Gleichstellung
Eine Studie belegt: Die Schweizer Kultur ist männlich

Eine Studie der Universität Basel im Auftrag von Pro Helvetia zählt die Frauen in Schweizer Kulturbetrieben – es sind wenige.

Anna Raymann
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Tanz & Kunst Königsfelden wird mit Brigitta Luisa Merki von einer Frau geleitet. Das ist für die Schweizer Bühnen nicht selbstverständlich.

Tanz & Kunst Königsfelden wird mit Brigitta Luisa Merki von einer Frau geleitet. Das ist für die Schweizer Bühnen nicht selbstverständlich.

Alex Spichale

Bisher war es ein Gefühl, ein Unbehagen, dass es in der Schweizer Kulturbranche die Männer sind, die den Ton angeben. Welche Bücher werden rezensiert? Wann sah man zuletzt eine Frau als Haupt-Act auf der Festivalbühne, wann sah man sie den Taktstock heben oder den Spielplan verlesen? Eine Studie aus dem Zentrum Gender Studies der Universität Basel hat nun aufgetragen von Pro Helvetia in allen Sparten und in allen Landesteilen nachgezählt.

Und so viel vorab: Die Zahlen sind eindeutig, die Zahlen sind tief – die Zahlen überraschen nicht. Knapp 29 Prozent der strategischen Leitungspositionen belegen Frauen, die Intendanz ist in 35 Prozent der befragten Festivals und Kulturhäusern weiblich. Die Geschäftsleitungen sind allerdings mit einem Frauenanteil von 42 Prozent annähernd ausgeglichen besetzt.

Ein Drittel ist nicht ein Drittel

Über alle Sparten hinweg werden die Entscheidungen also zu etwa einem Drittel von Frauen getroffen. Der Blick ins Detail legt die Ausreisser offen: Literaturfestivals werden gar öfters von Frauen als von Männern geführt, während es unter den befragten Musikhäusern keine einzige Intendantin gibt.

Unterschiede gibt es aber nicht nur zwischen den Sparten. Auch beim Lohn zeichnet sich eine Schere ab. Je grösser die Institution ist, desto weniger Frauen gibt es auf den Chefetagen, hält die Studie fest und zitiert dazu anonymisiert eine befragte Person: «Bei den kleinen Museen, bei denen es um wenig Geld geht, dort sind viel mehr Frauen an der Spitze. Bei den Museen, bei denen es um richtig viel Geld geht, da sind die Frauen noch immer in der Minderzahl.» Es sind die kleinen Häuser, die sich mit familiären Pflichten besser vereinbaren lassen, das gilt auch (noch) für die Kulturbranche, die sich selbst gerne progressiver sehen würde.

Schlechte Noten für die Musik

Was sich auf den Leitungspositionen abzeichnet, spielt sich auch auf den Bühnen ab: Auf ihnen tanzen, solieren und lesen zwar annähernd gleich viele Frauen wie Männer. Dennoch herrsche nach wie vor ein Kult um das «männliche Genie». Lediglich 15 Prozent der aufgeführten Theaterstücke schrieben Autorinnen, Kompositionen von Frauen verschwinden in der Klassik mit nicht einmal 2,5 Prozent. Das mag man teilweise mit historischen Entwicklungen begründen können, es entschuldigt aber nicht, in Zukunft daran nichts zu ändern. Geradezu still wird es um die Frauen bei Pop-, Rock- und Jazz-Konzerten, maximal 12 Prozent sind Künstlerinnen. Beim Anblick der Festival-Line-Ups schrieb vor zwei Wochen die Schweizer Exportmusikerin Sophie Hunger im deutschen «Spiegel», sie lese darin die Botschaft: «Die Welt findet ohne Frauen statt. Ihr könnt jetzt nach Hause gehen oder kommen, um uns anzuhimmeln.»

Die Auswertung bestätigt nicht nur das Unbehagen, sondern wagt auch zu hoffen. Diese erste Zählung als Vorstudie für weitere Erhebungen bestätigt die Arbeit all der neu gegründeten Netzwerke, die Frauen in ihren Sparten fördern. Mit «Helvetia rockt» in der Musikbranche oder «Female Act» fürs Theater gehen die Schweizer Künstlerinnen das Problem bereits selbstbewusst an.