Was schaust du so blöd? Der junge Mann guckt genervt. Hier gibts nichts Aufregendes zu sehen, schau lieber woanders hin!

Hah, das hättest du jetzt gern. Leider aber stehst du mitten im einzigen Winterbild in diesem Teil des Museums. Eines der wenigen Winterbilder, die überhaupt im Kunstmuseum Basel ausgestellt sind, mal abgesehen von einem halbspannenden Stadtwinter bei Claude Monet und Ernst Ludwig Kirchners schrillpinker Vorstellung einer Berglandschaft.

Tut mir leid Junge, aber es ist Basler Winter und der Basler Winter ist besonders gemein, weil arktisch kalt und doch kein Schnee. Und deshalb muss die Kunst herhalten, die gute alte Kunst, um wenigstens ein bisschen muckeliges Wintergefühl aufkommen zu lassen, wenn sonst überall das verfluchte schneeflockige weissrockige Setting fehlt!

Golf auf Eis

Also: Hinschauen. Auch wenn so gut wie gar nichts geschieht. Das ist die erste und wichtigste Botschaft dieser kleinen Malerei im ersten Obergeschoss des Museums, da, wo sich kaum jemand hin verirrt weil von Chagall keine Spur und die Toilette ist auch woanders. Nichts geschieht – und deshalb schaut man umso genauer. Der Junge zum Beispiel, was trägt der da? Einen länglichen Knüppel. Er sieht zwar so aus, als würde er uns damit verdreschen wollen, in Wahrheit aber kommt er vom Colfspielen. Colf, nicht Golf, auch wenn es so auf der Plakette steht: «Zwei Städtchen an zugefrorenem Fluss mit Golfspielern und Eisläufern».

Colf war im Holland des 16. und 17. Jahrhunderts einer der beliebtesten Sportarten und eng verwandt mit dem schottischen Namensvetter: Man schlug einen Holz- oder Lederball möglichst weit vor sich her. Auf Eis funktionierte das besonders gut, und Eis gab es zu der Zeit zuhauf: Mitte des 16. Jahrhunderts, man steckte in der «kleinen Eiszeit», einer irrsinnig kalten Periode, die bis ins 19. Jahrhundert hinein dauerte und als die kälteste seit der Eiszeit gilt.

Weg mit der Bildersuppe

In dieser Kälte kämpfte man ums Überleben, um Wärme und Nahrung. Gleichzeitig galt das 17. Jahrhundert aber auch als goldenes Zeitalter: Holland war eine führende Kolonial- und Grossmacht, an seiner Spitze herrschten kein König, kein Adel und kein Klerus. Die katholische Kirche war weitgehend reformiert, die meisten Menschen protestantisch. Für die Maler der Zeit war das ein Segen: Keine auftraggebende Kirche mehr, die ständig die gleiche biblische Bildersuppe fordert, dafür eine selbstbewusste, wohlhabende Mittelschicht, die sich hübsche Landschaften für den Salon wünscht. Man war fasziniert von Kartografie, von der Erforschung der Natur – da passten die Künstler hervorragend hinein.

Unter ihnen auch Aert van der Neer, der Maler dieses Bildes. Über ihn ist wenig bekannt, er wurde um 1603 in Amsterdam geboren und betrieb nebst seinem Malerberuf eine Schankwirtschaft, um seine Familie über Wasser zu halten. Als Maler war er relativ erfolgreich, als Wirt weniger. Kurz vor Entstehung dieses Bildes um 1663 wurde er zahlungsunfähig und musste sein Eigentum verkaufen. Auf dem Bild ist von dieser privaten Sorge nichts zu spüren, die Menschen sind friedlich auf ihren Schlittschuhen unterwegs, auch ein populärer Sport im Land. Es gab sogar eine eigene Gilde für die Schlittschuhmacher. Die Szene ist in ein seltsam nüchternes Licht getaucht, die berühmte Wintersonne, die Gustave Flaubert zweihundert Jahre später besingen würde: «Ach die bleiche Wintersonne! Sie ist traurig wie eine glückliche Erinnerung.»

Es ist, wie es ist

Aert van der Neer zeigt die Seele des Winters. Nicht sein grausames oder sein verkitschtes Kleid, wie viele seiner Zeitgenossen es zu tun pflegten. Es gibt keine Symbole, keine Überspitzungen, keine Klischees. Es ist wie es ist: kalt und weiss und braun und ereignislos. Der Junge hatte recht: Hier gibt es nichts Aufregendes zu sehen.

Gerade deswegen gehört der Winter in diesem Bild zu den schönsten, die die Kunst zu bieten hat. Er erzählt von langen Spaziergängen, unaufgeregten Gesprächen, Behäbigkeit. Von längst vergangenen Menschen, Köpfen und Themen. Er ist ein alter Winter, und zeitlos zugleich: Der Winter, auf den wir mit jedem ersten Schneefall hoffen. Ein Sehnsuchtsmoment. Traurig – wie eine glückliche Erinnerung.