Musik

Diese Künstlerin produzierte ihr neues Album in Eigenregie – das hat sich gelohnt

Marla Glen musste jahrelang untendurch. Jetzt ist die 60-Jährige zurück.

Marla Glen musste jahrelang untendurch. Jetzt ist die 60-Jährige zurück.

Marla Glen war ein Opfer des Pop-Business. Nun hat sie alles unter Kontrolle. Das beweist «Unexpected», ihr erstes Album seit neun Jahren.

Das Musikbusiness hat es mit Marla Glen nicht gut gemeint. Ihre Geschichte erzählt von den Schattenseiten des Pop. Es ist die Geschichte einer vertrauensseligen, gutgläubigen Musikerin, die von geldgierigen Managern ausgenützt, getäuscht und betrogen wurde. Eine Geschichte aber auch, wie es sie in diesem Geschäft der Blender und Angeber hundertfach gibt.

Von dem Geld, das Marla Glen zugestanden hätte, als sie in den 90er-Jahren mit maskuliner Stimme, Männerkleidern und Hut über Nacht zum Star avancierte, sah sie nicht viel. «Ich vertraue zu schnell», sagt sie. Und auch ihr letztes Album «Humanology», das vor neun Jahren erschien, soll über ihren Kopf hinweg erschienen sein.

«The Cost Of Freedom» heisst ihr grösster Hit von 1993. Für ihre Freiheit hat Marla Glen einen hohen Preis bezahlt. Aber sie hat nie aufgegeben. Wie könnte sie? Musik ist ihr Leben. Doch sie hat einiges geändert. Für ihr neues Album «Unexpected» hat die inzwischen 60-jährige Musikerin, die heute in Deutschland lebt, deshalb konsequent auf Eigenregie gesetzt. Kaum zu glauben: «Unexpected» ist das erste Album, bei dem sie das Sagen hatte.

, sagt sie,

. Eine wichtige Rolle spielt dabei Keyboarder und Bandleader Bruno Seletkovic, der Marla so unterstützt, dass sie sich auf die Musik und den kreativen Prozess konzentrieren kann.

Viele Fans in der Schweiz

Gerade in der Schweiz hat Marla Glen über die Jahre eine grosse Anhängerschaft bewahren können. Auch als sie untendurch musste. Hier konnte man sich an Konzerten immer wieder davon überzeugen, dass sie trotz der Rückschläge nichts an Ausdruckskraft verloren hat. Live ist Marla Glen eine Wucht. Zuletzt in der ausverkauften Mühle Hunziken in Rubigen. «I feel like coming home», sagte sie dort ­gerührt. Die sensible, verletzliche ­Sängerin braucht Nestwärme, ein funktionierendes, ihr wohlgesinntes Umfeld, um sich künstlerisch voll entfalten zu können.

Dass das Umfeld stimmt, beweist jetzt auch das Album «Unexpected». Ein selbstbewusstes Statement einer unabhängigen Musikerin, die wieder Tritt gefasst hat und sich nichts vorschreiben lassen will. Die in Chicago geborene Amerikanerin ist eigentlich eine Bluessängerin. Doch sie will sich stilistisch nicht einschränken. «Unexpected» («unerwartet») ist also nicht nur ein Fingerzeig, an jene, die sie abgeschrieben hatten, sondern auch ein Hinweis auf den unerwartet breiten Stilmix.

In geschmackvolle Arrangements gepackt hören wir Funk («Prove All Your Lovin»), 70er-Disco («Groove That Thang»), Reggae («Ordinary»), Blues («I Pity The Fool»), Country («Smoking Joking Laughing»), Soul («No Reasons»), Rock («What Time Is It Your Love»), afrikanische Anleihen («Who’s The Blame»), karibische Rhythmen (Hey) und jazzige Referenzen («I Don’t Care»). Bei all dem Stilmix gelingt es ihr, nie beliebig zu klingen. Zu ausdrucksstark, zu prägend ist ihre verrauchte, tiefe Stimme, ihr Timbre. Die Musik groovt, treibt. Und zum Schluss überrascht sie noch einmal mit der bewegenden Ballade «Forever And Ever». Marla Glen geniesst ihre neu gewonnene künstlerische Freiheit, lebt sie.

Tipp:
Marla Glen «Unexpected» (Mohr Publishing/Soulfood»)
Live: 13. Juni Mühle Hunziken, Rubigen

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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