Drei Erkenntnisse aus Cannes
Das Kino ist zurück – und wie

Stars, Badegäste, ein Virus: Das Filmfestival von Cannes hat Glück beim Timing. Und zeigt, wohin die Reise geht bei grossen Kulturanlässen. Drei Erkenntnisse – auch für die Schweiz.

Daniel Fuchs, Cannes
Daniel Fuchs, Cannes
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1. Die Kinokultur lebt, der Hunger des Publikums ist gross

Tilda Swinton, Adam Driver, Oliver Stone. Die Liste ist erweiterbar. Nach einem Jahr Zwangspause ist die internationale Kinofilmbranche wieder in Cannes versammelt. Und feierte in den letzten anderthalb Wochen ihre Wiederauferstehung.

Bella Hadid anlässlich der Premiere von «Three Floors».

Bella Hadid anlässlich der Premiere von «Three Floors».

Bild: Brynn Anderson/AP

Neben Adam Drivers angezündeter Zigarette im Saal, Timothy Chalamets Silberanzug oder Bella Hadids Goldausschnitt auf dem roten Teppich gaben vor allem Filme zu reden. Paul Verhoeven («Basic Instinct») hinterliess mit der Historienverfilmung einer lesbischen Nonnenliebe, «Benedetta», Eindruck und ein paar erregte Gemüter. Wes Anderson war auch da mit seinem neuen Film «The French Dispatch» und einem beispiellosen Star-Aufgebot um Chalamet und Swinton, dessen Cannes-Auftritt für Aufsehen sorgte, auch auf Twitter.

Mindestens ebenso gut kamen kleinere Filme an. Etwa «Titane» über eine androgyne Frau, die nach einem Unfall im Kindesalter Titan implantiert bekommt und sich selbst in eine Art Titan-Monster verwandelt. Klingt verrückt, auch etwas grausam und abstossend. Ist es auch. Doch ob als sexy Tänzerin oder als Schwangere, die ihre Brüste und den Bauch korsettiert, um als Mann durchzugehen – Hauptdarstellerin Agathe Rousselle ist eine Wucht und läuft – leider nur in der französischsprachigen Schweiz – bereits dieser Tage im Kino an. Dafür gab es stehende Ovationen, wie für viele andere auch, herausgestrichen sei an dieser Stelle das sehr, sehr lustige und mitreissende Biopic über Céline Dion «Aline».

Ein paar Trailer:

Erregte Gemüter: «Benedetta».

Quelle: Youtube

Wes Adersons neuester Streich: «The French Dispatch».

Quelle: Youtube

Blanker Horror: «Titane».

Quelle: Youtube

Feuchte Augen: «Aline».

Quelle: Youtube

Neben dem Gedränge um den roten Teppich gab es die in Europa seit langem best besuchten Kinovorstellungen. In Frankreich gibt es keine Kapazitätsbeschränkungen mehr, im Kinosaal herrscht Maskenpflicht. Doch der Festivaltross, gleichzeitig mit der zu Ende gehenden Fussball-EM und den beginnenden Ferien der Franzosen bedeuteten in Cannes volle Gassen, volle Strände, volle Brasserien. Die vielen Gästegruppen gemischt mit dem Virus: ein toxischer Cocktail.

Für diese Erkenntnis muss man nicht zwei Wochen abwarten, wenn Zahlen auf einen Cannes-Corona-Cluster hindeuten könnten.

2. Wenn schon Schutzkonzept, dann bitte konsequent

Das französische Küstenstädtchen war in den letzten Tagen so etwas wie das Sinnbild des Pandemiesommers 2021 in Europa. Hier kamen Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Badetouristen, VIP’s, Festivalbesucher, Geimpfte, Ungeimpfte. Höchstens von einer Handvoll positiv ausgefallener Tests war jeweils die Rede. Trotzdem: Léa Seydoux, der französische Star mit Auftritten in gleich vier Cannes-Filmen, musste zu Hause in Paris bleiben, nachdem sie positiv auf das Virus getestet worden war.

Cannes sollte zum sicheren Filmfestival werden. Festivalgäste, die noch über einen ungenügenden Impfschutz verfügten, müssten alle 48 Stunden zum Test, hiess es. Ohne gültiges Covid-Zertifikat also kommt niemand in die Veranstaltungen des Filmfestivals. So das Versprechen an die Besucher, die Öffentlichkeit, die Behörden im Vorfeld.

Klingt gut, wurde aber nicht eingelöst. Denn das Coronazertifikat musste nur gerade für den Eintritt in den zentralen Palais mit Veranstaltungsorten vorgezeigt werden – und nicht einmal dort immer. Für sämtliche andere Kinos, verteilt über die ganze Stadt und ein neues Multiplex ausserhalb von Cannes war kein Covid-Zertifikat nötig.

Zwischenzeitlich gingen Gerüchte über einen Abbruch herum.

Die Veranstalter halten sich an die Vorgaben aus Paris. Konsequenz wäre aber etwas anderes. Nicht alle Kinos waren voll. Nicht nur mit der Zertifikatspflicht nimmt man es in Cannes eher leger, Corona rückte auch im Saal in den Hintergrund. Etwa, wenn das Publikum im nicht so gut besuchten Kino gebeten wird, für bessere Fotos zusammenzurücken. Erübrigt sich eigentlich die Bemerkung, dass ein Schutzkonzept keinen Schutz bietet, wenn es nicht umgesetzt wird.

3. In der Kultur kommt die Impfpeitsche

Erst waren es die Menschentrubel anlässlich der EM, nun, mit den Bildern des Gedränges an der Côte und in anderen gut besuchten Ferienregionen zweifelt wohl niemand mehr an einer vierten Pandemiewelle. Ob die Bilder die französische Regierung beeinflusst hatten, ehe Präsident Macron Anfang Woche neue Massnahmen bekannt gab? Jedenfalls geht Frankreich voran. Für Angestellte im Gesundheitssektor kommt die Impfpflicht, Kino-, Konzert- oder Theaterbesuche sollen ohne Zertifikat nicht mehr möglich sein.

Nach der französischen Coronaleine – die Franzosen litten während der Lockdowns unter scharfen Massnahmen – knallt Macron nun mit der Impf-Peitsche. Sanfter Druck jedenfalls sieht anders aus.

Was heisst das für Schweizer Festivals und Grossanlässe? Im August steht in Locarno das Filmfestival an, Ende September in Zürich das ZFF. Letzteres fand letztes Jahr statt, knapp bevor die zweite Coronawelle über die Schweiz schwappte. Dieses glückliche Timing hat heuer Cannes. Locarno und das ZFF werden wahrscheinlich trotzdem stattfinden.

Mit steigenden Zahlen und den Erfahrungen in Cannes wird immer wahrscheinlicher, dass auch für Schweizer Veranstaltungen bald Impf- oder Testpflicht herrscht. Und das wäre erst einmal gut so.