erlebt, wie ihre Brüder, zehn, elfjährig, routinemässig von den durchs Viertel patrouillierenden Polizisten aufgefordert wurden, sich mit erhobenen Händen an die Wand zu stellen.

Dass schon Kinder, wenn sie die «falsche» Hautfarbe haben, unter Generalverdacht gestellt werden, ist einer der unfassbaren Aspekte einer perfiden Logik und Mentalität, innerhalb derer sich viele weisse Polizisten in USA bewegen, – und in letzter Konsequenz wieder und wieder junge schwarze Männer unschuldig töten. Haben die Obama-Jahre hier nichts bewirkt? Ta-Nehisi Coates, Journalist und führende intellektuelle Stimme des Rassismus-Diskurses, schrieb in seinem letzten Buch: «Es ist, als habe sich der Stamm der Weissen vereint, um zu zeigen: Wenn es sein kann, dass ein schwarzer Mann Präsident wird, kann auch irgendein weisser Mann – egal wie verkommen – Präsident sein.»

«Danke, Jesus! Dass jemand kommt, nach Cudjo fragt!»

Nun ist, mit schwer begreiflichen 90 Jahren Verspätung, ein Buch erschienen, das einen tiefen Einblick in die Vorgeschichte dieser entmenschlichten Zustände erlaubt. Im Rahmen der «Harlem Renaissance» genannten kulturellen Blüte der afroamerikanischen Kultur in den 1920er Jahren, war die bedeutende Schriftstellerin, Volkskundlerin und Anthropologin Zora Neale Hurston beauftragt worden, ausführliche Gespräche mit Cudjo Lewis zu führen, dem bekanntermassen letzten amerikanischen Sklaven. Und so stand sie 1927 erstmals vor der Tür seines Häuschens in Plateau, Alabama. «O Gott, wusst ich’s doch, du bist’s, die mich ruft. Sonst ruft niemand meinen Namen von drüben überm Wasser, nur du», kommt es ihr entgegen. Dass sie ihn bei seinem alten Namen, Oluale Kossola, genannt hatte, wie «in Afrikaland», beantwortete der 86jährige mit Freudentränen.

«Danke, Jesus! Dass jemand kommt und nach Cudjo fragt!» Hurston wird ihn über zwei Jahren hinweg immer wieder besuchen – mit Pfirsichen, Melone und Krabben im Gepäck – und wird ihn mit dem Respekt der Volkskundlerin «ohne interpretierende Einmischung seine Geschichte auf seine Weise erzählen» lassen. Als die grossartige Schriftstellerin, die sie auch ist, weiss sie den Kontext der kollektiven Leidensgeschichte, in die Kossulas Schicksal gehört, immer mit zu vergegenwärtigen. Teils entsteht beklemmende Aktualität, wenn sie etwa an das «reiche Erzählgut» erinnert, «das auf dem Atem von Sprachlosen über die Meere und Länder der Welt wehte.»

Das kurze Glück nach der Befreiung endet sehr bitter

Und Kossola erzählt – vom Leben im Dorf, wo er die ersten 19 Jahre seines Lebens verbrachte und nur die ersten der vielen Initiationen vom Jungen zum Mann erlebte. Von jener Nacht, als der König von Dahomey, der nachts mit seinen Leuten sein Dorf überfiel, erbarmungslos mordete und ihn mit vielen anderen gefangennahm und in Baracken («Barracoons») am Meer sperrte. Weit über 12 Millionen Menschen sind, so weiss es das Nachwort von Deborah Plant, zwischen 1450 und dem Ende der Sklaverei verschleppt und versklavt worden.

In diesem Jahr 1859, «als das Donnergrollen der Sezession bereits von einem Ende der Vereinigten Staaten zum anderen zu hören war», liessen die vier Auftraggeber die «Clotilda» heimlich und unbemerkt von den Behörden auslaufen. Genauso heimlich schleusten sie später die 116 Sklaven ein, die 70 Tage in der Mittelpassage bei 1,50 Raumhöhe, zusammengepfercht gehockt hatten. In Amerika angekommen, muss Kossula Schiffe be- und entladen. «Der Aufseher haut dich mit der Peitsche, wie es ihm passt. O Gott! O Gott! Fünf Jahre und sechs Monate war ich Sklave. Ich hab so hart gearbeitet! ... Bin ich dankbar, als sie mich befreien!»

Aber Kossulas Geschichte ist eine Hiobsgeschichte. Auf die glücklichen Jahre, in denen die Afrikaner ihrem vormaligen Besitzer Land abkaufen – «sie lassen keine fünf Cent vom Preis für uns nach» – und ein neues Dorf namens African Town gründen; in denen Kossula seine Frau Seely findet und mit ihr sechs Kinder hat, folgen Jahre, die das Glück der Freiheit aufs härteste relativieren. Nach einem von der Bahn verschuldeten Unfall erhält Kossula, nun arbeitsunfähig, keine Entschädigung. Er berichtet Hurston, wie sehr seine Kinder «unter Beschuss» der Weissen stehen. «Sie mussten sich immerzu wehren.» Und nachdem der erste Sohn aus dem Hinterhalt erschossen wurde, wird Kossula nach und nach alle sechs Kinder an Krankheit, Unfall und Mord verlieren.

«Du sollst allen erzählen überall, wo du hingehst, was Cudjo sagt ... Ich kann mich nicht richtig ausdrücken, verstehst du, aber ich geb’s dir Wort für Wort.» Und es ist mehr als eine bittere Ironie der Geschichte, dass es Zora Neale Hurston Anfang der 1930er Jahre nicht mehr gelang, ihre Geschichte zu publizieren.

Zora Neale Hurston: Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Übersetzt von Hans-Ulrich Möhring, Penguin, 222 Seiten.

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