Er kam, sah und siegte. Barry Kosky, der kleine Mann mit Denkerbrille und Dreitagebart hält es aktuell wie einst Caesar. Wo der Australier mit jüdischen Wurzeln auftaucht, jubelt das Volk – wobei mit Volk abwechselnd Hunderttausende internationale Opernfans oder auch die Stadt Berlin gemeint ist, wo Kosky seit 2012 höchst erfolgreich die Komische Oper leitet. Selbst die Bayreuther Festspiele haben ein halbes Jahr auf Koskys Zusage für 2017 gewartet, und die sind sonst eher unzimperlich mit Den-Tarif-Durchgeben.

Im Zürcher Opernhaus allerdings herrscht an diesem Septembervormittag statt Jubeltrubel konzentrierte Arbeitsatmosphäre und eine derartige Finsternis, dass der Soundingenieur über die Tasche der Journalistin stolpert. Auch sonst hat der Mann gerade wenig zu lachen. «Das tönt wie Champagnerkorken. Es tut mir leid, aber so ist es inakzeptabel», kommt der Befund aus dem Herzen der Finsternis, von dorther, wo Barrie Kosky sitzen muss. Mit den inakzeptablen Champagnerkorken sind zwei Duellschüsse gemeint, die zwischen den Freunden Onegin und Lensky fallen, letzteren das Leben kosten und Ersteren seine Seelenruhe. Wobei, mit übermässiger Seelenruhe kann der Protagonist von Tschaikowskys Oper «Jewgeni Onegin» ohnehin nicht punkten.

Das verbindet ihn mit dem Opernregisseur Barrie Kosky, immer in Bewegung, immer aktiv. Nur dass Koskys Seelenunruhe in einen Zustand sprudelnder Kreativität eruptiert (während sie bei Onegin das Gegenteil bewirkt). Auch jetzt ist Handeln angesagt, schliesslich müssen die Pistolenschüsse in Sachen Glaubwürdigkeit zulegen, sonst knallt’s (oder eben nicht).

Wo er auftaucht, taucht man ab

«Mir ist es wichtig, dass auf der Bühne eine Welt entsteht», gibt der zurzeit wohl angesagteste Regisseur Einblick in seine Arbeitsweise, für die er mit Preisen überhäuft wird (2016: Regisseur des Jahres, 2013: Opernhaus des Jahres). Was der Fünfzigjährige damit meint, muss man erleben. So, wie man die Inszenierungen des Australiers erfahren muss, um den Kosky-Hype zu verstehen. Etwa jenen um seine Berliner «Zauberflöte», die er als atemberaubende Stummfilmanimation auf die Bühne bringt und damit mittlerweile 250 000 Zuschauern drei Stunden Glücksmomente beschert. Oder jenen, wenn er Wagners «Meistersinger» in Bayreuth so psychologisch-historisch liest, wie sie noch keiner gelesen hat. Und jenen um Koskys zwölfstündige Monteverdi-Sause an der Komischen Oper.

Boutique Experience!

Zwölf Stunden Oper – das macht etwas mit einem. Und exakt um dieses Erleben geht es Kosky: «Wir müssen zurück zur Idee, dass Oper alles ist, was Film oder was Internet nicht ist. Oper passiert im Raum, mit fremden Menschen, mit Atem, Klang und Bewegung. Das gibt es nirgendwo sonst! Das ist boutique experience!»

In diese Kategorie gehört auch, dass die Zürcher «Onegin»-Inszenierung auf der Bühne einen Wald wachsen lässt – so sinnlich-natürlich, dass man am liebsten barfuss im Gras zwischen den Bäumen spazieren möchte. Es stimmt. Barrie Koskys Inszenierungen sind eine Augenweide. Aber nicht nur das. Auch die Charaktere werden bei ihm zu lebenden Personen, die man zu kennen meint. «Ich glaube an Personenführung», fasst der Fünfzigjährige lakonisch zusammen. Wie ernst es ihm damit ist, merkt man, sobald er nun über die Bühne der Zürcher Oper stapft, die Sänger wortwörtlich am Ärmel mit sich ziehend – auf dass sie ihm in die Geschichte folgen. «Meine Herren, das war exzellent. Ich danke Ihnen», adelt er verbal die Leistung des Chors, um sich genauso mustergültig bei Szenenwiederholungen für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Denn für Kosky gilt nicht nur: Er kam, sah und siegte. Sondern auch: Er kam, sah und sprach – und zwar derart warmherzig und mit erlesener Höflichkeit, dass die Sänger sich fallen lassen können – und andererseits ihre Spielhemmungen.

Mit Simpsons und Sitcoms

Doch selbst dieses Gemisch aus Naturalismus und Lebendigkeit hiesse noch nicht, Kosky in seiner ganzen Grösse zu erleben. Denn die exzellenten Umgangsformen à la K. u. K. Monarchie werden komplementär erweitert mit Barrie Koskys total heutiger medialer Sozialisation – sprich: mit Simpsons und Sitcoms. Vielleicht darum sehen seine Opern auch so unopernhaft aus und sind gerade darum umso mehr Oper, eben: Oper in ihrer Reinform, ohne die Starre jenes jahrzehntelangen Regiesündenregisters, das sich sonst so gerne auf diesem Genre ablagert. Denn Barrie Kosky lässt sich von allem inspirieren, nur nicht von den Regieanweisungen in den Libretti. «Die lese ich nie», betont er dezidiert. «Denn der Impuls, wie eine Inszenierung riecht, kommt für mich immer aus der Musik.» Ein einziges Mal, seit er sich erinnern kann, habe er eine Ausnahme gemacht. Dies ausgerechnet in der aktuellen Zürcher Inszenierung: «Da steht: Sie kochen Marmelade», erklärt Kosky. «Und diese Marmelade ist tatsächlich wichtig für das Stück. Indem sie einerseits belanglose Süssigkeit ist und andererseits etwas sehr Bedeutungsvolles.»

Zufall oder nicht, dass diese Doppelrolle dem nahekommt, was Oper heute für den Australier ausmacht. Schliesslich findet Kosky: «Oper kann nicht die Welt retten. Aber für zwei, drei Stunden erlaubt sie uns zu träumen. Das ist ein unglaublich wichtiger Teil unseres menschlichen Lebens – und Oper vereint sie in sich wie fast keine andere Kunstform.»