Museum Tinguely

Die romantischen Punks: Steiner&Lenzlinger mit umfassender Werkausstellung

Das Künstlerpaar Steiner&Lenzlinger zeigt in Basel die bisher umfassendste Ausstellung über sein Werk. In ihr wird sichtbar, was dieses chaotisch-fröhliche Universum im Innersten zusammenhält.

Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger sind die Punks der Romantik. Letzteres bedeutet, klassischen Formen den Rücken zu kehren und aus dem eigenen Leben zu schöpfen, vor allem aus den Kräften, die der Natur innewohnen. Der Punk wiederum ist ein nonkonformistisches Wesen, ein Rebell gegenüber den spiessigen Zumutungen der Gesellschaft.

Seit 1997 arbeitet das Künstlerpaar konsequent an seinem Bilderkosmos. Entstanden ist über 20 Jahre ein Gesamtkunstwerk, das die beiden Künstler Ausstellung für Ausstellung und Reise für Reise erweitern. Ihre Installationen sind mal luftige, schwebende Gärten, mal wuchernde, dunkle Dschungel, in denen sich die Grenzen zwischen Natur und Zivilisation aufheben. Sie begeistern mittlerweile ein weltweites Publikum von Melbourne bis Rio de Janeiro, von Tokyo bis Rotterdam.

Steiner&Lenzlinger zeigen nun im Museum Tinguely in Basel ihre bisher umfassendste Schau. In ihr wird sichtbar, was dieses chaotisch-fröhliche Universum im Innersten zusammenhält.

Labyrinth mit drei Türen

Die Ausstellung ist als Labyrinth angelegt. Zufall ist hier Ordnungsprinzip. Das zeigt sich bereits am Eingang. Der Besucher hat die Wahl zwischen drei Türen. Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ? Es ist ihm freigestellt. In der Vergangenheit begegnet er frühen Werken, auch aus der Zeit vor der Zusammenarbeit der Künstler. Ironisch inszenieren sie sich als klassisches Künstlerpaar.

Hier sind die Formen bereits angelegt, die das Werk durchziehen: Jörg Steiner liess bereits früh Kristalle wachsen, versuchte, Ameisen Bilder malen zu lassen, oder versenkte Spielzeugautos in Benzin, wo sich sich langsam auflösen. Gerda Steiner hat es wie Lenzlinger mit dem abgründigen Witz, aber auch mit Kreisen: Sei es als Einschusslöcher in einer Schallplatte, sei es in einem Video, ich welchem Punkte und Kreise ein klassisches Ornament auflösen oder in den Klebpunktebildern, die thailändische Brautbilder verfremden.

Beim Betreten der Gegenwart empfängt eine Sekretärin mit arg verwilderten Fingernägeln. Sie lotst die Besucher ins «Institute de beauté» namens «Wabi Sabi». Hier kommt ein weiteres Merkmal diese Künstler zum Tragen. Sie lösen die Schranke zwischen Betrachter und Kunstwerk auf. Das Publikum wird durch unterschiedlichste Kammern des Schönheitssalons geführt. Wie bereits vor einigen Jahren in Japan werden auch in Basel die Tränen der Besucher gesammelt. Mikroskopisch vergrössert sind sie ein Bilduniversum für sich.

Weiter gibt es eine «Schluckimpfung mit einem Schönheitsvirus», einen Diagnostikraum, wo einem per Stimmerkennung die innere Blume zugeteilt wird. Oder da ist der Überwachungsraum, der Hühner, Mäuse oder Turmfalken im Zuhause der beiden Künstler in Langenbruck zeigt.

Nach diesem Parcours darf man sich eine Pause am Vitamin-Brunnen gönnen. Ein Wink an die Museumsbesitzer des Chemiekonzerns Roche, genauso wie die Vitrine mit Kopfwehmitteln. Wer sich ausruhen will, kann dies unter einem Meteoriten oder einem Mobile aus Ersatzteilen, also Gebissen, Herzschrittmachern und Brillen tun.

Der grösste Raum gehört der Zukunft. Hier kommt eine der Fitnessmaschinen zum Einsatz, welche die Künstler bereits für die Biennale von Melbourne entwickelt haben. Sie bewegt einen raumfüllenden Wald, während aus den Kühlboxen die Stimmen jener Tiere dringen, die wir dort als Vorrat konservieren. Daneben wuchert einer von Lenzlingers Kristallgärten. Farbige Gebilde, die wie in einer Tropfsteinhöhle vor sich hinwachsen.

Die innere Verwilderung

Steiner&Lenzlinger sind zweifelsohne die humorvollsten Schausteller im hiesigen Kunstbetrieb. Aber sie sind auch die Naturphilosophen der Stunde. In ihrer Kunst ist alles dem Wandel unterworfen. Nicht die perfekte Form verkörpert Schönheit, sondern das unkontrolliert Wuchernde, das bereits Beschädigte, Unfertige. Die allem Lebenden innewohnenden Kräfte sind mächtiger als die Form.

Die Künstler plädieren dafür, Geist und Herz doch wieder etwas mehr verwildern zu lassen. Angesichts der Ausweglosigkeit hilft vielleicht die Rückkehr zum Spiel. Aber bitte ohne Pathos. Nicht umsonst heisst eines ihrer Werke «Die Zahnschmerzen der Romantik.»

«To early to panic» Die Ausstellung wird am Dienstag, 5. Juni, um 17 Uhr mit einem Sommerfest eröffnet. Sie dauert bis am 23. September. Museum Tinguely, Basel.

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