Digitale Museen
Die Kunst im Ohr: Podcasts liegen auch bei Schweizer Museen im Trend

Immer mehr Museen schicken ihre Ausstellungen über Podcasts in die Wohnzimmer ihres Publikums. Das Angebot ist da, doch manchmal fehlt der Mut zur neuen Form.

Anna Raymann
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Ein Podcast über die weitgereiste Annemarie Schwarzenbach.

Ein Podcast über die weitgereiste Annemarie Schwarzenbach.

zvg

Die Kunst ist etwas fürs Auge. In der Regel erfahren wir sie in den ehrwürdigen Hallen eines Museums in Gold gerahmt oder in Stein gemeisselt auf einem Sockel. Wir staunen über die präzisen Linien und Dreiecke bei Sophie Taeuper-Arp, über die lustig drehenden Räder bei Jean Tinguely und die kräftigen Farben im Video einer Pipilotti Rist.

All diese Eindrücke entfallen bei einem Podcast. Dennoch hat der Trend, der von den USA nach Europa und mit Verspätung auch in die Schweiz schwappte, die hiesigen Museen erreicht. Das Landesmuseum in Zürich hat gleich mehrere, das Stapferhaus in Lenzburg geht in die zweite Runde, aber auch das Kunstmuseum in Basel hat sich auditiv ausgetobt. Und nachdem das Zentrum Paul Klee in Bern bereits Paul Klee auf seine Reisen verfolgte, ergründet eine Serie in fünf Folgen das Schaffen der schillernden Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach.

Annemarie Schwarzenbach beim Denken zuhören

Der Podcast vertieft die Ausstellung «Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin». Der Kurator Martin Waldmeier unterhält sich mit verschiedenen Experten, der Herausgeberin Sofie Decock und dem Grossneffen Alexis Schwarzenbach. Sie erzählen von ihren Reisen in den Iran, die USA oder den Kongo. Sie sprechen über sie als Pionierin und Verwandte inmitten der Spannungen und Konflikte der 1930er-Jahre. Am spürbarsten wird Annemarie Schwarzenbach dort, wo sie selbst zu Wort kommen darf. Fragmente aus Tagebüchern und Romanen tragen Hörerinnen und Hörer unmittelbar in Schwarzenbachs Gedankenwelt.

Man muss nicht zwingend den Weg in den Glaswellen des Zentrums Paul Klee finden, um dem Blick der Annemarie Schwarzenbach zu folgen. Die Serie trägt auch ohne Museumsbesuch. Ist denn der Podcast ein weiteres Alternativprodukt der Corona-Pandemie? Ein Ersatz für ausfallendes Rahmenprogramm?

Das Radiostudio im Museum

Die Museen setzen sich ihr Publikum mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen ins Ohr. Über Schwarzenbach diskutiert man auf hohem Niveau. Im Stapferhaus plaudert man in «Geschlechterfragen» auch mal intim über Kindererziehung. Solche Gespräche sind rein technisch simpel produziert. Zwei Mikrofone und ein solides Schnittprogramm holen Audioformate aus dem Radiostudio in die Museumsräume.

Doch gerade diese rücken im Talk-Format in den Hintergrund. Text statt sinnlicher Erfahrung. Wohl kann man Bilder im Podcast nicht zeigen, doch könnte man versuchen, sie vor dem inneren Auge der Hörerin nachzuzeichnen. Gelungen ist das etwa dem Basler Kunstmuseum mit «Rembrandt Habibi». Die Moderatorin Amina Aziz verwebt lässig Expertinnenstimmen mit Soundeinlagen und Found Footage. Aus dröger Theorie zu Kolonialgeschichte und Restitutionen werden bildhafte Erzählungen.

Podcasts haben vor allem als Informationsmedium durch Corona einen Aufschwung erlebt. Gut ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hört inzwischen regelmässig Podcasts. Auf den gängigen Portalen buhlt das kostenlose Angebot um Aufmerksamkeit des Publikums. In die Charts schafft es da der Museumsbesuch via Kopfhörer kaum. Doch in der Nische liegt die Kraft – dieser Winkel des Internets sollte Experimente und neue Formate erlauben.

«Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin», Zentrum Paul Klee. «Rembrandt Habibi», Kunstmuseum Basel und «Geschlechterfragen», Stapferhaus Lenzburg mit Radio Argovia