Interview

Der neue Intendant des Argovia Philharmonic will die Qualität des Orchesters weiter steigern

Der neue Intendant Xoán Castiñeira wird seine Stelle am 1. September antreten.

Der neue Intendant Xoán Castiñeira wird seine Stelle am 1. September antreten.

Der gebürtige Galicier Xoán Castiñeira ist der neue Intendant des Argovia Philharmonic. Er will die Qualität des Orchesters weiter steigern.

Wo bleibt er bloss, der angekündigte, neue Intendant des Argovia Philharmonic? Er hat sich verspätet, weshalb an der Medienpräsentation im Kultur- & Kongresshaus Aarau ein zufällig anwesender Pianist das Warten überbrückt. Der Einspringer spielt Kompositionen von Bach, Granados und Mompou. Schön, man möchte dem Unbekannten gerne länger zuhören. Wer ist er? Es ist Xoán Castiñeira. Der neue Intendant hat sich nicht etwa verspätet; er hat sich nur einen kleinen Scherz erlaubt und sich als namenloser Pianist eingeführt.

Die Überraschung ist Ihnen geglückt – gratuliere. Haben die Stücke, die Sie als vermeintlicher Einspringer-Pianist soeben gespielt haben, überhaupt etwas mit Ihnen zu tun?

Xoán Castiñeira: O ja. Johann Sebastian Bachs Arie aus den Goldberg-Variationen spielte ich, weil ich seit einigen Jahren die J. S. Bach St.Gallen AG leite. Da ist es naheliegend, dass ich diesen Komponisten ehren wollte. Mit Enrique Granados und Federico Mompou kamen sodann zwei Komponisten meiner Heimat Spanien zum Zug. Als ich in Barcelona studierte, konnte ich übrigens immer wieder auf dem Klavier von Mompou spielen.

Als Konzertpianist wird man Sie in absehbarer Zeit wohl kaum mehr hören können, dafür wird man Sie als neuen Intendanten des Argovia Philharmonic wahrnehmen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Stellenausschreibung entdeckten?

Vorausschicken möchte ich, dass bereits Kontakte zum gegenwärtigen Intendanten Christian Weidmann bestanden haben. Als ich den Stellenbeschrieb las, dachte ich an dreierlei: Die Stelle ist attraktiv; das Orchester befindet sich nach einem Jahr ohne einen Chefdirigenten im Umbruch und bekommt mit Rune Bergmann einen neuen Chef sowie einen neuen Konzertort– die Alte Reithalle in Aarau. Diese Konstellation ist in der Schweiz derart einmalig, dass mir klar wurde: Irgendwie muss ich das jetzt machen.

Durch die projektbezogene Arbeit bei gleichzeitig fester Besetzung hebt sich dieser Klangkörper von ständigen Berufsorchestern ab. Ist das Neuland für Sie?

Keineswegs. Bei der J.S. Bach-Stiftung, vielmehr mit den Konzerten, die sie ausrichtet, haben wir es auch mit einem projektbezogenen Orchester zu tun. Die Abläufe sind mir deshalb vertraut.

Gibt es etwas, was Ihnen bei einem Projektorchester besonders auffällt oder was Sie an ihm besonders schätzen?

Ja, die Motivation. Die Musikerinnen und Musiker spielen Stücke stets so, als ob es das letzte Mal wäre. Beim Argovia Philharmonic kommt als weitere Besonderheit hinzu, wie viel es für den Kanton Aargau an den unterschiedlichsten Orten leistet. Die kantonale Kulturlandschaft im Aargau ist schon sehr beeindruckend.

Wer eine neue Stelle antritt, hat Ziele. Welche haben Sie?

Es gibt für Rune Bergmann und mich vor allem ein Ziel: Wir wollen die Qualität noch weiter steigern. Nicht umsonst ist das Orchester ein kultureller Leuchtturm im Aargau.

Denken Sie da auch an weitere Gastauftritte in der Tonhalle Zürich, im KKL Luzern oder an…

… ausländische Tourneen? Durchaus. Rune Bergmann und ich glauben, dass solche bald möglich sein könnten.

Um den Bekanntheitsgrad eines Orchesters zu steigern, sind neben Tourneen auch Aufnahmen wichtig. Das Argovia Philharmonic weist schon eine stattliche Diskografie auf.

Natürlich planen wir weitere Aufnahmen. Konkret: Es soll eine digitale Verbreitung geben – aber das müssen nicht unbedingt CDs sein.

Das Argovia Philharmonic pflegt ein weitgespanntes Repertoire, das immer wieder mit Raritäten gerade auch von Aargauer Komponisten wie etwa Werner Wehrli, Theodor Fröhlich oder Hans Huber überrascht. Geht es damit weiter?

Natürlich wird dies alles, aber noch Weiteres eine Rolle spielen, denn wir wollen ja ein eigenes Profil entwickeln, zu dem Rune Bergmann übrigens viele Ideen hat. In der kommenden Saison wird der Anspruch nach selten gespielten, neu zu entdeckenden Werken eingelöst. Denken Sie nur an Mieczyslaw Weinbergs Violinkonzert. Dieser bedeutende, polnische Komponist wurde lange praktisch nicht mehr gespielt.

Sie betonen, dass Ihnen Profil und Qualität, ohne elitär zu sein, wichtig sind. Spielt in diesem Zusammenhang auch die ab 2021 bespielbare Alte Reithalle eine Rolle?

Ganz klar. Dort hat das Orchester Gelegenheit, einen eigenen Klang zu entwickeln.

Wie das?

Weil in diesem und nur in diesem Raum– anders als bisher – sämtliche Proben stattfinden werden. Und das ist etwas völlig anderes als bisher.

Könnte die Alte Reithalle in Aarau analog zum KKL in Luzern etwa zu einem sogenannten Brand werden?

Ich bin Marketingprodukten gegenüber skeptisch eingestellt. Wie erwähnt: Für mich bleibt der Fokus auf die Qualität gerichtet. Die Botschaft ist diese: Wir haben tolle Musikerinnen und Musiker in unserem Orchester und primär damit wollen wir Publikum gewinnen.

Aus dem Aargau?

Zu einem grossen Teil sicher, aber nicht nur. Wir hoffen, dass wir nach dem Umbau mit der Alten Reithalle in Aarau einen Konzertraum gewinnen werden, der nicht nur hier in der Schweiz, sondern auch im Ausland wahrgenommen wird.

Die Saison 2020/21 steht. Danach sind Sie verantwortlich. Wie sehen Ihre Pläne aus?

Ich werde meine neue Aufgabe eher konservativ angehen. Zu Beginn werde ich vor allem aufnehmen. Das heisst: Ich will beobachten und spüren, wie das Publikum – wir haben etwa 700 Abonnentinnen und Abonnenten – an jenen unterschiedlichen Orten, wo wir regelmässig gastieren, reagiert. Ich spüre aber generell eine Neugier und Offenheit.

Wird Ihre Heimat Spanien, vielmehr Galicien, eine Rolle bei Ihren künftigen Programmüberlegungen spielen?

Nein. Man muss da ganz frei denken; gute Musik kennt keine Nationalitäten. Es gibt schlicht tolle Musik, die uns etwas sagt. Und da gibt es noch so viel zu entdecken. Was mich derzeit beschäftigt, sind die Fragen: Wollen wir alle etwas weniger Globalisierung? Ziehen wir uns vermehrt zurück?

Stichwort Coronakrise: Da gibt es derzeit viele Überlegungen seitens der Musiker und der Konzertveranstalter im Hinblick auf Konzertformate. Könnte es sein, dass vorerst auf kleinere Besetzungen gebaut wird? Oder dass Sinfonien in kammermusikalischen Bearbeitungen erklingen?

Es ist einerseits klar, dass wir uns – also Musiker, Veranstalter und Publikum – auf Einschränkungen und Anpassungen gefasst machen müssen. Andererseits wollen wir keine grossen Qualitätsabstriche machen. Gleichzeitig bietet uns die Krise aber eine Chance, mit bislang vernachlässigten und gar ungeahnten Ansätzen zu experimentieren. Diese Chance müssen wir auch packen.

Programmänderungen sind wohl coronabedingt nicht auszuschliessen?

Leider ja. Was uns die Zukunft bringen wird? Wir wissen es nicht. Aber: Es ist zumindest eine gute Zeit, um erstarrte Konzepte zu revidieren.

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