Literatur

Die Fremden an der Strasse

Welcher Menschenschlag nimmt Leute wie ihn mit?

Welcher Menschenschlag nimmt Leute wie ihn mit?

Ein Autostopper und die Frage: Wer öffnet seine Wagentüre für Leute wie ihn? Das Buch «Allerorten» lässt seine Leser stehen.

Was sind das für Menschen, die auf die Bremse treten, wenn sie einen Autostopper mit Schild an der Strasse stehen sehen? Die fremden Leuten die Autotür öffnen, sie für ein paar Stunden neben sich sitzen lassen? Würde man, wenn man genau diese Menschengruppe an einem Ort versammelte, einen besonderen Menschenschlag entdecken?

«Keine Angsthasen», denkt der namenlose Anhalter, Hauptfigur im Roman «Allerorten» von Sylvain Prudhomme, als er sich ein gemeinsames Fest all der Tausenden vorstellt, die ihn schon mitgenommen haben.

Unser Anhalter ist ein besessener Sammler von Begegnungen. Mit einer Polaroidkamera sorgt er dafür, dass sie ihm nicht wieder verloren gehen, er sammelt, schickt die Bilder nach Hause, und, wer weiss, vielleicht wird er seine Fahrer wirklich einmal alle zu einem Fest versammeln?

Auch zuhause verfügt er über einen freundlich-unbeschwerten Stil. So spielt er mit seinem Sohn Agustìn, so sitzt er mit Marie, die er liebt, am Tisch. Bis es ihn zuhause nicht mehr hält und er sich, fast wie unter Zwang, wieder an die Strasse stellen muss.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Sacha, einem alten Freund des Anhalters. Sie waren in ihren Zwanzigern zusammen gereist. Nun ist Sacha in den Vierzigern, und mietet sich zum ungestörten Schreiben an einem Ort ein, ohne zu wissen, dass der Anhalter hier mit seiner Familie lebt. Ein rätselhaftes Beziehungsdreieck entsteht zwischen dem Schriftsteller Sacha, dem Anhalter und Marie.

Preisgekrönt, jedoch zu konstruiert und aufgesetzt

Wie einer vorherbestimmten Mechanik folgend, bewegt sich der Anhalter aus dem Familiennest heraus, macht gleichsam den Platz frei, den Sacha mehr und mehr einnimmt. Aber warum ist das so? Und wie kann es sein, dass sich diese Dynamik zwischen Menschen abspielt, die permanent als «lächelnd» oder «lachend» beschrieben werden? Obwohl Konflikt, auch Trauer, kurz angedeutet werden, scheint keine der Figuren und Beziehungen durch einen seelischen Prozess zu gehen; scheinen Prozesse gar keine Rolle zu spielen.

Sachas Wiederbegegnung mit dem Anhalter wirft zunächst Neugier und Spannung auf. Für den Roman gab es 2019 den «Prix Fémina». Bald schon aber wirkt alles konstruiert – das geheimniskrämerische Verschwinden des Anhalters springt ebenso aus dem Hut wie die Liebe zwischen Sacha und Marie. Und auch die Fotos, die der Anhalter vom geräumten Flüchtlingslager Calais schickt, wirken leider aufgesetzt. Und so fällt die anfängliche Spannung in sich zusammen.

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