Patricia Highsmith

Die Grossmeisterin des psychologischen Thrillers, ist mit frühen Erzählungen zu entdecken

Patricia Highsmith.

Patricia Highsmith.

Niemand hat je so kurze Psychothriller geschrieben wie Patricia Highsmith (1921 – 1995). Der neue Sammelband «Ladies» bietet Short Stories aus ihrem Frühwerk – und eine wichtige Erkenntnis: Den Schlüssel zur menschlichen Seele besass sie von Anfang an.

«Die ersten Flammen züngelten blass und begierig, dann wurden sie gelb, mit rötlichen Streifen. Während Lucille zusah, wich der Druck, der auf ihrem Körper und Geist lastete, von ihr und verschwand für immer – er wich der Konzentration und der Anspannungen eines Sprinters, der auf den Startschuss wartete. Bevor sie zu Hilfe eilte, würde sie die Flammen bis hinauf zum Kinderzimmerfenster wachsen lassen, damit die Gefahr möglichst gross wäre.»

Das nächtliche Feuer hat Lucille selbst gelegt, nachdem sie aus New York aufs Land gezogen war und bei der gut situierten Familie Christiansen als Kindermädchen angefangen hatte. Nicht aus Neid oder weil man sie schlecht behandelt hätte, nein: aus Dankbarkeit. Um zu zeigen, wie dankbar sie ist, will sie etwas Grosses vollbringen und die schlafenden Kinder aus der Feuersbrunst retten. Ob ihr das gelingt, erzählt Patricia Highsmith nicht; wie viele ihrer Geschichten hört «Die Heldin» mitten im Geschehen auf.

Sie war eine frühreife Leserin

Unbefriedigend für die Leserinnen und Leser? Mitnichten. Nach 20 Seiten ist man mit dieser Heldin so sehr identifiziert, dass man selber weiterfantasiert, getrieben vom Wunsch, die Sache gut ausgehen zu lassen. Dabei ist man ebenso sicher, dass es kein gutes Ende nehmen kann mit Lucille. Denn sie ist, was unter Umständen wir alle sein könnten: ein Mensch, der zu nahe an die eigenen Abgründe geraten ist. Warum, erzählt die Autorin mit wenigen, skizzenhaften Strichen, die ein ganzes, früh verpfuschtes Leben umreissen.

Patricia Highsmith, in den Zwischenkriegsjahren mit Mutter und Stiefvater in New York aufgewachsen, fand schon als Kind Gefallen an Allzumenschlichem. Mit acht Jahren las sie das psychiatrische Werk «The Human Mind», das sie im elterlichen Bücherregal aufgestöbert hatte. «Es waren Fallgeschichten – Kleptomanen, Pyromanen, Serienmörder – praktisch alles, was mental falsch laufen konnte», erinnerte sie sich später, «ich merkte, dass diese Leute äusserlich völlig normal aussahen und bemerkte, dass ich von solchen Menschen umgeben sein könnte.» Dies ist die verstörend ambivalente Ausgangslage, die das Gesamtwerk dieser Autorin prägt, wobei die Normalität ein fadenscheiniger Stoff ist, der Einblicke ins Dunkel der Seelen gewährt.

«Die Heldin», von Highsmith mit 20 Jahren verfasst, erschien 1945 im Magazin «Harpers Bazaar» – so begann ihre Karriere. Später wurde der Text in diverse Anthologien aufgenommen. Doch nicht alle Geschichten im neuen Sammelband «Ladies» sind schon in Buchform erschienen; einige sind auch auf Deutsch erstmals greifbar. Fans, die sich nun auf das noch wenig bekannte Material stürzen, werden schnell merken: Es war alles schon da, von Anfang an. Der Kinderfreund mit unfreundlichen Absichten; die Turnlehrerin mit Freude am Drill; die Nonnen, die einen Jungen als Mädchen im Kloster aufziehen; der Schneckenforscher, der von seinen Viechern zur Schnecke gemacht wird. Sex, Suspense, Gewalt und Gruseliges – aber alles psychologisch sublimiert.

Ihre Short Stories bieten jede Menge filmreifen Stoff

Kein Wunder, hat Alfred Hitchcock die unerschrockene Autorin schon früh als Lieferantin filmreifer Stoffe entdeckt. 1951 kam seine Adaption ihres Thrillers «Fremde im Zug» ins Kino und machte sie berühmt. Wenig später erschuf sie den wohl bekanntesten ihrer Helden, dem sie in fünf Bänden bis 1991 die Treue hielt: Tom Ripley. Dieser nimmt die Identität eines reichen Freundes an und wird zum mehrfachen Mörder, um sein schönes falsches Leben aufrechtzuerhalten. Dreimal wurde der Ripley-Stoff verfilmt, in der Hauptrolle: Alain Delon (1960), Dennis Hopper (1977) und Matt Damon (1999). Sie alle haben darzustellen versucht, was Highsmith’ mehr interessiert als die moralische Frage nach der Schuld oder die simple Auflösung eines Krimi-Plots: die inneren Beweggründe, die gewöhnliche Menschen zu aussergewöhnlichen Taten treiben, das tief Verborgene.

So entgeht selbst dem Psychiater in der «Ladies»-Geschichte «Mrs. Afton», dass seine Patientin nicht Opfer ihres fanatischen Ehemannes ist, sondern ihrer Einbildung, überhaupt einen Ehemann zu haben. Wie Ripley ist auch Mrs. Afton in eine falsche Identität geschlüpft und wünscht sich dabei nur eins: entdeckt zu werden. Gesehen zu werden als diejenige, die sie wirklich ist.

Patricia Highsmith Ladies. Frühe Stories. Diogenes, 305 S.

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