Zaubersee-Festival: Die Emotionen gehen bis zur Explosivität

Russische und französische Musik aus der Zeit um 1919 stand am Freitag im Mittelpunkt. Internationale Künstler fanden sich zu neuen Ensembles und brachten Magie in die Konzerte. Zu hören sind musikalische Kostbarkeiten in seltener Dichte.

Gerda Neunhoeffer
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Lise de la Salle und Christian-Pierre La Marca in der St. Charles Hall, Meggen. (Bild: Ingo Höhn, 24. Mai 2019)

Lise de la Salle und Christian-Pierre La Marca in der St. Charles Hall, Meggen. (Bild: Ingo Höhn, 24. Mai 2019)

Ob mittags in der St. Charles Hall, Meggen, mit Lise de la Salle und Christian-Pierre La Marca, oder abends in der Matthäuskirche, es entsteht Magie, die unter die Haut geht. Das Zaubersee-Festival bringt am Freitag mit Musik rund um das Jahr 1919 in den beiden Konzerten international herausragende Interpreten zusammen, die eine musikalische Kostbarkeit an die nächste reihen. Man wird verzaubert, erschüttert, beglückt, aufgerüttelt.

Empfindungen in allen erdenklichen menschlichen Regungen verbinden sich zu musikalischen Eindrücken, die man in solcher Dichte sonst wohl kaum finden kann. Das liegt an der Programmgestaltung, aber auch an der intensiven Spielweise von Musikern, die sich bedingungslos aufeinander einlassen.

In wenigen Takten eine umfassende Klangwelt

Die Ode für Cello und Klavier, von Alexander Tscherepnin 1919 komponiert, wirkt wie eine kurze Zusammenfassung der bekannteren Werke im Mittagskonzert «Paris-Moscou». Wie hier Lise de la Salle und Christian-Pierre La Marca in wenigen Takten eine umfassende Klangwelt erstehen lassen, ist exemplarisch für das Konzert. In «Élegie», «Sicilienne» und «Pavane» von Gabriel Fauré fächern sie die melancholische Melodik im gemeinsamen Atem wunderbar auf.

Aus Strawinskys Oper «Marva» von 1922 gibt La Marca der Arie schmelzende Ironie, während die synkopische Klavierbegleitung wie ein Perpetuum mobile darum kreist. Und in Prokofjews Marsch aus der Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» (1921) treiben die beiden Künstler die rhythmische Unerbittlichkeit fantastisch auf die Spitze.

Die Sonate für Cello und Klavier von Sergej Rachmaninoff wird von Lise de la Salle und La Marca in allen Stimmungen intensiv ausgespielt, mühelos über alle technischen Schwierigkeiten, mit denen die Sonate nur so gespickt ist. Dabei gestaltet die Ausnahmepianistin selbst die dichtesten Akkorde klar durchhörbar, was La Marcas herrlich vollem und höchst differenziertem Celloklang in allen Lagen Raum lässt. Die rhythmisch absteigende, unheimliche Tonfolge im Allegro scherzando taucht immer wieder deutlich auf, und der Wechsel zwischen romantisch elegischen Melodien und krassen Ausbrüchen gelingt packend.

Am Abend steht mit «Concerto da Camera» für Violine Solo und Streicher von Arthur Lourie ein eher unbekanntes Werk im Fokus. Alexandra Conunova spielt den Solopart exzessiv, bis an tonale Grenzen gehend. Dabei ist sie nicht alleine Solistin – in jedem Satz gibt es intensive Zwiesprachen mit einem anderen Instrument. Mitglieder des Luzerner Sinfonieorchesters, des Belenus Quartetts sowie des Pacifica Quartetts spielen diese «Duette» auf Augenhöhe, Louries Tonsprache aber klingt wie aus einer anderen Welt. Da gibt es Aufschreie, kleine Erzählungen in unbekannten Sprachen, und wie im Buch zum Zaubersee zu lesen ist: «Louries intellektuelle Fähigkeiten scheinen beim Vereinen des scheinbar Unvereinbaren keine Grenzen gekannt zu haben», so grenzenlos wirkt seine spannungsreiche Musik.

Den akustischen Rahmen der Kirche fast gesprengt

Stojan Krkuleski, Soloklarinettist des Luzerner Sinfonieorchesters, spielt drei kleine, raffinierte Solostücke von Strawinsky; Prokofjews Ouverture über hebräische Themen, ebenso 1919 für Klarinette, Streichquartett und Klavier komponiert, mischt Geheimnisvolles mit Tänzerischem. Das Pazifica Quartett reizt die vielschichtige Klangsprache in Schostakowitschs Streichquartett Nr. 7 fis-Moll von düster bis süffig aus.

Mit «Souvenir de Florence», dem Streichsextett d-Moll von Tschaikowsky, schliesst der Tag mit einer überbordenden Interpretation des orchestral wirkenden Werkes. Alexandra Conunova spielt explosiv, Cellist Christian-Pierre La Marca ebenso, und Alexandra Besa gibt den Melodien mit der Bratsche warmen Ton. Zusammen mit den tiefen Streichern des Pacifica Quartet sprengt die Klangfülle fast den akustischen Rahmen der Kirche. Gerade das geht unter die Haut.

Letztes Konzert des Zaubersee-Festivals: Steven Isserlis und Olli Mustonen, Sonntag, 26. Mai, 18.30 Uhr im Schweizerhof, Luzern.