Museum Tinguely

Der Tanz um menschliche Abgründe

Dem Tod so nah: «Mengeles Totentanz» und die Zeichnungen des Franzosen Jérôme Zonder sind bis am 1. November im Museum Tinguely zu sehen.

Die Welt in Schwarz-Weiss: Grobe, riesige Gesichter und Hände von Untoten, die nach dem Betrachter greifen – daneben eine Wand voller Zeichnungen, angefertigt aus Kohle und Granitstaub. Die Welt des Jérôme Zonder, geboren 1974 in Paris, ist unheimlich und schrecklich. Seine Zeichnungen zeigen die Abgründe und Gewalttätigkeit in der Geschichte ebenso wie in der Gegenwart: Einzelbilder von rennenden KZ-Gefangenen, Soldaten und gedemütigten Menschen aus Kriegen oder zitierte Gewalt aus Kunstgeschichte und TV-Serien.

Da sind aber auch ein grosses Insektenmonster («La métamorphose») und, unter dem Titel «Kinderspiele», eine Serie mit furchtbaren Szenen: Kinder, die einander erschrecken, quälen, foltern. Zonder zeigt sie mit Fratzen oder Masken – alles in vertrauter Umgebung. «Mich interessiert die Grausamkeit des Alltags, im Grossen wie im Kleinen, in der Weltgeschichte wie in unserem persönlichen Leben», sagt der französische Künstler. Vielleicht ist es die Zusammenstellung, sind es die Verbindungen zwischen den Zeichnungen, in denen das Grauen zutage tritt.

Totentanz als Höllenvorstellung

Das Tinguely-Museum hat sich im zweiten Stock über dem Eingang zwei neue Orte geschaffen: einen Raum mit der aktuellen Sonderausstellung von Zonder – und unmittelbar dahinter, ebenso düster beleuchtet, einen zweiten Raum, in dem der «Mengele-Totentanz» (1986) von Jean Tinguely neu fest untergebracht ist.

Dieses späte Hauptwerk konnte in Basel bisher nie angemessen gezeigt werden, sagt Museumsdirektor Roland Wetzel. Nun hat die Werkgruppe in dem kapellenartigen Anbau mit schwarzem Boden und Decke ihren Platz gefunden. Im vorderen Raum plant das Museum Ausstellungen von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die dieses Tinguely-Werk reflektieren sollen.

Der 14-teilige «Mengele-Totentanz» gilt als eine seiner ausgeprägtesten politischen Arbeiten. Das Werk, für Tinguely eine «Höllenvorstellung», hat selbst eine dramatische Entstehungsgeschichte: Der Künstler rettete aus den Trümmern eines nächtlichen Grossbrands eines benachbarten Bauernhofs im freiburgischen Neyruz 1986 – «wie besessen», wie er nachher sagte –, was noch zu retten war: verkohlte Balken, versengte Viehknochen, verbogene Eisenteile. Schliesslich fand er die deformierten Scherenblätter einer Mais-Erntemaschine mit der Aufschrift «Mengele» und gab dem Werk diesen Namen. Tatsächlich stammte der berüchtigte Nazi-Arzt, der im Konzentrationslager Auschwitz Menschenversuche durchführte, aus der Familie des süddeutschen Landmaschinenherstellers.

Anklage und Verspieltheit

Aus den übrig gebliebenen Teilen, Zeugnissen des spektakulären Brands, setzte der Künstler seine bewegliche, von unten beleuchtete Installation zusammen – darunter in der Mitte eine Art Hochaltar, vier «Ministranten» und Tierschädel. Die Einzelteile des Werks bewegen sich auf Knopfdruck in einem düsteren Totenreigen, untermalt vom dumpfen mechanischen Knirschen. Wie so oft bei Tinguely haben diese bittersten Anklagen, hier gegen Nazis und Totalitarismus, auch ihre skurrilen und verspielten Seiten.

Zonder vollführt in seiner «zeichnerischen Installation» einen Tanz von Tod und Gewalt in drei Sätzen. Von Tinguely habe er die frühen Maschinen gekannt, vor allem aber das «visionäre Spätwerk» habe ihn beeindruckt, sagt der Franzose.

Und für den Schweizer Bildhauer lag damals ein Zyklus nahe, der die spätmittelalterlichen Darstellungen des Basler Totentanzes auf der ehemaligen Friedhofsmauer bei der Predigerkirche mit einer Anklage der Nazi-Gräuel verbindet. Beiden Künstlern ist gemein, dass sie die Abgründe der menschlichen Existenz – Herrschaft, Sterben und Gewalt – ins Bewusstsein rufen.

Jérôme Zonder The Dancing Room.

Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1, Basel. Bis 1. November 2017.

Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr.

Sonderöffnungszeiten während der Art Basel (12. bis 18. Juni): Mo–So, 9–19 Uhr. www.tinguely.ch

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