Jamie Lidell

Ein Seiltänzer, der Gospel singt

Jamie Lidell ist ein Grenzgänger, einer, der gerne mal in allen möglichen Genre stöbert und alles zusammenschmeisst.Lindsey rome

Jamie Lidell ist ein Grenzgänger, einer, der gerne mal in allen möglichen Genre stöbert und alles zusammenschmeisst.Lindsey rome

Zwischen Derwisch und Herzerweicher: Der englische Komponist und Sänger Jamie Lidell kann fast alles. Sein neues Album hätte sein bestes werden können

Es ist sicher nicht einfach, Jamie Lidell zu sein. Der englische Sänger – aufgewachsen in der englischen Provinz und inzwischen, nach Stationen in Berlin und New York, schon seit einigen Jahren in Nashville wohnhaft – hat ein Luxusproblem, das ihm bislang die ganz grosse Karriere verbaut hat: Er kann einfach zu viel.

Der 43-Jährige, geboren als Jamie Alexander Lidderdale, kann singen wie ein direkter Nachkömmling von Al Green und Curtis Mayfield, den Funk entfachen wie Prince, sehr intime Preziosen in Noten verwandeln und Konzerte geben, bei denen sich einem die Augen und Ohren weiten.

Jamie Lidell live beim amerikanischen Radiosender KEXP

Jamie Lidell live beim amerikanischen Radiosender KEXP

Wer ihn schon mal auf einer Bühne erlebt hat, weiss um seine prickelnde Unberechenbarkeit. Mal im grossen Ensemble mit etlichen Instrumentalisten, mal alleine mit einem ganzen Fuhrpark an Samplern und Effektgeräten zaubert Lidell bei seinen Bühnenshows Dinge aus dem Hut, von denen nicht mal er selbst wusste, dass sie sich darin befinden.

Es kann immer alles passieren

Vor einigen Jahren gab er am Blue Balls in Luzern ein berauschendes Konzert, bei dem er sich im Morgenmantel und Pyjama den Funk aus den Gliedern schüttelte und immer wieder ekstatisch zu Boden ging. Bei seinen letzten Schweizer Konzerten im Kaufleuten liess er allerdings die Knackigkeit und Zugänglichkeit mehrheitlich vermissen, verlor sich zu sehr im Experimentellen und operierte weitgehend am Publikum vorbei. Alles kann passieren, wenn Lidell auf der Bühne steht – und genau das ist so spannend bei diesem Künstler.

Er ist ein Grenzgänger, einer, der gerne mal in allen möglichen Genres stöbert, alles zusammenschmeisst, plötzlich die Richtung wechselt und sich dabei gerne mal die Finger an einer heissen Herdplatte verbrennt.

Es ist auch nicht ganz sicher, wo er stärker ist: im Chaos, wie bei seinen Bühnenshows, in der Komposition und konzisen Umsetzung von stilechten Soul- und R&B-Songs oder im eher wirren, experimentellen Chaos, aus dem er dann irgendwann eine geniale Melodie herleiten, um sie bald darauf wieder zu verschütten.

Der leise Nachfolger von «Jim»

Am 1. November hat das Deutschschweizer Publikum wieder die Gelegenheit, seinen Seiltänzen beizuwohnen. Er stellt im Zürcher Kaufleuten sein mittlerweile siebtes Soloalbum «Building A Beginning» vor.

Dieses, erst vor wenigen Tagen veröffentlicht, klingt wie der leise, andächtige Nachfolger von «Jim» von 2008 – jenem Album, auf dem Lidell, der schon immer ein Technik-Geek war und mit der Formation Super Collider und wilden Elektronik-Experimenten ins Musikgeschäft einstieg, für einmal nur auf seine Stimme und klassisches Songwriting vertraute. Wie ein kraftvolles Black-Music-Best-of klang diese Platte, wie der Soundtrack für einen perfekten Tag: vom Aus-dem-Bett-Hüpfen und zu den ersten Sonnenstrahlen den Tag anpacken, über verschlungene, geheimnisvolle Momente bis zum heissen Tänzchen zu später Stunde – für jeden Moment hatte er einen Song auf den Lippen.

Sein nun erschienener Siebtling stellt so etwas wie den schüchternen Zwillingsbruder dieses Albums dar. Es klingt zum Teil wie in einer kleinen Kapelle aufgenommen, soulig und erdig im Klang, der Elektronik-Spleen tritt nur fast unmerklich, im Dienste der Songs zum Vorschein. Sein inneres Stimmungsbarometer steht auf Rhythm and Blues, auf Gospelanleihen, auf leisen Kummer, und sanfte, schimmernde Euphorie. Er pendelt zwischen völliger innerer Zufriedenheit und Aufbruchstimmung sowie nagenden Zweifeln und Nackenschlägen.

Zwischendurch ein Absacken

Das neuste Album ist nicht Lidells bestes. Aber es hätte es durchaus werden können, denn es hat einige grandiose Momente. Den vielleicht grandiosesten setzt er gleich zu Beginn, mit dem Titelstück. «Building A Beginning» klingt wie ein unbeschwerter, heilig schimmernder Neuanfang. Die Worte nehmen im Rachen etwas Reibung und tanzen dann leichtfüssig von der Zunge, berichten von neuer Zuversicht – vermutlich getankt durch die Geburt von Sohn Julian, dem der darauffolgende elastisch brummende Midtempo-Song gewidmet ist.

Zwischendrin, zwischen Gospelchören, Harfenklängen, Piano-Mantras – man höre das grossartig gesungene «Believe In Me» – sackt die Spannungskurve leider immer wieder ab. Nur ein Drittel des Albums kann wirklich begeistern. Doch in den besten Momenten haben die neuen Songs eine Heiligkeit, eine Herbstlichkeit, eine sanfte Power. Eine Elektrizität, die einen seinem Konzert entgegenfiebern lässt. Wie schon so oft.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1