Theater

Echo der Ausnahmesituation: Bunkermentalität wird Alltag

«Ich hoffe, das Draussen ist nur in den Ferien.» Das Kollektiv GKW spürt unserer Abschottungsmentalität nach.

«Ich hoffe, das Draussen ist nur in den Ferien.» Das Kollektiv GKW spürt unserer Abschottungsmentalität nach.

Das Theaterkollektiv GKW arbeitete an einem Projekt über die Verschanzungstradition der Gesellschaft – mit überraschenden Folgen.

«Ist meine Welt so klein», singt eine Männerstimme, die mit Klavierbegleitung per Audiostream in den heimischen Einpersonen-Zuhörerraum schallt. Eine Frau beschreibt ihr Zimmer, in welchem sie sich seit fast fünf Wochen befindet: «Sechs Paar Socken, ein Glas Wasser.» Eine andere Stimme sagt: «Ich erinnere mich nicht mehr, wie es vorher war.» Und: «Ich hoffe, das Draussen ist nur in den Ferien und kommt wieder zurück.»

Es sind Sätze und Gedanken, die einem in dem durch die Coronapandemie auferlegten Lockdown-Dasein durchaus bekannt vorkommen können – auch wenn man sie vielleicht nicht ganz so poetisch verklausuliert und hintersinnig formuliert hat. Es ist ein Echo der Ausnahmesituation, der fast die ganze Welt unterworfen ist: in der Abschottung oder Bunkermentalität als Überlebensstrategie.

Wohnzimmerkonzerte und Küchenlesungen

Künstlerinnen und Künstler von überall her, aus allen Sparten haben es sich vor dem Hintergrund, dass ihnen die Auftrittsmöglichkeiten genommen worden sind, zur Aufgabe gemacht, mit dieser Situation zu spielen, sie zu hinterfragen, sie kreativ oder performativ zu verarbeiten. Sie veranstalten Wohnzimmerkonzerte, Küchenlesungen, illustrieren Plakate oder malen Bilder.

Aber nur wenige sind – oder besser: waren – wohl so nahe dran wie das Theaterkollektiv rund um Moïra Gilliéron, Ariane Koch, Zino Wey, kurz GKW, aus Basel und Berlin. Die interdisziplinär agierenden Theaterleute, die sich selber in einem künstlerischen Raum zwischen Metaphysik und poetischer Science-Fiction verorten, sind von den Ereignissen nicht nur situativ eingeholt und überrollt, sondern inhaltlich überholt worden.

«Wir arbeiteten seit gut anderthalb Jahren an einer szenischen Installation über die Verschanzungstradition, die Abschottungsmentalität und das Schutzbedürfnis unserer Gesellschaft», sagt Zino Wey am Telefon. Ursprünglich sei eine Langzeitperformance in vier Basler Bunkern geplant gewesen, die durch eine Audiospur miteinander verbunden gewesen wären. Diese Bunker sind nun aber physisch nicht betretbar oder mit anderen Worten: Das Projekt mit dem Titel «Drei neue Bunker» landete im metaphysischen Bunker.

Das Theaterkollektiv GKW legte die Hände nicht in den Schoss, sondern machte weiter. «Uns wurde schnell klar, dass wir daraus etwas entwickeln müssen», sagt Wey, «und zwar jetzt und nicht erst in einem Jahr.»

Zino Wey sitzt während des Telefongesprächs in einem provisorisch eingerichteten Hörspielstudio im Kleinbasel. Zusammen unter anderem mit dem Komponisten und Medienkünstler Lukas Huber. Andere Beteiligte sind zwischen Basel, Berlin und Marokko weit verstreut und gefangen in ihren Home Studios und Bunkern.

GKW hat die ursprünglich geplante Produktion nicht einfach ins Web verschoben. «Wir haben Textfragmente aus der ursprünglichen Fassung übernommen, aber vieles ist gezwungenermassen neu», sagt Wey.

Neu ist vor allem der Hintergrund des Settings. Das Schutzbedürfnis, das bei der ursprünglich künstlerisch befragten Verschanzungstradition seinen Hintergrund in einer subtilen und historisch gewachsenen Mentalitätsfrage hat, ist mit Corona zum persönlichen Rettungsanker mutiert. Man schottet sich nicht mehr aus Tradition, sondern aus einer mehr oder weniger greifbaren Notsituation heraus ab.
Die erste, knapp eine Viertelstunde kurze Folge des Hörstücks – Zino Wey spricht lieber von «Hör-Archiv» – ist denn auch sehr von persönlichen Empfindungen beziehungsweise Empfindungs-Versatzstücken geprägt. «Es sind assoziative Gedanken von uns, die wir ja ebenfalls direkt betroffen sind», sagt Wey. Das wird in den kommenden sechs Folgen aber voraussichtlich nicht so bleiben. «Wir arbeiten an einem Stimmen- und Gedankenarchiv», sagt er, ohne Näheres verraten zu wollen. Bis 6. Juni wird jeden Freitag eine neue Folge aufgeschaltet.

Ausstattungsstücke und beschriftete Socken

GKW möchten es aber nicht mit dem Hör-Archiv im virtuellen Raum belassen. «Wir wollen auch analog ein Archiv hinterlassen», sagt Wey. So werden Ausstattungsstücke der ursprünglich geplanten Produktion auf Anfrage verschickt. In der ersten Folge waren es Socken mit der Aufschrift «Drei neue Bunker». «Die Hörerinnen und Hörer sollen so zu Hüterinnen oder Archivaren unserer Ausstattung werden.»

Zum Schluss noch die Frage, wie es den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wirklich persönlich, das heisst finanziell oder wirtschaftlich, geht: «Wir haben unser Projekt, das finanziert ist. Uns betrifft das Veranstaltungsverbot wirtschaftlich also nicht so sehr wie viele unserer Kolleginnen und Kollegen», sagt Zino Wey. Zumindest vorübergehend. Denn Gilliéron, Koch und Wey sind auch in andere Engagements eingebunden. Im Juni hätte Wey an der Volksbühne Berlin zum Beispiel eine «Lange Nacht der vergessenen Stücke» kuratieren sollen. Diese Vorstellung entfällt.

«Drei neue Bunker» Audioperformance von Moïra Gilliéron, Ariane Koch, Zino Wey (GKW). Bis 5. Juni mit jeweils freitags neu aufgeschalteten Folgen: www.dreineuebunker.ch

Meistgesehen

Artboard 1