Eines Tages hatte Mark Wetter seine Berufung, das Theater, zusammen mit einem Adjektiv seinem Nachnamen vorangestellt – voilà, das «Theaterschöneswetter» war geboren. 20 Jahre sind seither ins Land gezogen und zurzeit steckt Mark Wetter als Schauspieler mitten in den Endproben zu seiner Produktion «Lotus», ein Theater für ein Publikum ab fünf Jahren. Geschrieben hat es Wetter zusammen mit dem gebürtigen Villmerger Paul Steinmann, der auch Regie führt. Das Duo hat schon oft auf diese Weise zusammengearbeitet. Zum allerersten Mal 1986, als die beiden «Jeda der Schneemann» und «Jeda der Soldat» am Zürcher Theaterspektakel uraufgeführt haben.

Damals war Mark Wetter 35 und hatte beruflich – vom Vermesser bis zum Theater-Tausendsassa – verschlungene Wege hinter sich. «Als ich Kind war, sind wir sehr oft umgezogen, da mein Vater Handlungsreisender war. Ich kam also immer wieder an neue, andere Orte, in andere Klassen, und entsprechend ist mir die Schule früh verleidet.» Wetter schloss eine Lehre als Vermessungszeichner ab, schaffte dann mit 23 die Aufnahmeprüfung ans Seminar Wohlen, arbeitete für seinen Lebensunterhalt abends und in den Ferien beim Bezirksgeometer und war als 27-Jähriger Lehrer. «Rasch merkte ich, dass dieser Beruf auch nicht das Wahre für mich war: Etwas mit oder für Kinder tun – super, aber nicht als Schulmeister.»

In Berlin wurde er zum «Bayer»

Auf der Suche nach beruflicher Erfüllung wurde Wetter zum Nomaden, bis er in den frühen 80er-Jahren endgültig der Faszination Theater erlag. Zuvor hatte er sich in Lenzburg niedergelassen, unter anderem ein Malatelier, eine Ludothek sowie einen Kinderbuchladen betrieben und war schliesslich Mitbegründer der Museumspädagogik auf dem Schloss Lenzburg geworden. Nach drei Jahren reiste er nach Paris. «Ich studierte drei Jahre lang an der École Jacques Lecoq, verdiente dort nebenbei Geld als ‹bricoleur› – eine Art Heimwerker – an der Theaterschule.» Mitstudenten aus Australien, Italien, den USA und Holland und Mark Wetter machten sich nach der Ausbildung auf nach Italien und zeigten als «J Platypus» an verschiedensten Festivals Improvisationstheater mit viel Bewegung und Musik. «Eines Tages aber brach die Gruppe auseinander, und ich stand da mit der Frage: Was mache ich jetzt?»

Ein Engagement «zur Birne» nach Berlin rief. «Kindertheater war in den 80er-Jahren gross im Kommen, und Berlin war mit ‹Grips›, ‹Birne› und ‹Rote Grütze› eine Hochburg. Das Genre war im Umbruch. Was heute 20 Mal hin und her überlegt wird, wurde damals einfach gemacht. Es war ein guter Lehrblätz für mich, auch wenn die Kinder wegen meines Akzentes immer gelacht und gerufen haben: ‹Der Bayer kommt.›»

Nimmermüder Kultur-Nomade

Zurück in der Schweiz liess sich Wetter nach einem Zwischenspiel mit der Wanderbühne für Erwachsene «I Pazzi» definitiv in Lenzburg nieder, wo er heute noch und seit 25 Jahren mit seiner Frau Véronique Thiévent und den gemeinsamen Kindern Philine (25), Flavie (23) und Noé (21) lebt.

Privat war Mark Wetter also sesshaft geworden – beruflich ist er ein kreativer und nimmermüder Kultur-Nomade geblieben. Er war Mitbegründer der freien Volksschule Basel, des Theaters M.A.R.I.A. Er stand dort und in anderen freien Gruppen in den unterschiedlichsten Rollen auf verschiedenen Bühnen, führte Regie, schuf Bühnenbilder und wurde Autor von zahlreichen Stücken, die ab 1995 unter dem Label «Theaterschöneswetter» produziert wurden. 1998 wurde der «Verein Theaterschöneswetter» ins Leben gerufen, der inzwischen 130 Mitglieder hat. Vor 18 Jahren hat Wetter die alljährlich wiederkehrenden Lenzburger Theatertage initiiert und den Theaterfunken in Lenzburg gezündet.

Ab Februar gibts AHV

Und jetzt will dieser unermüdliche Vollblut-Theatermensch seine Leidenschaft an den Nagel hängen? Eine schier undenkbare Vorstellung. Tatsache ist aber, dass Wetter ab Februar 2016 AHV-Bezüger ist und dass er «Lotus», das am Samstag in der Aarauer Tuchlaube Premiere hat, als die letzte Produktion vom «Theaterschöneswetter» angekündigt hat. Wetter schmunzelt: «Ganz und gar ist noch nicht Schluss. Neben ‹Lotus› sind weiterhin ‹Kubus landet›, ‹Wunder, Worte, Büchertorte›, ‹Kaschtanka› und ‹Laterna Magica› auf meinem Spielplan. Aber ich höre damit auf, Stücke selber zu produzieren. Die Kosten sind immer mehr gestiegen, die Finanzierung immer schwieriger geworden. Ich mag die enorme Verantwortung nicht mehr tragen.»

Aus Mark Wetters Mund tönt das weder weinerlich noch anklagend – nur einfach etwas müde. Aber kaum gesagt, schon brennt wieder dieses Funkeln in seinen Augen, ist er in Gestik und Mimik wieder ganz der Mark Wetter, der in den vergangenen 30 Jahren Tausenden von Kindern und Erwachsenen wunderbare Theatererlebnisse beschert hat.

Lotus: Sa, 12. Dezember, 17 Uhr, So 13. Dezember, 11 Uhr. Theater Tuchlaube Aarau. www.tuchlaube.ch